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Silicon Valley : Leben verlängern? Kein Problem!

Radeln für die Gesundheit? Schön und gut, aber im Silicon Valley forscht man an weiteren Möglichkeiten Bild: dpa

Eizellen einfrieren, Krankheiten verhindern, Leben verlängern: Im Silicon Valley gilt alles als machbar. Was liegt also näher, als sich der Gesundheitsforschung zu widmen? Hier gibt es noch genügend Herausforderungen - und wertvolle Daten.

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          Für die meisten Menschen dürfte es sich nach einem kühnen Unterfangen anhören, Krebs besiegen zu wollen. Larry Page, der Mitgründer und Vorstandsvorsitzende des Internetkonzerns Google, tickt da etwas anders. Eine Lösung für Krebs zu finden sei „nicht so ein großer Fortschritt, wie man denken könnte“, sagte Page im vergangenen Jahr in einem Interview mit der Zeitschrift „Time“. Die Menschheit sehe dies als „diese Riesensache, die die Welt total verändern wird“, aber die durchschnittliche Lebenserwartung würde sich damit nur um drei Jahre verlängern. Page hat sich dagegen zum Ziel gesetzt, das Altern zu verzögern, und dafür mit Google das Gesundheitsunternehmen Calico gegründet. Calico will mehrere hundert Millionen Dollar in das Vorhaben investieren und ein „Weltklasse“-Forschungszentrum in der Region um San Francisco errichten.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Unternehmen und Gründerfiguren aus der amerikanischen Technologieindustrie sind nicht nur damit beschäftigt, die Digitalisierung der Welt voranzutreiben. Viele von ihnen trauen sich auch zu, Antworten auf Herausforderungen weit jenseits ihres eigentlichen Kerngeschäfts zu finden. Im Silicon Valley herrscht ein grenzenloser Optimismus, die Welt verändern zu können, nicht nur mit neuen Internetdiensten und Smartphone-Apps, sondern auch in fundamentalen und persönlichen Lebensfragen. So erklären sich Projekte wie Calico, mit denen Google das Leben von Menschen verlängern und Krankheiten stoppen will. Und wenn nun das soziale Netzwerk Facebook und der Elektronikkonzern Apple ihren Mitarbeiterinnen das Einfrieren von Eizellen finanzieren, ist das nicht nur ein weiteres Beispiel aus der langen Liste von Leistungen von Arbeitgebern im Silicon Valley. Es unterstreicht auch den Glauben der Branche an die Planbar- und Machbarkeit im Leben.

          Kampf gegen das Altern steht im Zentrum

          „Im Silicon Valley ist man überzeugt, nicht nur Produkte zu liefern, sondern Revolutionen“, sagt Zukunftsforscher Paul Saffo, der an der Stanford-Universität im Herzen der kalifornischen Technologieregion lehrt. Wer es hier mit seinen Unternehmen zu Reichtum gebracht habe, wolle nicht damit aufhören, sich an bahnbrechenden Dingen zu versuchen, und Gesundheit sei nun einmal ein Gebiet voller großer Herausforderungen. Eric Schmidt, der Verwaltungsratsvorsitzende von Google, beschreibt in seinem neuen Buch „How Google works“ die Mentalität des Unternehmens, Dinge um den Faktor zehn verbessern zu wollen und nicht nur um 10 Prozent. Larry Page spricht gerne von „Moonshots“ und meint damit sehr ehrgeizige Projekte.

          Der Kampf gegen das Altern scheint die Unternehmen aus dem Silicon Valley besonders zu interessieren. Larry Ellison, der Mitgründer des Softwarekonzerns Oracle, hat schon in den neunziger Jahren eine Stiftung gegründet, die sich der Forschung auf diesem Gebiet verschrieben hat. Im Logo der Organisation ist ein Kranich, ein Symbol für langes Leben. Facebook-Mitgründer Mark Zuckerberg und Sergey Brin, neben Larry Page der zweite Gründer von Google, haben im vergangenen Jahr zusammen mit einigen anderen prominenten Vertretern der Technologiebranche einen Preis ins Leben gerufen, der Forschungsleistungen für die Lebensverlängerung würdigt.

          Persönliche Gründe

          Google hat neben Calico noch eine ganze Reihe anderer Engagements, die mit Gesundheit zu tun haben. Erst im September kaufte Google den Hersteller eines Medizintechnik-Löffels, der für Menschen mit der Nervenkrankheit Parkinson gedacht ist und das Essen erleichtert, indem er das Zittern der Hände reduziert. Das Unternehmen arbeitet auch an einer intelligenten Kontaktlinse für Diabetiker, die den Blutzuckerspiegel in der Tränenflüssigkeit misst. Google hat in diesem Jahr auch eine Studie mit dem Namen „Baseline“ gestartet und will dabei die genetischen Informationen von mehr als einhundert Menschen anonymisiert sammeln.

          Brust raus: Die Internetriesen im Silicon Valley besitzen ein enormes Selbstbewusstsein in die eigenen Fähigkeiten

          Schon vor einiger Zeit hat Google in das Gentestunternehmen 23 and Me investiert, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, Menschen mit Informationen über ihr Erbgut zu versorgen und auf Krankheitsrisiken hinzuweisen. 23 and Me wird von Sergey Brins Frau Anne Wojcicki geführt, das Paar lebt getrennt. Das Unternehmen hat in diesem Jahr auf Druck der Gesundheitsbehörde FDA die Vermarktung seiner Gentests teilweise eingestellt. Die Behörde äußerte die Sorge, dass die Tests falsche Informationen liefern. In typischem Silicon-Valley-Optimismus zeigt sich 23 and Me von diesem Rückschlag unbeeindruckt, und Wojcicki sagt: „Gentests werden ein Teil unseres Lebens.“ Stanford-Professor Saffo meint, bei den Gesundheitsinitiativen dürften zum Teil persönliche Motive eine Rolle spielen. So haben beide Google-Gründer mit gesundheitlichen Herausforderungen zu kämpfen. Larry Page leidet an beidseitiger Stimmbandlähmung, und Sergey Brin hat in einem Test von 23 and Me herausgefunden, dass er ein erhöhtes Risiko hat, an Parkinson zu erkranken.

          Vorsicht ist angebracht

          Aber Saffo sieht auch einen Zusammenhang mit dem Kerngeschäft, das bei Google und anderen Internetunternehmen viel mit der Verwertung von Daten zu tun hat: „Gesundheit ist eine wahre Fontäne wertvoller Daten und deshalb ein naheliegendes Gebiet.“ Das freilich mag Alarmglocken schrillen lassen, zumal Google, Facebook und andere Vertreter der Internetindustrie ohnehin einen zweifelhaften Ruf haben, was den Umgang mit Nutzerdaten angeht. Saffo meint, die Öffentlichkeit sollte die Gesundheitsprojekte der Technologiekonzerne wachsam, aber auch unvoreingenommen verfolgen. „Ich bin sicher, Google hat gute Absichten, aber trotzdem sollte man ihnen nicht vertrauen.“ Gesundheit ist nicht das einzige Gebiet, das die Technologiebranche in den Bann zieht.

          Viele Unternehmer leben zum Beispiel auch ihre Faszination für den Weltraum aus. Jeff Bezos, der Gründer des Online-Händlers Amazon.com, kontrolliert nebenbei das Raumfahrtunternehmen Blue Origin. Elon Musk ist in Doppelfunktion Vorstandschef des Elektroautoherstellers Tesla und des Raumfahrtspezialisten Space X, und er träumt davon, eines Tages auf den Mars zu fliegen. Und auch Larry Page interessiert sich fürs Weltall: Er gehört zum Investorenkreis bei Planetary Resources, einem Unternehmen, das sich vornimmt, Bodenschätze von Asteroiden abzubauen. Page lobt den Ansatz des Unternehmens: „eine gesunde Missachtung des Unmöglichen haben“. Das passt ganz zur „Moonshot“-Philosophie des Google-Chefs.

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