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Science-Fiction als Vorlage : Ideen aus dem Weltall

Werbefilm für die Zukunft

Besonders einflussreich scheint Kubricks „Odyssee im Weltraum“ gewesen zu sein. Der Bordcomputer Hal, gegen dessen zunehmendes Eigenleben der Protagonist Dave Bowman in der Galaxie ankämpft, hat die Fähigkeit, Emotionen zu imitieren. Die Firma Affective Media stellte später ein Programm her, das Gefühle aufgrund der Stimmlage interpretieren kann. Das Filmkunstwerk sei aber weit davon entfernt, Unternehmen den Weg gewiesen zu haben, sagt der Berliner Filmwissenschaftler Rolf Giesen. „Der Film ,2001‘ war ein Werbefilm für die Zukunft“, sagt er. „Viele Firmen lieferten Designs, um in dem Film vertreten zu sein.“ Der Glaube, dass Geisteswissenschaftler in Filmen und Romanen die Produktwelt der Zukunft erdächten, gehe fehl, meint Giesen und spricht von einer sublimen Propaganda: „Hier werden utopische Vorstellungen propagiert, die unterschwellig vermarktet werden.“

Wenn etwa in Luc Bessons „Das fünfte Element“ fliegende Autos für die Mobilität der Zukunft sorgen, sei das ein subtiler Versuch, heutige Produktwelten auf morgige Welten zu übertragen. „Das gegenwärtige Konsumverhalten wird auf die Zukunft gedrückt“, sagt Giesen. Bis heute ließen sich Science-Fiction-Filmer von Forschungslaboren der Unternehmen mit Prototypen bedienen. Auf einer cool wirkenden Plattform wie dem Film „Matrix“ von den Wachowski-Geschwistern würden dann Leitgedanken und Normen vorgestellt, die in der Zukunft bestimmend sein könnten. Mit einer schrittweisen Unterwanderung der Massenkultur hätten Technologiekonzerne so die Bereitschaft dafür geweckt, Szenarien wie in George Orwells Dystopie „1984“ freiwillig gut zu finden.

Zurück in die Phantastische Bibliothek in Wetzlar: Für den Film träfen die Analysen Rolf Giesens zu, sagt Bibliothekar und Unternehmensberater Thomas Le Blanc. Romane indes böten einen freieren Rahmen, über die Limitierungen der echten Welt hinauszugehen. Warum aber suchen immer mehr Unternehmen seinen Rat? „Meine Erklärung ist die, dass Produktzyklen immer kürzer werden. Ideen müssen ganz neue Anwendungen beinhalten“, sagt Le Blanc. „Doch auf diese Ideen kommt man offenbar nicht mit herkömmlichen Kreativitätsmethoden.“ Die Beschäftigung mit Sciencefiction könne möglichen Entwicklungen keine Wahrscheinlichkeiten zuordnen. Ratschläge könne er den Unternehmen deshalb nicht geben.

„Dadurch, dass es widersprechende Szenarien gibt, laufen wir nicht Gefahr, eine mögliche Entwicklung überzubewerten“, sagt er. Zudem habe kein einziger Sciencefiction-Autor vorhergesagt, welchen immensen Einfluss der Computer auf das Alltagsleben der Menschen in der heutigen Zeit haben würde. Immerhin aber glaubt er, dass die allzu häufig naturwissenschaftlich-technisch geprägten Geschichtenerzähler ihren Lesern noch einiges zu sagen haben: zur Cyborgisierung etwa – also der Kombination von Mensch und Maschine, zur Virtualität einer körperlosen Welt, zur erdnahen Raumfahrt und zum Megathema Umwelt/Energie/Ressourcen. Am Ende werden die technisch orientierten Sciencefiction-Autoren sicherlich mehr Einfluss haben als die Träumer und Märchenonkel. Das beklagte der österreichische Schriftsteller Robert Musil schon in seinem „Mann ohne Eigenschaften“.

Von den romantischen Vorstellungen der Mobilität und der Kommunikation sei wenig übrig geblieben, beklagt er in einer Passage seines 2000-Seiten-Romans: „Allerdings, es ist nicht zu leugnen, daß alle diese Urträume nach Meinung der Nichtmathematiker mit einemmal in einer ganz anderen Weise verwirklicht waren, als man sich das ursprünglich vorgestellt hatte. Münchhausens Posthorn war schöner als die fabriksmäßige Stimmkonserve, der Siebenmeilenstiefel schöner als ein Kraftwagen, Laurins Reich schöner als ein Eisenbahntunnel, die Zauberwurzel schöner als ein Bildtelegramm, vom Herz seiner Mutter zu essen und die Vögel zu verstehen schöner als eine tierpsychologische Studie über die Ausdrucksbewegung der Vogelstimme. Man hat Wirklichkeit gewonnen und Traum verloren.“

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