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Glyphosat-Streit : Schwere Niederlage für Bayer

Das Unkrautvernichtungsmittel Roundup Bild: AP

Ist das glyphosathaltige Unkrautvernichtungsmittel Roundup verantwortlich für die Krebserkrankung eines amerikanischen Klägers? Ein Gericht hat dem Hersteller Monsanto nun eine Teilschuld gegeben.

          Der Leverkusener Bayer-Konzern hat im zweiten großen Prozess um das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat eine schwere Schlappe erlitten: Die sechs Geschworenen eines Gerichts in San Francisco haben am Dienstag einstimmig entschieden, dass Glyphosat-Produkte des von Bayer im vergangenen Jahr übernommenen amerikanischen Wettbewerbers Monsanto maßgeblich für die Krebserkrankung des Klägers verantwortlich waren.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Damit wird der Prozess nun in eine zweite Phase eintreten, in der über einen etwaigen Schadenersatz für den Kläger entschieden wird. Bayer sagte in einer Mitteilung, es sei „enttäuscht“ von der Entscheidung der Jury. Das Unternehmen zeigte sich aber zuversichtlich, dass Monsanto in der zweiten Phase nicht für die Krebserkrankung haftbar gemacht werde. Es sagte weiter, die Entscheidung habe keinen Einfluss auf künftige Fälle. Bayer sieht sich nach jüngstem Stand insgesamt 11200 Glyphosat-Klagen gegenüber. Bayer hatte gehofft, die Rechtsstreitigkeiten um Glyphosat mit dem Prozess wieder zu seinen Gunsten zu wenden.

          Der Konzern musste im vergangenen August seine erste große Niederlage hinnehmen, als Geschworene einem Kläger 289 Millionen Dollar Schadenersatz zusprachen. Diese Summe wurde zwar mittlerweile auf 78 Millionen Dollar reduziert und Bayer hofft, das Urteil noch ganz aufheben zu können. Aber dieser Jury-Spruch lastet bis heute schwer auf dem Aktienkurs, der fast 30 Prozent niedriger liegt als zuvor. Nach dem ersten Prozess ist die Zahl der Klagen noch ein mal deutlich angeschwollen.

          Zuversicht vor dem zweiten Prozess

          Der Bayer-Vorstandsvorsitzende Werner Baumann hatte sich vor dem zweiten Prozess zuversichtlich gezeigt. Er meinte, da Bayer diesmal im Gegensatz zum ersten Verfahren, das vor dem offiziellen Vollzug der Monsanto-Übernahme stattfand, die Kontrolle über die Verteidigungsstrategie habe, seien die Chancen besser. Zugunsten von Bayer schien außerdem eine Entscheidung des zuständigen Richters Vince Chabria im Januar zu sprechen, der eine Zweiteilung des Prozesses angeordnet hat.

          In der ersten Phase sollte es nur um die Frage gehen, ob Monsantos Glyphosat-Produkt mit dem Markennamen Roundup in erheblichem Umfang zur Krebserkrankung des Klägers beigetragen hat. Nur wenn dies von der Jury bejaht werde, würde es eine zweite Prozessphase geben, in der es um etwaiges Fehlverhalten von Monsanto geht. Also etwa inwiefern der Konzern über etwaige Risiken der Mittel Bescheid wusste oder ob er sie verheimlichte.

          „Erfreut“ von der Entscheidung

          Auf diese Phase freuen sich nun die Anwälte des Klägers in San Francisco, die sich am Dienstag „erfreut“ von der Entscheidung der Geschworenen zeigten. „Monsantos Handlungen machen klar, dass es sie nicht sonderlich kümmert, ob ihr Produkt Menschen Krebs zufügt. Stattdessen haben sie sich darauf fokussiert, die öffentliche Meinung zu manipulieren und jeden zu unterminieren, der echte und legitime Bedenken über diese Angelegenheit äußert.“

          In San Francisco wurde der Fall des 70 Jahre alten Klägers Edwin Hardeman verhandelt. Er leidet unter einem Non-Hodgkin-Lymphom, ebenso wie Dewayne Johnson, der Kläger im ersten Fall. Seine Anwältin Aimee Wagstaff sagte dieser Zeitung kürzlich, er befinde sich zwar in Remission, aber ihm gehe es „nicht viel besser“ als Johnson, dessen Prozess wegen seines schlechten Gesundheitszustandes zeitliche Priorität bekam. Bislang stand noch keine konkrete Schadenersatzforderung von Hardeman im Raum, darüber wird nun erst in der zweiten Prozessphase verhandelt.

          Dann stünden auch sogenannte „Punitive Damages“ zur Diskussion, also Strafen, die über den eigentlichen Schadenersatz hinausgehen. Die „Punitive Damages“ standen im ersten Prozess für den größten Teil der ursprünglich verhängten Summe. Wagstaff hatte zu dieser Zeitung gesagt, wenn sie es mit ihrem Mandanten in die zweite Phase schaffe, dann stünden die Chancen auch sehr gut, eine stattliche Summe herauszuholen. Gespräche über einen außergerichtlichen Vergleich mit Bayer habe sie bislang nicht geführt. Bayer-Chef Baumann hat bislang gesagt, er lehne Vergleiche ab und würde sich nur darauf einlassen, wenn die diskutierten Summen „geringfügig“ seien.

          Der Druck auf Bayer, Verhandlungsbereitschaft zu zeigen, dürfte aber steigen, je mehr Niederlagen vor Gericht das Unternehmen einstecken muss. Und das jetzige Verfahren in San Francisco hat enorme Bedeutung. Es gehört zu einer sogenannten „Multidistrict Litigation“, in der Hunderte von Klagen gebündelt sind, und es gilt als sogenanntes „Bellwether“, von dem eine Signalwirkung für die anderen Verfahren ausgeht.

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