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Schultüten : Der Trend geht zur Zweittüte

Spitzen-Produkte: Der Holzkegel gibt der Tüte Stabilität Bild: Roger Hagmann

Es sind derzeit Sommerferien, aber die neuen Erstklässler fiebern schon dem ersten Schultag entgegen. Auf rund 700.000 von ihnen kommen knapp fünf Millionen Schultüten. Produziert werden die meisten davon in Sachsen.

          Zeige mir deine Schultüte, und ich sage dir, wo du wohnst – bis vor einigen Jahren hätte Klaus Roth sich dieses Versprechen wohl zugetraut. Immerhin ist das von ihm geleitete Familienunternehmen, die Roth Edition GmbH, einer der führenden Schultütenhersteller in Deutschland. „Aber inzwischen hat der Westen viele Gepflogenheiten aus den neuen Bundesländern übernommen“, sagt Roth – und lässt sich die Freude darüber ansehen, dass zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung der Osten in dieser Nische den Ton angibt.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Dominanz erschöpft sich nicht in modischen Details. Auch die Produktion der Tüten konzentriert sich in einer Gegend, die nicht zu den wirtschaftlichen Schwergewichten der Republik zählt: Gut die Hälfte der knapp 5 Millionen Schultüten, die im vergangenen Jahr in Deutschland schätzungsweise verkauft wurden, stammen aus Sachsen. Genauer gesagt, aus zwei kleinen Gemeinden am Rand des Erzgebirges, zwischen denen keine 60 Kilometer liegen: Lichtentanne, wo Klaus Roth und seine Frau Elke sich nach dem Ende der DDR selbständig gemacht haben, und Ehrenfriedersdorf, wo die ebenfalls von einer Familie geführte Nestler GmbH ihren Sitz hat, die nach eigener Auskunft mit einem Absatz von 1,8 Millionen Stück der Marktführer ist. Weltmarktführer sogar, denn außerhalb des deutschen Sprachraums ist der Schultütenbrauch kaum verbreitet.

          Die Region sei für ihre Tradition in der Textilverarbeitung bekannt, erklärt Klaus Roth die ungewöhnliche Clusterbildung zwischen Zwickau und Chemnitz. Die Borten und Rosetten aus Tüll, die zumindest im Osten eine Schultüte erst komplett machen, seien schlicht nirgendwo sonst in der nötigen Qualität zu bekommen. Tatsächlich wird in der kleinen Fabrik im Gewerbegebiet von Lichtentanne viel in Handarbeit erledigt. In der Hochsaison von Februar bis August sind hier bis zu 50 Personen beschäftigt, an sechs Tagen in der Woche wird der Betrieb dann in drei Schichten gefahren: Eine Näherin beugt sich über eine gelbe Borte, zwei Kolleginnen verleimen Papierbögen, nebenan werden die Tüten an einer roh gezimmerten Vorrichtung Marke Eigenbau mit den roten Holzspitzen versehen, die zum patentierten Markenzeichen ihres Herstellers geworden sind. „Die Spitze ist immer die Schwachstelle gewesen, weil auf ihr das Gewicht lastet“, sagt Roth. Lange habe er geknobelt und getüftelt, bis er auf die Lösung gekommen sei. „Wir wandeln den Spitzendruck in einen Flächendruck um und leiten somit die Belastung ab“, erklärt der gelernte Werkzeugmacher mit leuchtenden Augen das Prinzip. „Physik, Mittelstufe!“

          Lukas, Klaus und Elke Roth inmitten ihrer Schultüten

          Tischschmuck oder Zierde für Blumensträuße

          Rund 600.000 Tüten zu Preisen zwischen 5 und 30 Euro je Stück hat das Unternehmen im vergangenen Jahr abgesetzt, das entspricht ziemlich genau der Zahl der Kinder, die in Deutschland eingeschult werden. Warum die Zahl der insgesamt verkauften Schultüten deutlich darüberliegt, lässt sich im Hochregallager neben der Produktionshalle besichtigen. Die 3000 Palettenplätze sind fast komplett belegt, denn die Tüten werden nicht nur mit verschiedenen Dekors hergestellt, mit Dinosauriern und Piraten, Pferden und Prinzessinnen. Für weitere Variationen sorgen die im Osten herkömmlicherweise sechseckige und im Westen runde Grundform sowie die unterschiedlichen Größen. „Das ist eine klassische Omatüte“, sagt Klaus Roth und zeigt auf ein 50-Zentimeter-Exemplar. „Eltern schenken im Westen gewöhnlich eine 70 Zentimeter große Tüte, im Osten ist sie meistens 15 Zentimeter länger.“

          Je nach Verwandtschafts- und Bekanntschaftsgrad finden auch 35 und 22 Zentimeter große Tüten Abnehmer, in manchen Familien werden damit auch die Geschwister der ABC-Schützen ausgestattet. Noch kleinere Formate sind als Tischschmuck oder als Zierde für Blumensträuße und Einladungskarten zu haben. Denn auch die Einschulungsfeier zuhause, früher eine Besonderheit der östlichen Bundesländer, hat sich im Westen vielerorts eingebürgert. Klaus Roth wagt einen ungewöhnlichen, aber durchaus passenden Vergleich. „Das ist wie eine kleine Hochzeit“, sagt er. „Davon profitieren Gastronomen, Papeterien, Fotografen, Geschenk- und Sportartikelhändler.“

          Entwürfe für die nächste Saison

          Entsprechend entwickelt sich das Geschäft der Schultütenanbieter. Roth berichtet über Erträge zwischen 10 und 15 Prozent und ein durchschnittliches jährliches Umsatzplus von 10 Prozent; für 2010 waren 2,6 Millionen Euro zu verbuchen. Allerdings stehen die Tüten selbst nur für zwei Fünftel davon. Einen ebenso großen Anteil am Umsatz haben Artikel für den Schulbedarf wie Hausaufgabenhefte und Schülerkalender. Außerdem hat Lukas Roth, einer der drei Söhne des Firmengründerpaars, eine neue Unternehmenssparte aufgebaut, die sich nicht mehr mit der kleinen Hochzeit begnügt, sondern auf die große zielt: Sie bietet angehenden Ehepaaren über das Internet aufeinander abgestimmte Einladungskarten und Tischdekorationen an.

          Während in diesem Segment klare und elegante Formen auf dem Vormarsch sind, befinden sich im Kerngeschäft Tüten zum Selberbasteln und einfach bedruckte Modelle auf dem Rückzug. Im Trend liegen hier nach Klaus Roths Einschätzung dagegen Extras wie Glanzfolien und Schmuckborten. Viel davon ist auch auf den zurzeit auf den Bildschirmen der kleinen Designabteilung in Lichtentanne entstehenden Entwürfen für die nächste Saison zu sehen. Erstmals im Angebot sind in diesem Jahr außerdem personalisierte Tüten, die gegen einen Aufpreis mit dem aufgedruckten Vornamen des Schulanfängers ausgeliefert werden. „Und für Mädchen, egal ob Ost oder West, kann es offenbar gar nicht genug Glitzer auf der Tüte geben.“

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