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Schokolade für Muslime : Toblerone ist jetzt halal

Toblerone – eine schweizer Schokolade und halal. Bild: Reuters

Schokolade enthält weder Alkohol noch Schweinefleisch. Eine Halal-Zertifizierung sollte deshalb unkompliziert sein. Das Unternehmen hofft auf muslimische Kunden. Doch jetzt erhitzt der Vorgang die Gemüter.

          Toblerone ist eine der vielen Schweizer Nationalschokoladen. Die Form erinnert an Berggipfel, das Matterhorn ziert das Logo. In der Berg-Silhouette versteckt sich der Berner Bär, das Wappentier der schweizerischen Hauptstadt. In Bern hat Jean Tobler 1868 seine erste Confiserie eröffnet und 1899 seine erste Schokoladenfabrik gebaut. Hier hat sein Sohn Theodor 1908 die Toblerone erfunden. Der Name ist ein Wortspiel aus Tobler und Torrone, Honig-Mandel-Nougat auf italienisch. Aus dem Werk im Westen Berns kommen laut Unternehmen immer noch alle Tobleronen. Die Toblerone ist durch und durch schweizerisch.

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Oder war es zumindest einmal, wenn man einer Debatte in den Sozialen Medien Glauben schenken mag. Anlass dafür: Im April ließ sich Toblerone sein Werk in Bern als halal zertifizieren, machte das aber nicht groß publik, berichtet die schweizerische Zeitung „Blick“. Die Originalrezeptur sei unverändert geblieben, hieß es vom Unternehmen.

          Halal lässt sich mit „erlaubt“ übersetzen und beschreibt Produkte und Handlungen, die Muslime tun oder zu sich nehmen dürfen. Schweinefleisch gilt beispielsweise generell als nicht halal. Andere Tiere müssen entsprechend muslimischer Vorschriften geschlachtet werden, um halal zu sein. Ebenso ist Alkohol aufgrund des muslimischen Reinheitsgebots verboten.

          Schokolade ist fast immer halal

          Die Äußerungen des Unternehmens lassen darauf schließen, dass es sich vor allem um einen Zertifizierungsvorgang handelte. Toblerone enthält weder Alkohol noch Fleisch. Die Schokolade dürfte also, wie die allermeisten Schokoladen, schon lange halal gewesen sein. Nur die Prüfung fehlte. Die wird von Imamen vorgenommen. Aber auch einige Agenturen bieten sie an.

          Einige sehen in dem Vorgang ein weiteres Zeichen für eine angebliche Islamisierung. Jörg Meuthen, Bundessprecher der AfD, Mitglied im EU-Parlament und deren Spitzenkandidat für die Europawahl, schreibt auf Facebook ironisch, dass es „sicher reiner Zufall“ sei, dass Toblerone nun halal zertifiziert sei. Eine Islamisierung fände nicht statt. Im Kurznachrichtendienst Twitter gehört „#Toblerone“ zu den am meisten verwendeten Stichwörtern.

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          Artikel zu dem Thema verbreiteten sich auf Facebook. Nutzer schreiben, sie würden „dieses Zeug nie wieder kaufen“ und beschweren sich, wirtschaftliche Interessen würden der Moral übergeordnet – wobei unklar ist, ob überhaupt ein Konflikt zwischen Moral und Interessen vorliegt, da die Rezeptur nicht verändert wurde.

          Tatsächlich führt das Unternehmen wirtschaftliche Überlegungen an. Toblerone gehört schon seit 1990 zum Kraft-Foods-Konzern, dessen Süßwarensparte 2012 in Mondelez umbenannt und abgespalten wurde. Dem Konzern zufolge werden 97 Prozent der Toblerone-Produktion exportiert. Auf Anfragen von FAZ.NET reagierte das Unternehmen nicht.

          Tobleronen für den muslimischen Markt

          Auf der ganzen Welt gibt es ungefähr 1,6 Milliarden Muslime. Viele der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften haben große muslimische Bevölkerungen. Die Schätzungen zum Umsatz mit Halal-Nahrungsmitteln gehen weit auseinander. Einige geben für 2017 einen Wert von 1400 Milliarden Dollar, etwa 1200 Milliarden Euro, an.

          Andere schätzen den globalen Halal-Markt auf annähernd 400 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Der Umsatz im deutschen Lebensmitteleinzelhandel lag 2017 bei etwa 180 Milliarden Euro. Einig sind sich die Analysten darin, dass sich der globale Markt für Halal-Produkte in den nächsten fünf Jahren verdoppeln wird.

          Zudem gibt es auch in der Schweiz eine wachsende Nachfrage nach Halal-Produkten. Etwas mehr als fünf Prozent der Schweizer sind muslimischen Glaubens. Vor allem aber kommen zu diesen ungefähr 400 000 Muslimen jedes Jahr mehr als eine Million Touristen aus den Golfstaaten dazu. Nach Zahlen des Schweizer Bundesamts für Statistik sind Touristen aus den Golfstaaten für drei Prozent der Hotelübernachtungen in der Schweiz verantwortlich und für mehr als fünf Prozent der Übernachtungen von Ausländern. Zwischen 2009 und 2016 hat sich die Zahl der Übernachtungen von Gästen aus den Golfstaaten fast verdreifacht. Sie bleiben länger als alle anderen Touristen in der Schweiz und sind für ihre Kaufkraft bekannt.

          Vor Mondelez haben sich schon viele andere Unternehmen ihre Produkte als halal zertifizieren lassen. Der schweizerische Nahrungsmittelkonzern Nestlé listet für seine australischen Konsumenten online alle Halal-Produkte auf, darunter etliche Schokoladen. „Blick“ schreibt, Nestlé habe 100 Halal-Fabriken. Ebenso erläutert die Supermarktkette Rewe online, was Halal-Essen ist und sammelt für ihre Kunden Halal-Rezepte.

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