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Schwächelnde Autoindustrie : Die Zulieferer wappnen sich für die Krise

Volkswagen-Produktion in Wolfsburg Bild: dpa

Vor der IAA lastet die schwache Autokonjunktur auf den Zulieferern. Schaeffler ergreift erste Maßnahmen. Und auch Continental senkt die Arbeitszeit für seine Mitarbeiter.

          3 Min.

          Autohersteller und -zulieferer werden auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA), die in der kommenden Woche in Frankfurt beginnt, die elektrische Zukunft beschwören. Selbst ein Präzisionsmechaniker wie die Schaeffler AG aus Herzogenaurach zeigt auf ihrem Messestand erstmals eigene Elektromotoren in unterschiedlichen Leistungsklassen, diverse Hybridgetriebe und Schlüsseltechnologien für autonomes Fahren. „Wir sehen den aktuellen Wandel als Chance, mit unseren Technologien im Bereich Antriebsstrang und Fahrwerk nachhaltige Mobilität innovativ zu gestalten“, wird Vorstandschef Klaus Rosenfeld in einer Presseerklärung zur IAA zitiert.

          Christian Müßgens

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Doch die aktuelle Lage des fränkischen Industrie- und Autozulieferers ist weniger von Aufbruchstimmung, sondern vielmehr von Auftragsflaute geprägt. Anfang dieser Woche mussten 250 von 500 Mitarbeitern im Sondermaschinenbau am Schaeffler-Standort Frauenaurach ihre Arbeitszeit reduzieren. Ein im Frühjahr vorgestellter Krisenplan, in dem die Abgabe von vier Werken, die Verlängerung von Wochenenden und der Abbau von Überstunden angekündigt wurden, ist inzwischen um Kurzarbeit erweitert worden.

          Von Dezember an sollen zudem die Verträge von Mitarbeitern, deren Arbeitszeit von 35 auf 40 Stunden erhöht wurde, wieder auf die tariflich vereinbarte 35-Stunden-Woche gesenkt werden. Betroffen sind nach Aussage eines Unternehmenssprechers vor allem die Beschäftigten an den Standorten der Automobilsparte.

          Absatzzahlen sinken

          Zulieferer, die wie Schaeffler vorrangig mechanische Teile liefern, bekommen die Schwierigkeiten der Autohersteller zuerst zu spüren: über das Ausbleiben neuer oder die Stornierung bestehender Fertigungsaufträge. Längst haben die Handelsstreitigkeiten zwischen Amerika und China und die Rezessionssorgen in vielen europäischen Märkten die Autoindustrie voll erfasst.

          Die Absatzzahlen der meisten Autohersteller sinken oder stagnieren. Insbesondere der wichtige chinesische Markt schwächelt, wie die jüngste Analyse „Automotive Quarterly“ der Beratungsgesellschaft Arthur D. Little zeigt. Fast alle Hersteller meldeten Belastungen durch Handelsstreit, Brexit und weiterhin hohe Investitionen in neue Mobilitätstechnologien, schreiben die Fachleute. Und die schwierige Situation spiegelt sich nach ihrer Einschätzung an den Börsen wider: Trotz leichter Erholung der Automobilindizes innerhalb der vergangenen drei Quartale bleibe die Stimmung getrübt.

          Der Autozulieferer Continental, an dem die Eigentümerfamilie des Schaeffler-Konzerns um Maria-Elisabeth Schaeffler-Thumann und ihren Sohn Georg ebenfalls maßgeblich beteiligt ist, sieht sich gezwungen, auf die Flaute zu reagieren. Jüngstes Beispiel ist die Planung für die Antriebssparte Powertrain, für die das Management nun eine Kehrtwende durchspielt: Anstelle eines Börsengangs, den Conti für die Sparte eigentlich anpeilt, könnte die Einheit unter dem Namen Vitesco Technologies in einem Spin-Off abgespalten werden.

          Statt um neue Investoren werben zu müssen, unter denen sich wegen des schwachen Umfelds womöglich keine gute Bewertung erzielen lässt, bekämen bestehende Anteilseigner zusätzlich zu ihren Conti-Papieren neue Aktien der dann selbständigen Sparte Vitesco zugeteilt. Zwar müsste Conti auf einen Verkaufserlös verzichten, doch das Ziel, die Einheit abzutrennen, wäre erreicht. Auch im Sinne von Vitesco: Sie brauche ein „hohes Maß an Selbstständigkeit und Handlungsflexibilität“, um im derzeitigen Umfeld möglichst effektiv arbeiten zu können, sagt der Leiter des Antriebsgeschäfts, Andreas Wolf.

          Viele Mitarbeiter in Kurzarbeit

          An anderen Stellen reagiert der Konzern ebenfalls auf die schwächere Nachfrage in seinen verschiedenen Geschäftsfeldern. Wie ein Sprecher auf Anfrage mitteilte, ist an insgesamt drei Standorten eine höhere dreistellige Zahl von Mitarbeitern in Kurzarbeit. Hintergrund ist nicht nur die Autokonjunktur: In den Werken Northeim und Hannover Vinnhorst ist die Sparte Contitech betroffen, die Kautschuk- und Kunststoffprodukte für verschiedene Industrien herstellt.

          Sie kämpft an mehreren Stellen mit Gegenwind und soll ihr Ergebnis nach früheren Angaben bis kommendes Jahr um 150 Millionen Euro verbessern. Der Standort Lohmar, an dem die Sparte Powertrain unter anderem Metallträger für Abgaskatalysatoren und metallische Dieselpartikelfilter produziert, bekommt dagegen die Umbrüche in der Autobranche voll zu spüren.

          Gleichzeitig verhandelt der Conti-Vorstand um den Vorsitzenden Elmar Degenhart mit den Gewerkschaften über noch weitergehende Schritte, um die Kosten zu senken. Gerüchten zufolge könnten mehrere der 32 Standorte von Powertrain geschlossen werden (F.A.Z. vom 24. August). Medienberichten zufolge sind 4000 Arbeitsplätze in Gefahr. Conti hingegen betont, dass noch keine Beschlüsse gefallen seien, und verweist auf die noch laufenden Gespräche. Viel Zeit gibt sich das Management aber nicht. Nach Informationen der F.A.Z. könnte der Aufsichtsrat schon in seiner Sitzung nach der IAA am 25. September über konkrete Schritte beraten.

          Die schöne Elektrooffensive auf der Messe, das wissen Conti-Chef Degenhart und sein Schaeffler-Kollege Rosenfeld, soll die Beschäftigung von morgen sichern. Die dafür nötigen Investitionen sind „oft eine unsichere Wette auf die Technologie der Zukunft“, wie die Beratungsgesellschaft Roland Berger in einer Studie mit der Investmentbank Lazard analysiert. Darin sagen die Fachleute der globalen Zulieferindustrie eine harte Übergangsphase voraus. Nach sieben Jahren Wachstum gingen die Umsätze der Unternehmen in diesem Jahr um durchschnittlich 5 Prozent zurück. Auch die Profitabilität verschlechtere sich – wegen der Ausgaben für neue Technologien.

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