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Schweizer Tourismusbranche : Wintersportler verzweifelt gesucht

Selfie im Schnee: Noch zieren sich Touristen aus China, auch im Winter in die Schweiz zu kommen. Bild: dpa

Die vom starken Franken gebeutelte Schweizer Tourismusbranche setzt auf Reisende aus China. Die sind bisher aber keine begeisterten Wintersportler. Auch sonst hat die Strategie ihre Tücken.

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          Es gibt sie noch, die Wunder im Schweizer Tourismus. In Erstfeld zum Beispiel. Erstfeld schlummert unscheinbar im Kanton Uri. Die kleine Gemeinde an der Reuss ist selbst vielen Eidgenossen nur deshalb ein Begriff, weil dort der Nordeingang zum neuen Gotthard-Basistunnel liegt. Durch diesen kann man mit dem Schnellzug in Windeseile von Zürich nach Lugano sausen. Der Zug hält nicht in Erstfeld. Dafür machen dort aber immer mehr chinesische Touristen halt. Sie reisen nicht mit der Bahn, sondern mit dem Bus.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Nicht dass es in Erstfeld irgendetwas Besonderes zu sehen gäbe. Aber auf ihren Gruppenreisen durch Europa, von Paris nach Rom über Luzern mit Abstecher auf den Titlis, ist der Ort verkehrstechnisch sehr gut gelegen. Es ist der ideale Übernachtungsplatz. Und die Hotels sind verhältnismäßig billig. So kommt es also zum Wunder von Erstfeld: Im Jahr 2010 wurden dort 60 chinesische Hotelgäste gezählt. Sechs Jahre später waren es 11.000.

          Starker Franken sorgt für weniger Übernachtungen

          Dieser rasante Anstieg ist ein Ausreißer in einer ansonsten düsteren touristischen Bilanz. Während der Tourismus trotz vereinzelter geopolitischer Rückschläge insgesamt boomt, ist es mit dieser Branche in der Schweiz seit Jahren schlecht bestellt. Das liegt vor allem am starken Schweizer Franken. Immer weniger Europäer können und wollen sich einen Urlaub in der teuren Schweiz leisten. Städte wie Zürich, Basel oder Genf schlagen sich wegen der zahlungskräftigeren und weniger preissensiblen Geschäftskunden zwar wacker. In den Bergregionen spricht die Statistik indes ein klare Sprache: Dort sind die Übernachtungen europäischer Gäste in den Jahren zwischen 2010 und 2016 um 41 Prozent gesunken.

          Doch nicht nur viele Ausländer bleiben weg. Auch die Eidgenossen selbst kehren ihrem Land im Urlaub immer öfter den Rücken. Kein Wunder: Mit dem starken Franken in der Tasche sind sie im Ausland der absolute Krösus. „2003 hat noch jeder zweite Schweizer in seiner Heimat Urlaub gemacht. Heute ist es nicht einmal mehr jeder Dritte“, sagt Sascha Jucker, Tourismus-Experte der Credit Suisse. Die Großbank hat jüngst eine Studie zur Entwicklung in der Branche vorgelegt. Daraus wird deutlich, dass die Schweiz im gesamten Alpenraum auch bei den einheimischen Wintersportlern Marktanteile verloren hat: In den einschlägigen Ski-Destinationen in Graubünden, im Wallis und im Berner Oberland blieb die Zahl der Schweizer Gäste in den Jahren zwischen 2008 und 2017 zwar stabil. Im gleichen Zeitraum kletterten die Übernachtungen der Schweizer in Tirol und in Vorarlberg aber um 50 Prozent.

          Bergbahnen werden bezuschusst

          Erschwerend kommt hinzu, dass der Klimawandel den Wintersportgebieten, die nicht so hoch gelegen sind, schleichend ein Ende macht – Schneekanonen hin oder her. Vielen der rund 50 Schweizer Bergbahnen geht es schon heute miserabel, wie eine Studie von Philipp Lütolf, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule Luzern, zeigt: „Wenn sich die Ertragslage nicht verbessert, werden zwei Drittel der Bahnen die notwendigen Investitionen nicht aus eigener Kraft stemmen können“, bilanziert er.

          Dass es bislang nicht zu einer Pleitewelle gekommen ist, hängt mit der überragenden Bedeutung der Bergbahnen zusammen. Für manche Regionen sind sie gleichsam systemrelevant: Hotels, Restaurants, Skilehrer, Skiverleiher, Ladenbesitzer – alle hängen letztlich vom Gondel- und Liftbetrieb ab. „Wenn die Bergbahn stirbt, dann stirbt das ganze Tal“, sagt Sascha Jucker. In der Folge werden defizitäre Anlagen mit Zuschüssen von den Gemeinden oder Kantonen oder von privaten Gönnern am Leben gehalten.

          Warme Winter und wenig Schnee in unteren Lagen sind wenig attraktiv für Touristen.

          Die Verzweiflung lässt die Preise sinken

          Manch eine Bergbahn wagt auch einen mutigen – oder, je nach Sichtweise, waghalsigen – Sprung nach vorn: Im vergangenen Winter überraschten die Bergbahnen Saas Fee mit einer Rabattaktion der besonderen Art. Sie boten die Saisonkarte, die normalerweise 1050 Franken kostet, zum Kampfpreis von 222 Franken an. Das umstrittene Angebot, das 90.000 Abnehmer fand, hat sich nach Aussage der Touristikverantwortlichen für den Ort ausgezahlt: Die Zahl der Übernachtungen stieg um 15 Prozent. Daher wird die Aktion in diesem Winter wiederholt. Andere Bergbahnen ziehen nolens volens nach und bieten inzwischen ebenfalls vergünstigte Saisonkarten an. Auch viele Hotels in den Bergen haben aus lauter Verzweiflung die Preise gesenkt.

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