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Schmerzmittel : Alltägliches Doping mit Ibuprofen

  • -Aktualisiert am

„Ibuprofen, bitte“: Das Schmerzmittel ist in Deutschland fast schon zum Dopingmittel für den Alltag geworden Bild: dpa

Aspirin war gestern. Heute schlucken die Deutschen dauernd Ibuprofen - gegen Kater, bei Fieber oder vor dem Marathon. Das kann böse enden.

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          Es ist nicht lange her, da war Deutschland Aspirin-Land. Wenn man Kopfschmerzen hatte, eine Erkältung, Fieber, dann nahm man eine Tablette mit dem Wirkstoff Acetylsalicylsäure, kurz ASS, besser bekannt unter dem Markennamen des ersten und bis heute dominanten Herstellers Bayer: Aspirin. Mittlerweile gibt es viele günstige Varianten der Tablette, doch die Bezeichnung Aspirin ist Synonym für den gesamten Markt geblieben. Aspirin, das Original, gibt es seit 1899, es ist ein deutsches Traditionsprodukt und rezeptfrei.

          Besonders gerne nahmen die Deutschen es einst als Kombinationspräparat, also als Schmerztablette, in der nicht nur Aspirin, sondern beispielsweise auch Paracetamol, häufig auch Koffein enthalten war. Thomapyrin oder Neuralgin sind bekannte Marken. Noch vor zehn Jahren kauften die Deutschen mehr als 47 Millionen Packungen solcher Kombinationsprodukte im Jahr. Insgesamt gingen mehr als 80 Millionen Packungen Aspirin-Produkte über den Apotheken-Tresen – so eine Auswertung, die die Marktforschungsfirma IMS Health für diese Zeitung gemacht hat. Das ist mehr als eine Packung je Einwohner.

          Manchmal Mangelware: Auch das gängige Schmerzmittel Ibuprofen ist zeitweise nicht überall verfügbar gewesen.
          Manchmal Mangelware: Auch das gängige Schmerzmittel Ibuprofen ist zeitweise nicht überall verfügbar gewesen. : Bild: Waldner, Amadeus

          Doch dann muss etwas passiert sein. Denn seither ist der Verkauf von ASS-Produkten um beinahe 30 Prozent eingebrochen. Von Aspirin stiegen die Deutschen auf Ibuprofen um. Wenn der Kopf schmerzt, das Fieber steigt oder sich ein Infekt anschleicht, morgen aber ein wichtiges Meeting ist, dann werfen die Deutschen heute eher eine „Ibu“ ein statt eine Aspirin. Schließlich gibt es Ibuprofen mittlerweile auch ohne Rezept in der Apotheke.

          Ibuprofen ist ASS – mit einer Nebenwirkung weniger

          Selbst Kinder, die jahrelang in Deutschland auf Paracetamol festgelegt waren (Aspirin ist für sie nicht geeignet), bekommen immer häufiger den Ibuprofen-Fiebersaft statt Paracetamol-Zäpfchen verschrieben. Und die Menschen sind so sorglos damit, dass Ibuprofen sogar eine Art alltägliches Doping-Mittel geworden ist. Hobby-Marathonläufer nehmen es vor dem Start, um weniger von den Schmerzen zu spüren, und Profi-Fußballer konsumieren es in rauhen Mengen.

          All das zeigt sich in den Zahlen: Ibuprofen-Tabletten und -Säfte werden heute doppelt so oft gekauft wie vor zehn Jahren. Im vergangenen Jahr hat Ibuprofen Aspirin überholt, was die verkauften Packungen angeht. 71 Millionen Packungen wurden 2013 in Deutschland verkauft. Im Umsatz liegt der Wirkstoff allerdings noch unter dem Aspirin, weil es dort kein so starkes und teures Markenprodukt gibt wie eben das Aspirin.

          Aspirin wird vom Thron gestoßen: Ibuprofen ist der Deutschen liebstes Schmerzmittel
          Aspirin wird vom Thron gestoßen: Ibuprofen ist der Deutschen liebstes Schmerzmittel : Bild: F.A.Z.

          Das ist ein großer Erfolg für den Wirkstoff Ibuprofen, der im Vergleich zu Aspirin ein Jungspund ist. Von einer Gruppe Chemikern der Firma Boots (heute Alliance Boots) in Großbritannien entdeckt, wurde Ibuprofen Anfang der 1960er Jahre patentiert, kam 1969 auf den britischen Markt, 1974 in Amerika, anfangs vor allem als Mittel gegen Arthritis. Stewart Adams, der leitende Chemiker des Teams, das Ibuprofen entdeckte, wendete es allerdings schon 1971 gegen Kopfschmerzen an. Bei sich selbst. Nach einer durchfeierten Nacht mit europäischen Kollegen musste er einen Vortrag halten. „Ich hatte einen Kater, also nahm ich 600 Milligramm Ibuprofen“, erzählte er in einem Interview. „Das war ein Test des Medikaments in Not, wenn Sie so wollen. Aber ich hoffte, dass es magisch wirken würde.“

          Damals war das noch exotisch, heute gibt es viele Ärzte und Pharmakologen, die von Ibuprofen als Schmerzmittel überzeugt sind. Das liegt daran, dass es ein paar Vorteile bietet gegenüber den einstigen Platzhirschen Aspirin und Paracetamol. Die liegen nicht darin, dass Ibuprofen besser wirkt, sondern an einer Sache, die viele Menschen vergessen, die Schmerzmedikamente wie Süßigkeiten konsumieren: Nebenwirkungen. Der Arzt und Pharmakologe Kay Brune formuliert das so: „Ibuprofen ist ASS, besonders aber Paracetamol hinsichtlich der Nebenwirkungen überlegen.“

          Die Unterschiede sind nicht riesig, aber für Brune groß genug. ASS hat den Nachteil, dass es die Blutgerinnung hemmt für einige Tage. „Das ist ein Problem, zum Beispiel wenn man einen Unfall hat“, sagt Brune. Paracetamol greift die Leber an, ist in hoher Dosis sogar tödlich. „Es sterben so viele Menschen durch falsche Verwendung von Paracetamol wie durch kaum eine andere Arznei“, sagt Brune. Das gilt natürlich nur, wenn man die Dosierungs-Anweisungen massiv überschreitet.

          Ibuprofen ist auch nicht harmlos

          Ibuprofen ist allerdings auch nicht harmlos, es kann ebenso wie Aspirin den Magen angreifen, Magenblutungen verursachen, Ödeme auslösen. Beim Aspirin-Hersteller Bayer ist man deshalb durchaus ein wenig empört darüber, dass Aspirin nicht mehr „in“ ist. „Wissenschaftlich ist nicht begründbar, dass Ibuprofen populärer ist als andere Analgetika“, sagt Uwe Gessner aus der wissenschaftlichen Abteilung von Bayer Vital. Das Spektrum der Nebenwirkungen sei ähnlich.

          Auch einige Ärzte sehen das so. „Ibuprofen und ASS sind gleichwertige Mittel gegen Kopfschmerzen“, sagt etwa Hartmut Göbel, Chefarzt der Schmerzklinik Kiel. Dass Aspirin das Blut verdünnt, findet Göbel nicht so erheblich. „Dass Ibuprofen auf einmal so beliebt ist, ist nur ein Trend.“ Ein Trend, dem er persönlich allerdings auch unterliegt, wie er zugibt. „Wenn ich eine Schmerztablette brauche, dann nehme ich Ibuprofen.“

          Für den Trend gesorgt haben überzeugte Pharmakologen wie Kay Brune. Sie setzten sich dafür ein, dass Ibuprofen Ende der 80er Jahre rezeptfrei wurde, erst in geringer Dosis, seit 1998 auch höher dosiert. Doch es dauerte noch Jahre, bis Ärzte, Apotheker und später auch Patienten umschwenkten. Der Schmerzmittelmarkt ist sehr konservativ. Die Leute nehmen, was die Oma schon genommen hat.

          Ärzte kennen Ibuprofen besser als Aspirin

          Es half, dass einige große Konzerne Ibuprofen-Produkte auf den Markt brachten und vehement bewarben. Dolormin wird seit 1992 in Deutschland verkauft, heute gehört es zum Konzern Johnson & Johnson. 1999 kam der Kinder-Fiebersaft Nurofen aus Großbritannien nach Deutschland, der schnell Erfolg hatte. Es half aber paradoxerweise auch, dass es Ibuprofen gegen Schmerzen auf Rezept gibt, Aspirin aber nicht. So kennen die Ärzte Ibuprofen mittlerweile viel besser, empfehlen es deshalb auch eher.

          Am Ende hat Ibuprofen sich durchgesetzt. Das Geschäft brummt. Und da das Mittel patentfrei ist, wollen alle dabei sein. Der Markt ist unübersichtlich und heiß umkämpft. Der Generika-Hersteller Ratiopharm, einst bekannt für Werbung mit Zwillingen, die nur die Dachmarke im Blick hatte („Da gibt’s doch was von Ratiopharm“), warb 2012 groß für ein einzelnes Produkt: Ibuprofen-Lysinat, das schneller wirken soll als einfaches Ibuprofen. Mittlerweile macht Ratiopharm 15 Millionen Euro Umsatz im Jahr mit Ibuprofen.

          Trotz größerer Stückzahl ist der Umsatz von Ibuprofen relativ gering
          Trotz größerer Stückzahl ist der Umsatz von Ibuprofen relativ gering : Bild: F.A.Z.

          Ratiopharm-Geschäftsführer Markus Leyck Dieken geht auch persönlich mit dem Trend: „Wenn meine Eltern Gelenkschmerzen haben, dann empfehle ich ihnen eher Ibuprofen als andere Schmerzmittel“, sagt er. Für seine Firma allerdings ist der Trend zum Ibuprofen gar nicht unproblematisch. Denn Ratiopharm verkauft nicht nur Ibuprofen, sondern auch ASS und Paracetamol.

          Zwar ist ASS für Ratiopharm nicht bedeutend, wohl aber Paracetamol. Dort beherrscht Ratiopharm 60 Prozent des Marktes. Verlangt man in einer deutschen Apotheke Paracetamol, gibt es fast automatisch die orangene Ratiopharm-Packung. Bislang aber hat Paracetamol weniger gelitten unter dem Ibuprofen-Trend als ASS. Der Geschäftsführer gibt sich deshalb entspannt.

          Ibuprofen für das Sportfest?

          Bayer hingegen muss um seine Umsätze am Heimatmarkt kämpfen. Der Konzern tut es, indem er gerade ein neues Aspirin auf den Markt gebracht hat und tüchtig bewirbt. Zwar hat das Markenprodukt Aspirin weltweit zuletzt nur wenig an Umsatz verloren, aufwärts geht es mit Aspirin aber schon lange nicht mehr. Viel stärker hat es die Hersteller von Misch-Schmerzmitteln getroffen. Viele von ihnen sind längst auf Ibuprofen umgeschwenkt.

          Wer in diesem Winter bei Halskratzen eine „Ibu“ nimmt, kann sich also über eines sicher sein: Er liegt im Trend. Nur eines wird bei der Euphorie rund um das neue Wundermittel gerne vergessen. Es ist ein Medikament und es hat Nebenwirkungen. Sich damit regelmäßig aufzuputschen, etwa zum Sport, findet Pharmakologe Brune fahrlässig. Sogar Ärzte würden es vor dem Marathonlauf einwerfen, erzählt er. „Ganz schlimm wird es, wenn Mütter bei Ärzten anrufen und fordern, dass diese Ibuprofen oder ähnliches für den Sohn verordnen, weil morgen Sportfest ist.“

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