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Debakel um Flugzeugmodell : Schmerzlicher Verlust für Boeing

Eine Boeing 737 Max steht hinter Stopp-Schildern. Bild: dpa

Die Krise um das Modell 737 Max hinterlässt tiefe Spuren bei dem amerikanischen Flugzeughersteller. Das Flugverbot schlägt mit mehr als 18 Milliarden Dollar zu Buche – und brockt dem Unternehmen einen heftigen Verlust ein.

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          Das Flugverbot für das Modell 737 Max hat Boeing seinen ersten Jahresverlust seit 1997 beschert und viel teurer als bislang bekannt war. Wie der Flugzeughersteller am Mittwoch bei der Vorlage seiner Quartalszahlen zugab, erwartet er im Zusammenhang mit der Krise jetzt Aufwendungen von insgesamt 18,6 Milliarden Dollar, mehr als doppelt so viel als bisher angegeben. Diese Summe kommt allerdings nicht überraschend. Es war erwartet worden, dass Boeing bei der Veröffentlichung seiner Geschäftsergebnisse zusätzliche Kosten publik machen würde, weil sich das Flugverbot für die 737 Max länger hinzieht als zunächst gedacht und außerdem gerade die Produktion für die Maschine vorübergehend eingestellt wurde. Es gab auch schon Analystenschätzungen, wonach die Krise um die 737 Max Boeing 20 Milliarden Dollar kosten könnte.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Der größte Brocken unter diesen Aufwendungen entfällt auf Entschädigungen von Fluglinien, die das Flugzeug im Moment nicht einsetzen können und Flüge aus dem Programm nehmen mussten. Boeing hatte dafür bisher schon 5,6 Milliarden Dollar angesetzt, nun ist von 8,3 Milliarden Dollar die Rede. Diese Summe berücksichtigt Barzahlungen ebenso wie etwaige Preisnachlässe bei der Anschaffung von Flugzeugen. Wegen des Flugverbots hat Boeing außerdem mittlerweile 6,3 Milliarden Dollar an zusätzlichen Produktionskosten verbucht, die sich daraus ergeben, dass niedrigere Stückzahlen der Maschine gefertigt werden. Diese Kosten belasten die Profitabilität des gesamten 737-Max-Programms, bisher hatte Boeing sie auf 3,6 Milliarden Dollar beziffert. Separat davon erwartet das Unternehmen jetzt zusätzliche 4,0 Milliarden Dollar an „abnormalen Produktionskosten“ im Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Fertigungsstopp für die Maschine.

          Die 737 Max wurde nach zwei Abstürzen dieses Typs im März vergangenen Jahres von Aufsichtsbehörden in aller Welt aus dem Verkehr gezogen und wird seither nicht mehr an Fluggesellschaften ausgeliefert. Sie ist das mit Abstand wichtigste Flugzeug des Unternehmens und steht für mehr als drei Viertel des gesamten Auftragsbestandes in der Zivilflugsparte. Mit den Unglücken wird eine speziell für die 737 Max entwickelte Flugautomatik namens „MCAS“ in Verbindung gebracht, an deren Nachbesserung Boeing arbeitet. Dieses Update muss von Behörden genehmigt werden, damit die Maschine wieder abheben kann.

          „Dieses Flugzeug ist von Clowns entworfen worden“ 

          Dieser Prozess hat sich deutlich länger hingezogen als zunächst erwartet, und Prognosen, die der frühere Boeing-Vorstandsvorsitzende Dennis Muilenburg gegeben hat, haben sich als übermäßig optimistisch herausgestellt. Im Dezember zog Boeing die Reißlinie und entließ Muilenburg, außerdem wurde beschlossen, die Produktion der 737 Max, die seit dem Flugverbot in reduzierten Stückzahlen aufrechterhalten worden war, vorerst ganz einzustellen. Nach jüngsten Angaben erwartet Boeing, dass die Maschine Mitte des Jahres wieder abheben kann, wobei die amerikanische Flugaufsicht FAA Berichten zufolge Fluggesellschaften kürzlich gesagt haben soll, die Freigabe könnte schon vor Jahresmitte kommen.

          BOEING

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          Seit gut zwei Wochen wird Boeing nun von David Calhoun geführt, der vorher schon an der Spitze des Verwaltungsrats gestanden hatte und am Mittwoch anlässlich der Vorlage der Zahlen seinen bislang größten öffentlichen Auftritt hatte. Er sprach in einer Telefonkonferenz von einem „sehr herausfordernden Moment“ für Boeing. Dem Fernsehsender „CNBC“ sagte er, er sei zuversichtlich, dass die nun genannten Kosten nicht noch weiter steigen, und er halte den gegenwärtigen Zeitplan für die Rückkehr der Maschine in den Flugbetrieb für realistisch. Er versprach allgemein, dass Boeing unter ihm realistische Einschätzungen abgeben werde, was man als Seitenhieb auf seinen Vorgänger interpretieren konnte.

          Calhoun wurde auch nach den kürzlich publik gewordenen E-Mails gefragt, in denen sich Mitarbeiter über Regulierungsbehörden lustig machten und die ein Licht darauf warfen, dass es intern offenbar schon vor den beiden Abstürzen erhebliche Sicherheitsbedenken rund um die 737 Max gegeben hat. In einer dieser E-Mails hieß es: „Dieses Flugzeug ist von Clowns entworfen worden.“ Calhoun sagte jetzt, ihm habe sich der „Magen umgedreht“, als er von den E-Mails erfahren habe. Sie spiegelten zwar nicht die ganze Unternehmenskultur wieder, aber es sei nicht akzeptabel, dass die damalige Konzernführung so etwas zugelassen habe. Grundsätzlich glaube er aber an die Sicherheit des Flugzeugs, und Boeing werde es auch nicht umbenennen.

          Insgesamt meldete Boeing für das vergangene Jahr einen Nettoverlust von 636 Millionen Dollar, nachdem es 2018 noch einen Gewinn von mehr als 10 Milliarden Dollar gegeben hatte. Der Umsatz in der Zivilflugsparte fiel um 44 Prozent auf 32,3 Milliarden Dollar.

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