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Schwarzwälder Uhrenfabrik : „Eine Uhr mit rosa Herzen passt nicht zu Junghans“

60.000 Uhren im Jahr

Steim trat allerdings keineswegs als gönnerhafter Mäzen an, sondern als Unternehmer. Von den 110 Mitarbeitern behielten 85 ihre Stellen, diese verzichteten im Gegenzug aber auf Pensionszusagen. So übernahm Steim ein schuldenfreies Unternehmen mit Matthias Stotz als Geschäftsführer, darauf hatte er bestanden: „Ohne ihn hätte ich das Unternehmen nicht gekauft“, sagt Steim. Anfang 2009 läuteten sie den Neuanfang ein. Vor allem sollten fortan alle Uhren wieder in Schramberg zusammengebaut werden, und auch das Sortiment wurde ausgedünnt.

„Unter Egana Goldpfeil war nicht klar, für was der Name Junghans eigentlich stand“, sagt Stotz. Von Billig-Uhren bis Luxus-Chronographen sei alles dabei gewesen. Mittlerweile setze Junghans auf drei Säulen: Die mechanischen Uhren der „Meister-Linie“ bilden die obere Preisklasse, hinzu kommt der Klassiker „Max Bill“ in diversen technischen Ausführungen wie etwa der günstigeren Quarz-Variante. Die dritte Sparte bilden Funk- und Solar-Uhren – obwohl auch die „Max Bill“ mittlerweile als Funkuhr zu haben ist.

Die Max Bill Automatic

Preislich bewegt man sich im Rahmen von 400 bis rund 2500 Euro. „Wir richten uns an Liebhaber feiner, klassischer Uhren“, sagt Stotz. „Eine Uhr mit rosa Herzen würde nicht zu Junghans passen, auch wenn sie sich vielleicht verkaufen würde.“ Die Historie kauft man mit, lautet die Botschaft. Schon Ende 2009 warb Junghans mit dem Slogan „Die deutsche Uhr“ – ziemlich selbstbewusst für ein Unternehmen, das vor kurzem noch pleite war. Heute beschäftigt Junghans 114 Mitarbeiter und bildet auch selbst Uhrmacher aus. Rund 60.000 Uhren fertigen diese im Jahr. Der Umsatz belief sich 2018 auf 22 Millionen Euro, wobei 55 Prozent davon auf mechanische Uhren entfiel. Der wichtigste Markt für Junghans ist weiterhin der deutschsprachige Raum. Potential sieht Stotz derzeit vor allem in Amerika und China. Auch in Japan laufe es gut. „Die Japaner schätzen klares Design und Tradition“, sagt er.

Smart Watches? Nein, danke

Die beiden Besitzer halten sich bei detaillierten Designfragen derweil zurück. „Wir können als Unternehmer aber auf betriebswirtschaftlicher Ebene viel beitragen“, sagt Hans-Jochem Steim. Zudem erweitert er ständig den Bestand des Uhrenmuseums, das im denkmalgeschützten Terrassenbau untergebracht ist, wo einst täglich Hunderte Uhren gefertigt wurden. Die Steims haben auch mitgetragen, dass man sich von 2016 an aus populären Verkaufsstellen wie Kaufhof und Co. zurückgezogen hat und nur noch auf den Fachhandel setzt.

Die Folge: Der Umsatz sank um gut zwei Millionen Euro. Das Umfeld mit ständigen Rabatt-Aktionen habe nicht mehr zur Marke gepasst, verteidigt Stotz den Schritt. Für die Zukunft ist er guten Mutes – auch was jüngere Kunden betrifft. „Feines Handwerk und Tradition gewinnen in Zeiten der zunehmenden Digitalisierung für viele wieder an Reiz“, sagt er. Sogenannten Smart Watches kann er – kaum verwunderlich – wenig abgewinnen. „Natürlich haben sie viele praktische Funktionen. Aber sie sind immer nur ein Abbild einer Uhr und nie etwas Echtes.“

Mit einer Uhr müsse man sich identifizieren können, da komme es auch auf die Haptik an. Gleichwohl gibt es eine Junghans-App fürs Handy. Mit dieser lassen sich aber nur die Funkuhren einstellen, wenn diese kein Signal mehr empfangen sollten. Smarter wird’s nichts. Viel besser gefällt Stotz, dass kürzlich zum Start der 5G-Auktion eine alte Junghans-Stoppuhr benutzt wurde. Tradition trifft Zukunft: ein Bild ganz nach dem Geschmack der Schramberger.

Das Unternehmen und die Unternehmer

Die Uhrenfabrik Junghans GmbH & Co. KG wurde im Jahr 1861 in Schramberg im Schwarzwald gegründet. Zunächst produzierte sie nur Bauteile, eine eigene Uhr kam 1866 auf den Markt. 1903 war das Unternehmen mit jährlich mehr als drei Millionen gefertigten Uhren die größte Uhrenfabrik der Welt. Nach der Insolvenz 2008 sind es heute rund 60 000 Uhren im Jahr. Junghans hat 114 Mitarbeiter und erzielte 2018 22 Millionen Euro Umsatz. Seit der Übernahme durch Hans-Jochem Steim und seinen Sohn werden wieder alle Uhren in Schramberg gefertigt.

Hans-Jochem Steim, Jahrgang 1942, ist Diplomingenieur und hat zum Härtungsverhalten von Stahl promoviert. Er ist Vorsitzender des Verwaltungsrates der Hugo Kern und Liebers GmbH & Co. KG, wo sein Sohn Hannes im Vorstand sitzt. Hans-Jochem Steim hält zwei Drittel der Anteile an Junghans, Hannes Steim ein Drittel. Matthias Stotz, geboren 1969, stammt aus Freiburg und hat an der Staatlichen Feintechnikschule Villingen-Schwenningen seinen Uhrmachermeister gemacht. Seit Juli 2007 ist er Geschäftsführer bei Junghans.

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