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Beschluss der Börsenaufsicht : Amerikanische Unternehmen müssen Gehaltsschere offenlegen

  • Aktualisiert am

Blick in ein Bürogebäude: Was verdient der Durchschnittsangestellte im Verhältnis zum Chef? Bild: AP

Wie viel verdient der Chef im Verhältnis zu seinen Angestellten? Das müssen amerikanische Unternehmen bald offenlegen. Doch das Vorhaben der amerikanischen Börsenaufsicht SEC ist umstritten.

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          Amerika steht kurz davor, die Unterschiede in der Bezahlung zwischen den Chefs börsennotierter Unternehmen und ihren Angestellten transparenter zu machen. Die amerikanische Börsenaufsicht SEC plant, nach langem Ringen eine entsprechende Regel fertigzustellen. Am Mittwoch fand die Regel in einer Abstimmung eine Mehrheit.

          Die neue Regel zwingt Tausende amerikanischer Unternehmen, viel genauere Zahlen über die Bezahlung ihrer Mitarbeiter vorzulegen als bislang üblich. Die Unternehmen sollen ihre „Pay Ratio“ offenlegen, also das Verhältnis zwischen der Bezahlung des Vorstandsvorsitzenden und des Durchschnittsangestellten. Bislang sind zwar die Gehälter der Chefs bekannt, was aber der gewöhnliche Angestellte verdient, geben die meisten Unternehmen nicht an. Eine Ausnahme ist das Öl- und Gasunternehmen Noble Energy Inc. Es gab im März bekannt, dass der Chef 82 Mal mehr verdient als der Median-Angestellte.

          Debatte über wachsende Ungleichheit

          Die neue Regel wird der Debatte, die in Amerika über wachsende Ungleichheit geführt wird, neuen Schwung geben. In den vergangenen Jahren haben sich in den Vereinigten Staaten die Gehälter immer weiter auseinander entwickelt. Das Washingtoner Economic Policy Institute (EPI), das den Demokraten nahe steht, hat berechnet, dass 1960 die Chefs noch etwa 20 Mal so viel verdienten wie ihre mittleren Angestellten, im Jahr 2000 war es schon 384 Mal so viel.

          Seither ist das Verhältnis wieder etwas zurückgegangen. Der durchschnittliche Vorstandsvorsitzende der 350 größten amerikanischen Unternehmen verdiente 2013 laut EPI 15,2 Millionen Dollar im Jahr, darin sind auch Boni, Aktienoptionen und Ähnliches enthalten. Der mittlere Angestellte verdiente 52100 Dollar. Befragt in einer Studie der Zeitschrift „Perspectives on Psychological Science“ schätzten die Amerikaner, dass Chefs etwa 30 Mal so viel verdienen wie ihre mittleren Angestellten – in Wirklichkeit ist es der Statistik zufolge etwa 300 Mal so viel.

          Das Vorhaben der SEC war lange umstritten und ist es bis heute. Denn während viele Demokraten hoffen, dass die neue Regel Unternehmen mit großen Unterschieden unter Druck setzen wird, diese abzubauen, sind einige Republikaner und auch Unternehmen anderer Meinung. Sie sehen hohe Kosten und mehr Bürokratie auf sich zukommen und glauben nicht, dass der Quotient etwas Sinnvolles aussagt. Der republikanische SEC-Kommissar Daniel Gallagher nannte die Bezahlungsverhältnis-Regel ein Musterbeispiel für „Sozialpolitik, die sich als Offenlegungspflicht maskiert“. Es wird erwartet, dass Gallagher sowie der andere republikanische Kommissar in der SEC, Michael Piwowar, gegen die Regel stimmen.

          In Deutschland ist die Schere zuletzt weiter auseinandergegangen

          Die Demokraten hingegen beklagten bis zuletzt, dass es so lange dauerte, bis die Regel beschlossen wurde. 2010 war die Idee, das Verhältnis offenzulegen, Teil des Dodd-Frank Acts nach der Finanzkrise. Den ersten Vorschlag dazu hatte die SEC schon im Herbst 2013 gemacht. Im März hatten 58 Kongressabgeordnete einen Brief an die SEC geschrieben mit der Aufforderung, diese Regel endlich zu beschließen. Auch wenn dies nun geschehen ist: Etliche Unternehmen dürften dagegen vor Gericht ziehen.

          In Deutschland gibt es keine derartige Regel. Der Corporate-Governance-Kodex legt den Unternehmen nur nahe, dass die Vergütung der Vorstände „angemessen“ sein soll. Dieses Wort bezieht sich explizit auch auf das Gehaltsgefüge innerhalb des Unternehmens: Der Aufsichtsrat soll „das Verhältnis der Vorstandsvergütung zur Vergütung des oberen Führungskreises und der Belegschaft insgesamt“ berücksichtigen. Genauer wird der Kodex an dieser Stelle nicht – und er hat auch nur empfehlenden Charakter.

          Eine Auswertung der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) ergab unlängst, dass die Schere zwischen Angestellten und Vorständen zuletzt weiter auseinander gegangen ist. Im vergangenen Jahr erhielten die Vorstände der 30 Dax-Konzerne (inklusive der Vorstandsvorsitzenden) demnach im Schnitt 54 Mal so viel Geld wie ihre Angestellten. Im Mittel kamen die Vorstände auf Bezüge von 3,4Millionen Euro. Spitzenreiter war VW-Vorstandsvorsitzender Martin Winterkorn mit Bezügen von 15Millionen Euro.

          Den meisten Menschen ist das freilich viel zu viel. Eine Umfrage der Harvard Business School in 40 Ländern ergab, dass ein Chef das 4,6-Fache eines einfachen Angestellten verdienen sollte. Amerikaner und Deutsche zeigten sich etwas großzügiger, sie gestanden den Chefs das 6- bis 7-Fache zu. Der Management-Vordenker Peter Drucker warnte seinerzeit, die Unzufriedenheit der Belegschaft wachse, wenn ein Chef mehr als das 20-Fache seiner Angestellten bekommt.

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