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Schutz vor Piraterie : Die Piraten rüsten auf

Zu unsicher durch den Golf von Aden: Die Besatzung der „Magellan Star” kam gerade noch glimpflich davon Bild: REUTERS

Angriffe auf hoher See bedrohen deutsche Reeder. Ihr Selbstschutz hilft nicht immer. Deshalb verlangen sie nach militärischem Geleit - und empfehlen, sich am Einsatz russischer Militärs ein Beispiel zu nehmen.

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          Für die Angreifer läuft zunächst alles wie geschmiert. Die „Magellan Star“ fährt zwar brav im Konvoi durch den Golf von Aden. Das Containerschiff hat aber so großen Abstand zu den anderen Mitgliedern der Schiffskette, dass die Piraten ausreichend Zeit haben. Das glauben sie zumindest, als sie am Morgen des 8. September mit ihrem Schlauchboot heranrasen und die „Magellan Star“ entern.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Schnell finden die neun bis an die Zähne bewaffneten Somalier den Weg auf die Brücke. Doch da ist keiner. Der Kapitän hatte den Angriff kommen sehen, den Motor gestoppt und war mit der gesamten Crew in eine Sicherheitszelle, den sogenannten Panikraum, geflüchtet. Die Piraten suchen den Zufluchtsort, schießen wie wild auf verschlossene Türen, aber die Besatzung finden und treffen sie nicht. Damit fehlt ihnen der entscheidende Faustpfand, nämlich die Geiseln, die sie als Schutzschild vor den nahenden Eingreiftruppen der Marine und zur Erpressung von Lösegeld benötigen. In seiner Verzweiflung wählt einer der Somalier die Notfallnummer der deutschen Reederei, die auf einem Schild auf der Brücke steht. „Wo ist die Mannschaft? Wieso läuft die Maschine nicht?“ fragt er in gebrochenem Englisch den Hamburger Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung.

          Im Durchschnitt ständig 400 Seeleute in Geiselhaft

          Dort ist man längst über die Lage an Bord informiert. Um 10.45 Uhr, so erinnert sich Jürgen Salamon, Inhaber der Dr.-Peters-Gruppe, zu der die Reederei der „Magellan Star“ gehört, erreicht eine amerikanische Fregatte das geenterte Schiff und meldet sich bereit, die Piraten in einem Überfallkommando dingfest zu machen. Gegen Mittag liegen alle Genehmigungen dafür vor - „auch die aus dem Weißen Haus“, betont Salamon. Aus taktischen Gründen warten die Marinesoldaten noch ab, lassen Hubschrauber kreisen. Spät in der Nacht, um 3.30 Uhr, gehen sie an Bord. Die Piraten ergeben sich sofort.

          Amerikanische Soldaten eilten zur Hilfe - während die deutsche Besatzung im Panikraum ausharrte

          Der Spuk ist vorüber. In diesem Fall. Doch viele weitere Überfälle werden folgen. Der Monsun ist vorbei, die eigentliche Jagdsaison im Golf von Aden, den jährlich 30.000 Schiffe passieren, hat also gerade erst begonnen. Gefüttert mit millionenschweren Lösegeldern haben die Piraten aufgerüstet, auch im Kaliber der Waffen. Ralf Nagel, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Reeder (VDR), beschreibt die Dramatik der Lage: „Seit mehr als zwei Jahren sind im Durchschnitt ständig 400 Seeleute verschiedener Nationen in der Gewalt von Geiselnehmern. Das wäre so, als wenn jedes Jahr 20 Großflugzeuge von Luftpiraten entführt und zur Erpressung von Lösegeld festgehalten würden.“

          Marinesoldaten als ständiger Schutz an Bord?

          Auch Salamon lässt sich von dem glimpflichen Ausgang in eigener Sache nicht blenden. Er und viele seiner Reederkollegen fühlen sich nicht ausreichend geschützt. Der Geleitschutz durch die Fregatten der EU-Mission Atalanta und anderer Militärverbünde reiche nicht aus. „Die Deutsche Marine müsste unsere Besatzungen so schützen, dass die Piraten ihrer nicht habhaft werden können.“ Wie das geschehen könnte, darüber haben die Reeder klare Vorstellungen: Kleine bewaffnete Einheiten von Marinesoldaten oder Bundespolizisten sollen an Bord der Handelsschiffe gehen und sie beschützen.

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