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Science-Fiction als Vorlage : Ideen aus dem Weltall

Science-Fiction lässt mögliche künftige Welten sichtbar werden. Aus den ausgedachten Konzepten wurde schon so manches reale Produkt. Das nutzen immer mehr Unternehmen, um auf neue Erfindungen zu kommen.

          Man könnte das hier alles für furchtbar skurril halten. Ein Sciencefiction-Fan verwirklicht sich seinen Traum, baut die größte Spezialbibliothek in Europa auf und schreibt auf seine Visitenkarte „Vorstand/CEO“. In den Keller lässt er eine Leseecke bauen, in der Weltraumfans auf Perry-Rhodan-Sesseln alle Star-Trek-Bände durcharbeiten können. Den Raum betreten Besucher durch einen Torbogen, der ebenfalls aus Perry-Rhodan-Romanen gestaltet ist, 250.000 Bücher findet der Nerd in der öffentlichen Bibliothek. Die Horrorabteilung ist mit Fledermausschmuck ausstaffiert, in der Märchenecke finden Lesungen auf einem Himmelbett statt.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Nur ist das alles gar nicht so skurril, finden zumindest immer mehr Manager aus der deutschen Wirtschaft, die bei „CEO“ Thomas Le Blanc um Hilfe bitten. Der Bibliotheksgründer und frühere Journalist aus dem hessischen Wetzlar hat sein schräg wirkendes Hobby erst zum Beruf gemacht und dann auch noch eine neuartige Unternehmensberatung darauf aufgebaut. Seine Lektüretipps reichen von Asimov bis Benford, von Frank Herbert bis Bradbury, von Eschbach bis Herbert W. Franke. Und weil er seit fünf Jahrzehnten so ungefähr alles kennt, was in der Sciencefiction-Literatur von Relevanz ist, erkennen Innovationsmanager und Produktentwickler in ihm und seiner stiftungsfinanzierten Sammlung einen wertvollen Schatz.

          Hinweise für die Welt von morgen

          „Früher hat sich nur das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt für uns interessiert“, erinnert sich Le Blanc. „In diesem Jahr hat sich das ziemlich geändert: plötzlich will eine große Zahl von Institutionen einen literarischen Blick in die Zukunft wagen.“ Ermüdet von den abstrakten Prognosen der Zukunftsforscher suchen sie in den fiktiven Szenarien der Romanciers nach Hinweisen, wie die Welt von morgen aussehen könnte. „Und zu meiner Überraschung sind sie nicht nur an den Szenarien interessiert, sondern auch an Kreativitätsmethoden, um auf neue Ideen zu kommen“, sagt Le Blanc.

          Wer in den vergangenen Jahren den öffentlichen Sciencefiction-Diskurs ein bisschen verfolgt hat, findet das womöglich gar nicht so ungewöhnlich. Spätestens in dem Moment, in dem der Unterhaltungselektronikkonzern Samsung vor einem kalifornischen Gericht Bilder aus Stanley Kubricks Filmmeisterwerk „2001: Odyssee im Weltraum“ als Beweismaterial einsetzte, wurde klar, dass Sciencefiction für Unternehmen mehr ist als eine Spielerei. Im Plagiatsstreit mit dem Wettbewerber Apple präsentierten die Südkoreaner ein Szenenfoto, das einen flachen Computer ohne Tastatur zeigt. Damit wiesen sie den Vorwurf zurück, dem Konkurrenten eine Idee gestohlen zu haben: Wenn schon Kubrick im Jahr 1968 solche Objekte vorführte, könne es mit der Urheberschaft von Apple für den Tabletcomputer nicht weit her sein.

          Auch Handys fingen mal groß an: Pionier Martin Cooper mit dem ersten Mobiltelefon, für das er sich von „Raumschiff Enterprise“ inspirieren ließ

          Doch zurück nach Wetzlar: Auch Christian Küchenthal saß schon auf dem Perry-Rhodan-Sessel im zweiten Untergeschoss. Der in der Chemiesparte tätige Innovationsmanager von Merck war schnell von dem weißhaarigen und -bärtigen Bibliotheksleiter Le Blanc überzeugt. „Wir suchten nach Antworten, wie wir auf Zukunftstrends kommen könnten“, erzählt er. „Wir wollten wissen, wie die Welt in einigen Jahrzehnten aussieht und wie wir davon profitieren können, indem wir einen Mehrwert für die Kunden schaffen.“ Mit knapp 20 Kollegen ließ er sich auf den Workshop in der Phantastischen Bibliothek ein. „Der Sciencefiction-Autor nimmt die aktuelle soziale und technologische Situation und versucht, sie durch Übertreibung in die Zukunft zu projizieren“, sagt Küchenthal.

          In Gruppenarbeit spielten er und seine Truppe zwei Szenarien durch: Wie sähe eine Welt aus, in der man nur noch laufen darf, und wie eine, in der man gar nicht mehr laufen darf? Welche technologischen und sozialen Folgen hätte ein Kometeneinschlag? Der Merck-Manager ist in seinem Urteil kaum zurückhaltend: „Durch die Frage, was das für uns heißt, kamen Ideen auf, die wir sonst nie gehabt hätten.“ Werden andere Manager von ihren Vorgesetzten zum Teil noch mitleidig angeschaut, wenn sie ihnen von der Ideenschmiede in Wetzlar erzählen, unterstützen ihn seine Vorgesetzten. „Durch dieses Verfahren verstehen wir besser, was vielleicht künftig einmal wichtig werden könnte“, sagt Küchenthal.

          Fiktive Ideen werden Realität

          Welches innovative Potential in der phantastischen Literatur steckt, hat auch die European Space Agency in den Niederlanden schon vor mehr als einem Jahrzehnt entdeckt. Im September 2002 veröffentlichte die Behörde einen Bericht, in dem sie Technologien aus der Sciencefiction-Literatur zusammentrug – in der Hoffnung, weltraumtechnische Anwendungen weiterzuentwickeln: Antriebstechniken auf Basis der Raum-Zeit-Krümmung, Fusions- oder Ionentriebwerke, Weltraum-Laser und magnetische Schilder, verzögerungsfreie Kommunikation. „Auch hoffte man, dabei Einfälle und Anregungen für potentielle langfristige Forschungs- und Entwicklungsarbeiten der europäischen Raumfahrt zu gewinnen“, schrieb der damalige ESA-Projektleiter David Raitt in dem Bericht.

          Zahllose Beispiele lassen sich finden, wie fiktive Ideen eines Tages politische oder ökonomische Realität wurden. Eines der spektakulärsten stammt aus der Atomphysik: Der britische Romancier H.G. Wells sagte um 1910 eine bestimmte Kettenreaktion in der Atomtechnik voraus. Der ungarische Physiker Leo Szilárd, der an der Entwicklung der Atombombe in Amerika beteiligt war, berichtete später, diese Passage habe bei ihm den entscheidenden Impuls gesetzt, in eine bestimmte Richtung weiterzudenken. Später hat dies die wirtschaftliche Nutzung der Kernenergie ermöglicht. Ähnlich war es in der amerikanischen Marine, die vor dem ersten Weltkrieg einen Wettbewerb für ein U-Boot ausschrieb. Der zweitplazierte Teilnehmer orientierte sich an Jules Vernes „Nautilus“.

          Das Konzept einer in der Tiefsee schwimmenden Geheimwaffe war zwar ungeeignet für den damaligen Bedarf, die Küsten zu schützen. Jahre später erinnerte man sich aber des Entwurfs und baute U-Boote nach dem „Nautilus“-Vorbild. Noch wirtschaftlicher wurde es bei anderen Autoren: Der französische Schriftsteller Albert Robida erdachte sich schon vor mehr als 100 Jahren Flachbildschirme und Videokonferenzen. Teledoktoren, wie sie zum Teil in der Gesundheitsvorsorge eingesetzt werden, kommen bei dem aus Luxemburg stammenden Romanschreiber Hugo Gernsback vor. Kleine Bücher namens Opton, bei denen man die Inhalte auf eine Seite ziehen kann wie heute auf ein Tablet, beschrieb der polnische Kultautor Stanislaw Lem.

          Martin Cooper, der Vater des Mobiltelefons, der 1973 mit einem Motorola-Prototyp das erste schnurlose Telefonat machte, beschrieb, wie unmittelbar er für seine Idee von Sciencefiction beeinflusst wurde. Dabei war es ihm fast ein bisschen unangenehm, dass sein Modell eher einem Ziegelstein ähnelte als den coolen Handgeräten, mit denen die „Enterprise“-Besatzung von Captain Kirk, Pille und Mr. Spock kommunizierte. Die lässigen Handbewegungen, mit denen sie die Klappe ihres Utensils öffneten, habe ihn zu seinem Motorola-Handy inspiriert, sagte Cooper in der Dokumentation „Expedition Weltall“. Ähnliches könnte für die Handbewegung gelten, mit der Tom Cruise in dem Film „Minority Report“ seinen Bildschirm steuert und die verdächtig an das Blätterverfahren bei Apples iPads erinnert.

          Werbefilm für die Zukunft

          Besonders einflussreich scheint Kubricks „Odyssee im Weltraum“ gewesen zu sein. Der Bordcomputer Hal, gegen dessen zunehmendes Eigenleben der Protagonist Dave Bowman in der Galaxie ankämpft, hat die Fähigkeit, Emotionen zu imitieren. Die Firma Affective Media stellte später ein Programm her, das Gefühle aufgrund der Stimmlage interpretieren kann. Das Filmkunstwerk sei aber weit davon entfernt, Unternehmen den Weg gewiesen zu haben, sagt der Berliner Filmwissenschaftler Rolf Giesen. „Der Film ,2001‘ war ein Werbefilm für die Zukunft“, sagt er. „Viele Firmen lieferten Designs, um in dem Film vertreten zu sein.“ Der Glaube, dass Geisteswissenschaftler in Filmen und Romanen die Produktwelt der Zukunft erdächten, gehe fehl, meint Giesen und spricht von einer sublimen Propaganda: „Hier werden utopische Vorstellungen propagiert, die unterschwellig vermarktet werden.“

          Wenn etwa in Luc Bessons „Das fünfte Element“ fliegende Autos für die Mobilität der Zukunft sorgen, sei das ein subtiler Versuch, heutige Produktwelten auf morgige Welten zu übertragen. „Das gegenwärtige Konsumverhalten wird auf die Zukunft gedrückt“, sagt Giesen. Bis heute ließen sich Science-Fiction-Filmer von Forschungslaboren der Unternehmen mit Prototypen bedienen. Auf einer cool wirkenden Plattform wie dem Film „Matrix“ von den Wachowski-Geschwistern würden dann Leitgedanken und Normen vorgestellt, die in der Zukunft bestimmend sein könnten. Mit einer schrittweisen Unterwanderung der Massenkultur hätten Technologiekonzerne so die Bereitschaft dafür geweckt, Szenarien wie in George Orwells Dystopie „1984“ freiwillig gut zu finden.

          Zurück in die Phantastische Bibliothek in Wetzlar: Für den Film träfen die Analysen Rolf Giesens zu, sagt Bibliothekar und Unternehmensberater Thomas Le Blanc. Romane indes böten einen freieren Rahmen, über die Limitierungen der echten Welt hinauszugehen. Warum aber suchen immer mehr Unternehmen seinen Rat? „Meine Erklärung ist die, dass Produktzyklen immer kürzer werden. Ideen müssen ganz neue Anwendungen beinhalten“, sagt Le Blanc. „Doch auf diese Ideen kommt man offenbar nicht mit herkömmlichen Kreativitätsmethoden.“ Die Beschäftigung mit Sciencefiction könne möglichen Entwicklungen keine Wahrscheinlichkeiten zuordnen. Ratschläge könne er den Unternehmen deshalb nicht geben.

          „Dadurch, dass es widersprechende Szenarien gibt, laufen wir nicht Gefahr, eine mögliche Entwicklung überzubewerten“, sagt er. Zudem habe kein einziger Sciencefiction-Autor vorhergesagt, welchen immensen Einfluss der Computer auf das Alltagsleben der Menschen in der heutigen Zeit haben würde. Immerhin aber glaubt er, dass die allzu häufig naturwissenschaftlich-technisch geprägten Geschichtenerzähler ihren Lesern noch einiges zu sagen haben: zur Cyborgisierung etwa – also der Kombination von Mensch und Maschine, zur Virtualität einer körperlosen Welt, zur erdnahen Raumfahrt und zum Megathema Umwelt/Energie/Ressourcen. Am Ende werden die technisch orientierten Sciencefiction-Autoren sicherlich mehr Einfluss haben als die Träumer und Märchenonkel. Das beklagte der österreichische Schriftsteller Robert Musil schon in seinem „Mann ohne Eigenschaften“.

          Von den romantischen Vorstellungen der Mobilität und der Kommunikation sei wenig übrig geblieben, beklagt er in einer Passage seines 2000-Seiten-Romans: „Allerdings, es ist nicht zu leugnen, daß alle diese Urträume nach Meinung der Nichtmathematiker mit einemmal in einer ganz anderen Weise verwirklicht waren, als man sich das ursprünglich vorgestellt hatte. Münchhausens Posthorn war schöner als die fabriksmäßige Stimmkonserve, der Siebenmeilenstiefel schöner als ein Kraftwagen, Laurins Reich schöner als ein Eisenbahntunnel, die Zauberwurzel schöner als ein Bildtelegramm, vom Herz seiner Mutter zu essen und die Vögel zu verstehen schöner als eine tierpsychologische Studie über die Ausdrucksbewegung der Vogelstimme. Man hat Wirklichkeit gewonnen und Traum verloren.“

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