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Insolvenz : Krimi um „Gorch Fock“ und ihre Werft

Die „Gorch Fock“ läuft aus ihrem Heimathafen in Kiel aus. Bild: dpa

Die Sanierung des maroden Segelschiffs „Gorch Fock“ gerät immer weiter zum Krimi. Jetzt meldet die zuständige Werft Insolvenz an – und es ist von rätselhaften Geldflüssen in Millionen-Höhe die Rede.

          Die durch die Sanierung der „Gorch Fock“ in die Schlagzeilen geratene niedersächsische Elsflether Werft AG hat einen Insolvenzantrag gestellt. Ziel sei ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung, sagte der neue Vorstandschef Axel Birk am Mittwoch bei der Abfahrt von der Werft zum Amtsgericht Nordenham. „Wir werden es versuchen.“ Zuvor war die Belegschaft über die Lage informiert worden. Gleichzeitig hatten der Verteidigungs- und der Haushaltsausschuss des Bundestages darüber beraten, ob die Sanierung des maroden Segelschulschiffs der Marine fortgesetzt werden soll. Die IG Metall hatte sich bereits zuvor dafür ausgesprochen, damit es in der Region „nicht zu massiven Verwerfungen kommt“.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Die Kosten für die Sanierung des Dreimast-Seglers sind über die Jahre in die Höhe geschnellt. Ursprünglich waren 10 Millionen Euro vorgesehen, dann wurde auf 75 Millionen Euro erhöht, inzwischen wird mit bis zu 135 Millionen Euro gerechnet. Bis jetzt sind rund 70 Millionen Euro ausgegeben worden, erfuhr die F.A.Z. aus dem Verteidigungsministerium. Es gebe auch keine Bestrebungen, den Auftrag zurückzuziehen. Das hänge allerdings davon ab, wie es jetzt in der Werft weitergehe.

          Von den rund 70 Millionen, die der Bund bezahlt hat, sind nach Informationen der F.A.Z. mehr als 20 Millionen Euro bislang nicht klar zu belegen. Ende Januar sind Aufsichtsrat und Vorstand der Werft auch vor diesem Hintergrund mit sofortiger Wirkung abberufen worden. Sie stünden unter dem Anfangsverdacht, erhebliche Pflichtverletzungen zu Lasten der Werft und damit auch des Vermögens der Hamburger Sky-Stiftung begangen zu haben, hieß es. Die Stiftung ist alleinige Anteilsinhaberin der niedersächsischen Traditionswerft.

          Die Mitarbeiter nicht hängen lassen

          Unternehmen, die gute Aussichten auf eine Fortführung des Geschäftsbetriebs sehen, können wie jetzt die Elsflether Werft bei Gericht ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beantragen. Das ist eine Variante des Insolvenzrechts, die statt einer Abwicklung auf die Sanierung eines Unternehmens zielt. Die IG Metall Küste zeigte sich zuversichtlich, so die Arbeitsplätze der Werft und der Zulieferer zu sichern. „Das Liquiditätsloch ist so groß, dass man das nicht hinkriegt, ohne Insolvenz anmelden zu müssen“, war in Gewerkschaftskreisen zu hören.

          Wichtigster Unterschied des Verfahrens in Eigenverantwortung ist: Die Geschäftsleitung bleibt dann im Amt, ihr wird allerdings ein sogenannter Sachwalter von außen zur Seite gestellt. Sie behält damit aber große Teile der Verfügungsgewalt über das Unternehmen. Zugleich ist die Firma vor Vollstreckungen und Zwangsmaßnahmen von Gläubigern geschützt.

          Ein Blick auf das Gelände der Elsflether Werft

          Die IG Metall Küste hat das Bundesverteidigungsministerium aufgefordert, den Weiterbau des Segelschulschiffes Gorch Fock trotz des laufenden Insolvenzverfahrens durch die Elsflether Werft AG zu ermöglichen. „Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen darf die Beschäftigten der Werft und bei den Zulieferern nicht hängen lassen“, sagte Meinhard Geiken, Bezirksleiter der IG Metall Küste. „Die Werft muss auch in dieser schwierigen Situation die Chance bekommen, die geforderte Transparenz über die Kosten herzustellen und dann die Sanierung des Schiffes fortzusetzen“. Geiken weiter: „Neben den 130 Beschäftigten auf der Elsflether Werft geht es uns auch um hunderte Arbeitsplätze bei Zulieferern und anderen Unternehmen in Niedersachsen und Bremen. Die Beschäftigten dürfen nicht zu Opfern von Misswirtschaft und Korruption werden.“

          Angeblich rätselhafte Geldflüsse in Millionen-Höhe

          Vor diesem Hintergrund war die Beratung des Verteidigungsausschusses wichtig, ob die Sanierung der Gorch Fock fortgesetzt werden soll. Bundesverteidigungsministerin von der Leyen hat sich dem Vernehmen nach nach einem Treffen mit der neuen Unternehmensleitung dafür ausgesprochen – allerdings „unter strenger Beobachtung“. Im April soll der sanierte Rumpf der Gorch Fock versuchsweise zu Wasser gelassen werden. Aktuell liegt das Schiff bei der Bredo-Werft im Bremerhavener Fischereihafen. Bredo stellt als Unterauftragsnehmer das Dock und Arbeitskräfte zur Verfügung – und gehört damit zu den Gläubigern der Elsflether Werft. Die angeschlagene Elsflether Werft in der Wesermarsch macht fast  90 Prozent ihres Umsatzes mit Aufträgen von der Marine. Der „Gorch Fock“-Sanierung ist derzeit der wichtigste Auftrag.

          Zwei Staatsanwaltschaften – Hamburg und Osnabrück – sind derzeit mit Ermittlungen gegen den alten Vorstand beschäftigt. Es ermittelt deswegen auch eine eigens eingerichtete „Soko Wasser“. Es geht dabei um den Verdacht der Untreue gegen einen Ex-Vorstand, um den sich die Ermittler in Hamburg kümmern, zudem um einen Korruptionsverdacht, der in die Zuständigkeit von Osnabrück fällt. Dabei geht es auch um die rätselhaften Geldflüsse in Höhe von rund 20 Millionen.

          Ende Januar wurde der alte Werft-Vorstand ab- und der jetzt amtierende neue eingesetzt. Neuer Aufsichtsratsvorsitzender der Werft ist der Hamburger Manager Pieter Wasmuth, neuer Werft-Vorstandschef Birk. Die IG Metall erwarte „Aufklärung über das von den früheren Vorständen aufgebaute Unternehmensgeflecht und angeblich rätselhafte Geldflüsse in Millionen-Höhe. Sollte Geld abgeflossen sein, muss alles dafür getan werden, um es zurückzubekommen und so die finanzielle Situation des Unternehmens zu verbessern“, sagte Gewerkschafter Geiken.

          „Jetzt implodiert die Gorch-Fock-Sanierung“

          Planungsfehler der Marine, Kritik des Rechnungshofs und der massive Korruptions- und Untreueverdacht, dazu die Absetzung der Werftleitung machen die Sanierung der „Gorch Fock“ zu einem Problem für die Verteidigungsministerin. Die alten Werftführung konstruierte laut von der Leyen ein Firmengeflecht von vielen Tochter- und Unterfirmen. „Sie hat Millionen aus der Elsflether Werft in dieses Firmengeflecht geleitet“, sagte die Ministerin. Die vor drei Wochen eingesetzte neue Geschäftsführung bringe „sehr konstruktiv und professionell Licht ins Dunkel. Zur Insolvenz der Werft habe die Entnahme von Geldern geführt, sagte von der Leyen, nicht der zwischenzeitlich angeordnete Zahlungsstopp des Verteidigungsministeriums.

          FDP und Grüne im Bundestag forderten nach Bekanntwerden des Insolvenzantrags, dass die Sanierung der „Gorch Fock“ zunächst auf Eis gelegt wird. Die Arbeiten an dem Schiff seien bis „zur Klärung aller offenen Fragen sofort einzustellen“, hieß es am Mittwoch in einem Antrag. Die Bundesregierung solle zudem bis zum 15. März berichten, welche finanziellen und zeitlichen Auswirkungen die Insolvenz der Elsflether Werft AG auf die Fertigstellung der „Gorch Fock“ habe.

          „Jetzt implodiert die Gorch-Fock-Sanierung. Wenn die Werft Insolvenz anmeldet, dann kommt die Sanierung des Schiffs womöglich zum Vollstopp“, sagte FDP-Haushaltspolitiker Karsten Klein. „Es ist zu befürchten, dass die Kosten dann noch einmal massiv steigen, alleine schon wegen des Eigentumsvorbehalts nicht bezahlter Subunternehmer.“ Die Bundesregierung müsse sicherstellen, dass der Steuerzahler für Teile der Gorch Fock nicht zweimal bezahlt.

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