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Schnellster Lift der Welt : Mit Tempo 72 in den 95. Stock

Vor allem in Asien und im Nahen Osten wollen die Architekten immer höher hinaus

Asiaten, Amerikaner und Europäer eint eine Zuversicht: Das Geschäft in den kommenden Jahren wächst mit den Hochhäusern. Studien gehen davon aus, dass die globale Nachfrage nach Aufzügen, Fahrtreppen, Fahrsteigen und Dienstleistungen bis 2017 um jährlich 5 Prozent steigt, auf dann 52 Milliarden Euro. Vor allem die Schwellenländer mit ihrem Bevölkerungswachstum treiben die Entwicklung. Während Europa schrumpfen dürfte, hofft man für den chinesischen Aufzugmarkt in diesem Jahr auf Wachstumsraten von bis zu 15 Prozent. Der Optimismus fördert und fordert Investitionen. „Wir stecken signifikant Geld in die Forschung und Entwicklung“, sagte Patrick Bass, Forschungschef bei Thyssen-Krupp Elevator, dieser Zeitung.

Ihm geht es vor allem darum, nachzuvollziehen, wie sich die Architektur verändert und wie die Lifthersteller darauf reagieren müssen. Einer der Trends laut Bass: „Wolkenkratzer entwickeln sich zu kleinen Städten.“ Vorbei die Zeiten, als 100 Stockwerke nur Büros beherbergten. Heute steht „mixed use“ im Vordergrund: Büros, Appartements, Hotelzimmer, Geschäfte, Restaurants – wenn sich eine solch bunte Nutzungsmischung in einem Hochhaus findet, müssen die Aufzüge entsprechend angepasst sein. „Ein Aufzug ist heute weniger ein Shuttle als vielmehr ein Taxi“, sagt der Thyssen-Forscher. Lifte fahren nicht mehr nur zwischen Erdgeschoss und einem bestimmten Stockwerk. Vielmehr wächst der Verkehr zwischen einzelnen Stockwerken; darauf reagieren die Hersteller unter anderem mit der Einrichtung von Aufzugszonen.

Mit dem zweiten Trend – dem „Immer höher hinaus“ – wachsen die technischen Herausforderungen. Die Lifte müssen schon deshalb immer schneller werden, weil sonst die Fahrzeiten unerträglich lang würden. Nimmt man einen Panoramaaufzug, der in etwa mit Schrittgeschwindigkeit fährt, wären Passagiere in einem 500 Meter hohen Wolkenkratzer auf dem Weg zum obersten Geschoss fast zehn Minuten unterwegs. Tatsächlich geht es heute mit einem Vielfachen dieses Tempos voran. Im 508 Meter hohen Taipei 101 in Taiwans Hauptstadt hat Toshiba zwei Lifte eingebaut, die bis zu 60,6 Kilometer in der Stunde schnell sind. Damit lässt sich das 89. Stockwerk in 37 Sekunden erreichen. Im Yokohama Landmark Tower in Japan schaffen die Aufzüge bis zu 45 Kilometer je Stunde. Im Burj Khalifa legt einer der 57 hier eingebauten Lifte, ein doppelstöckiger Schnellaufzug, die rund 500 Meter bis zur Aussichtsplattform mit 36 Kilometern je Stunde zurück. Einen neuen Superlativ will Mitsubishi im kommenden Jahr im Shanghai Tower aufstellen: Dort verspricht der japanische Konzern Geschwindigkeiten von bis zu 64,8 Kilometer je Stunde.

Mit Hitachis Plänen ist dieser Temporekord schon bald wieder Geschichte. Den künftigen Passagieren im 72 Kilometer je Stunde schnellen Fahrstuhl im CTF Finance Centre in Guangzhou verspricht der Hersteller einen „vollkommen sicheren und bequemen Transport“. Dafür bauen die Ingenieure „eine ganze Reihe von nützlichen Sicherheits- und Support-Features“ ein. So sorge ein extrem hitzeresistentes Bremssystem dafür, dass der Lift besonders sanft abgebremst wird. In jeder der Ecken des Aufzugs werde äußerst sensible Sensortechnik verbaut. Sie soll Unebenheiten und seitliche Schwankungen der Führungsschienen im Fahrstuhlschacht erkennen und ausgleichen.

Damit ist es freilich nicht getan. Bei schnellen und langen Aufzugfahrten nach unten kann ein Effekt auftreten, den man üblicherweise aus dem Flugzeug kennt: Ohrendruck und Taubheitsgefühl vor der Landung, weil auf dem Boden der Luftdruck größer ist als in der Höhe. Die Lifthersteller versuchen mit Technik zu kontern: „Wir haben eine eigene Technologie zur Anpassung des Luftdrucks entwickelt, die die Veränderung des Drucks in der Fahrstuhlkabine reduziert, die bei schnellen und langen Vertikalbewegungen ein Problem sein kann“, heißt es bei Hitachi. Ob das funktioniert, müssen die Passagiere in zwei Jahren beurteilen. Zumindest sind schon aus diesem Grund dem Tempowahn enge Grenzen gesetzt. Der Druckausgleich benötigt seine Zeit, wissen Fachleute. Und so frisst dieser Faktor den Vorteil noch höherer Geschwindigkeiten unerbittlich wieder auf.

Nicht die Technologie sei das Limit, sondern der Mensch, sagen Branchenbeobachter. Und fühlen sich durch Geschichten aus der Frankfurter Finanzwelt bestätigt. Demnach hatte die frühere Dresdner Bank in einem Neubau so schnelle Lifte einbauen lassen, dass den Mitarbeitern reihenweise schlecht wurde. Die Geschwindigkeit musste schließlich wieder gedrosselt werden.

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