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F.A.Z. exklusiv : Schüttflix erhält 50 Millionen Dollar und expandiert nach Osteuropa

Der Name „Schüttflix“ steht nur auf wenigen Lastern drauf – denn das Start-up ist Vermittler Bild: Schüttflix

Das Start-up für Schüttgüter findet einen weiteren Investor – zum ersten Mal aus Großbritannien. Mit dem Geld der Finanzierungsrunde soll es nun über die deutschen Grenzen hinaus gehen.

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          Mit dem Transport von Sand, Kies und Schotter hat sich das Start-up Schüttflix zu einer Besonderheit in der deutschen Gründerszene entwickelt. Denn nicht nur hat es seinen Sitz in Gütersloh, weitab von den Start-up-Zentren Berlin und München, es digitalisiert auch eine Branche, in der bislang Papier und Telefon dominieren: das Baugewerbe. Der Umsatz des 2018 gegründeten Unternehmens hat sich in diesem Jahr auf 50 Millionen Euro vervierfacht.

          Bastian Benrath
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wie die F.A.Z. erfahren hat, expandiert Schüttflix nun über die Grenzen Deutschlands hinaus – und kann zudem zum ersten Mal einen Investor von außerhalb des deutschsprachigen Raums gewinnen. Das Start-up schloss eine Finanzierungsrunde über 50 Millionen Dollar ab, angeführt vom britischen Risikokapitalfonds Draper Esprit. Auch die bestehenden Investoren Speedinvest, HV Capital (ehemals Holtzbrinck Ventures), der Baukonzern Strabag und die Gründer selbst stecken neues Geld ins Unternehmen, so dass die Anteilsstruktur ähnlich bleibt.

          Die Logistik von Schüttgütern sei ein „Riesenmarkt“, der nach wie vor sehr intransparent und lokal uneinheitlich sei, sagt Draper Esprits Investitionsdirektor Christoph Hornung zu den Gründen für den Einstieg seines Fonds. Schüttflix habe dort „in sehr kurzer Zeit ein imposantes Wachstum“ gezeigt. „Das sehen wir als Investoren nicht so häufig.“ Zu welcher Bewertung Draper Esprit bei dem Start-up eingestiegen ist, wollten Hornung und die übrigen Beteiligten nicht preisgeben.

          „Eine Plattform braucht Unabhängigkeit“

          Das Geld ist für die internationale Expansion bestimmt. Hornung und Schüttflix-Gründer Christian Hülsewig kündigen an, dass das Unternehmen im kommenden Jahr in Polen, der Tschechischen Republik und Österreich startet. „Wir haben uns zum Partner von Großunternehmen für Großprojekte entwickelt“, sagt Hülsewig. Deshalb gehe die Expansion nach Osten.

          In Osteuropa würden Straßen und Bahnstrecken noch großflächig gebaut, während in Deutschland und Westeuropa bei Infrastruktur der Unterhalt im Fokus stehe. „Die Großunternehmen unter unseren Kunden haben uns gesagt: Wir brauchen euch in Osteuropa.“ Durch die EU-Mittel aus dem Green Deal und dem Wiederaufbaufonds nach der Corona-Pandemie hofft Schüttflix auf eine nachhaltig starke Auftragslage, gerade beim Bau von Infrastruktur.

          Eine Abhängigkeit von großen Bauunternehmen sieht man bei dem Start-up dennoch nicht. Man mache nur die Hälfte des eigenen Geschäfts mit Kunden von großen Mittelständlern aufwärts, der Rest der Aufträge komme von kleineren Bauunternehmen, betont Hülsewig: „Eine Plattform braucht Unabhängigkeit.“ Das gelte auch für die Strabag, die im vergangenen November einen einstelligen Prozentanteil an Schüttflix kaufte. „Es ist offen ausdiskutiert, dass Schüttflix eine offene Industrie- und Marktlösung ist und bleibt“, sagt Hülsewig. Es sei deshalb auch „eine strategische Option“, dass künftig bei dem Start-up noch andere Bauunternehmen als Teilhaber einstiegen.

          „Eigentlich auch nicht nur Europa“

          Schüttflix ist ein Plattformunternehmen für gewerbliche Kunden, das Handel und Logistik von Schüttgütern organisiert. Statt eigene Schotter- oder Kieswerke zu betreiben, lässt es Produzenten ihre Angebote auf der digitalen Plattform einstellen und bietet Bauherren eine App an, in der sie mit einem Fingertippen gewünschte Mengen frei Baustelle bestellen können. Kommt eine Order herein, werden automatisiert unabhängige Transportunternehmen beauftragt, welche die Lieferung ausfahren. Rund 1500 Produzenten und 2500 Spediteure nutzen nach Unternehmensangaben inzwischen Schüttflix’ Plattform in Deutschland, das Start-up habe Zugriff auf 20.000 Schüttgutlaster.

          Lieferscheine und Rechnungen werden den Handelspartnern digital übersandt. Auf diese Weise erhalten gerade große Baukonzerne die Möglichkeit, ihre Prozesse digital nachzuverfolgen und datengetrieben Baustoffverbrauch und Lieferzeiten auf ihren Baustellen zu analysieren – ein Novum in der deutschen Baubranche. Um diesen Mehrwert nicht nur für Baustoffe zu bieten, ist bei Schüttflix neben der geographischen Expansion auch eine Erweiterung des Produktportfolios über klassische Schüttgüter hinaus geplant. Gefragt nach der weiteren geographischen Expansion sagte Investor Hornung, man könne sich mehrere europäische Länder vorstellen – und „eigentlich auch nicht nur Europa“. Es gelte aber, sich nicht zu überheben, deshalb konzentriere man sich zunächst auf die drei Länder, die nun im Fokus stünden.

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