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Schwarzwälder Uhrenfabrik : „Eine Uhr mit rosa Herzen passt nicht zu Junghans“

Hans-Jochem Steim (links) und Matthias Stotz (rechts) Bild: Verena Müller

Einst war Junghans der größte Uhrenhersteller der Welt, dann drohte das Ende. Jetzt läuft die Wiederbelebung – mit Hilfe der Historie und ohne digitale Spielereien.

          Wer in den kleinen Schwarzwald-Ort Schramberg fährt, muss sich schon Mühe geben, um nicht zu bemerken, dass hier ein Uhrenhersteller sitzt. „Junghans Uhren – von Schramberg in die ganze Welt“ steht großformatig auf der Fläche einer kompletten Hauswand. Früher war das Unternehmen sogar noch präsenter. Dutzende Gebäude gehörten einst zum Uhrenmacher. Heute beschränkt es sich vor allem auf das alte Zentralgebäude, das sich am Ortsrand an den Berg schmiegt, aber umso wichtiger ist: „Von Entwicklung über Montage bis hin zum Vertrieb, alles findet hier statt“, sagt Geschäftsführer Matthias Stotz.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der 50 Jahre alte Manager ist selbst gelernter Uhrmacher – in vierter Generation, wie er betont – und weiterhin mit der Materie bestens vertraut. Für seine Mitarbeiter kann das bisweilen anstrengend sein. Denn bei Themen wie der millimetergenauen Krümmung eines Sekundenzeigers etwa diskutiert der Chef regelmäßig mit. Aktuell dreht sich alles um die „Max Bill“, benannt nach dem Schweizer Bauhaus-Studenten, der in den 1950er Jahren für Junghans eine Küchenuhr entworfen hat. 1961 folgte das Pendant für den Arm. Dieses ist mit seinem minimalistisch-klaren Zifferblatt bis heute ein Verkaufsschlager – und da in diesem Jahr 100 Jahre Bauhaus gefeiert werden, bekommt der Klassiker eine limitierte Sonderedition verpasst.

          Die Besonderheit: Durch die Fenster des Dessauer Bauhaus-Gebäudes blickt man ins Innere der Uhr. Auch die markante rote Tür habe man nicht vergessen, erzählt Stotz. Der Geschäftsführer legt größten Wert auf solche Details. Noch wichtiger ist ihm aber die Geschichte von Junghans. In der Zentrale ist sie allgegenwärtig.

          „Schramberg und Junghans gehören zusammen“

          Wie eine ständige Erinnerung hängen in den Fluren große Wandtafeln mit den Wegmarken des Unternehmens. Auf dass ja kein Mitarbeiter die große Tradition seines Arbeitgebers vergisst. 1861 von Erhard Junghans in Schramberg gegründet, stieg das Unternehmen bis 1903 zur größten Uhrenfabrik der Welt auf. 3000 Mitarbeiter fertigten zu dieser Zeit in verschiedenen Produktionsstätten mehr als drei Millionen Uhren im Jahr. In den 1930er Jahren kommen die Armbanduhren ins Programm. Zudem war Junghans 1972 bei den Olympischen Spielen in München offizieller Zeitnehmer und schuf 1990 die erste Funkarmbanduhr.

          Der Weg von Junghans klingt durchaus beeindruckend, doch 2008 wäre die Geschichte beinahe zu Ende gewesen. Die Familie Junghans selbst wurde schon 1956 durch eine feindliche Übernahme des Nürnberger Unternehmens Diehl ins Abseits gedrängt. Unter diesem lief das Geschäft lange gut. Mit dem Verkauf an den chinesischen Luxusgüterkonzern Egana Goldpfeil war das Traditionsunternehmen vom Jahr 2000 an aber bloß noch eine Marke unter vielen. Ende August 2008 meldete der Konzern Insolvenz an und riss den Uhrenmacher mit sich. Matthias Stotz war da gerade gut ein Jahr Geschäftsführer.

          Das Firmengebäude mit dem Terrassenbau im Hintergrund

          Woche für Woche führte er nun mit dem Insolvenzverwalter potentielle Käufer durch die Räumlichkeiten in Schramberg. Auch das mediale Interesse sei riesig gewesen, erinnert sich Stotz: „Damals wurde mir erst so richtig bewusst, wie viel Strahlkraft der Name Junghans besitzt.“ Am Ende blieben 15 Interessenten übrig, mit denen ernsthaft verhandelt wurde. Unter ihnen befand sich auch Hans-Jochem Steim, ein ehemaliger baden-württembergischer Landtagsabgeordneter und damals Chef der Kern-Liebers-Gruppe, ein Familienunternehmen, das unter anderem Zugfedern für Uhrwerke fertigt. Gemeinsam mit seinem Sohn Hannes erhielt der Schramberger Ehrenbürger den Zuschlag. „Schramberg und Junghans gehören zusammen, das musste so bleiben“, sagt Hans-Jochem Steim. Einige Bieter seien dagegen bloß an der Marke Junghans interessiert gewesen, nicht aber an einem Erhalt des Standorts.

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