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Schlecker-Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz : „Es ist super frustrierend“

  • Aktualisiert am

An einer Zerschlagung der Drogeriekette Schlecker wollte der Insolvenzverwalter eigentlich nie mitarbeiten. Jetzt will er wenigstens noch die Auslandsgesellschaften retten.

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          FRAGE: Bei Schlecker sind die Türen zu, die Lichter aus. Wie geht es einem Insolvenzverwalter an so einem Tag?

          ANTWORT: Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, es geht mir gut. Ich bewundere die Mitarbeiter, die bis zum letzten Tag in den Filialen standen. Ich hätte es verstehen können, wenn einige sagen: Ich schmeiß’ den Bettel hin.

          FRAGE: Was bleibt jetzt noch zu tun?

          ANTWORT: Es gibt noch 10 000 Arbeitsplätze in den Auslandsgesellschaften zu retten. In Österreich kämpfen wir und wollen unbedingt die Insolvenz vermeiden. Für Spanien bin ich zuversichtlich, dass wir bis Herbst einen Investor finden. Das Geschäft läuft besser als der übrige Handel, der dort zweistellige Minusraten hat.

          FRAGE: Hierzulande müssen Sie jetzt die Abwicklung managen. Wie hoch sind denn die Forderungen der Gläubiger inzwischen?

          ANTWORT: Aus der Gläubigerversammlung sind 650 Millionen Euro Forderungen bekannt, aber das ändert sich laufend. Die Belastungen aus der Betriebsstilllegung sind noch gar nicht absehbar. Wir zahlen jetzt keine Mieten mehr, weil die Läden leer stehen, aber darüber gibt es unterschiedliche Rechtsauffassungen. Außerdem müssen wir der Arbeitsagentur - mit einigen Monaten Verzögerung - drei Monate Arbeitslosengeld für die entlassenen Mitarbeiter zahlen und zudem den Mitarbeitern die Differenz zwischen Arbeitslosengeld und ihrem früheren Lohn.

          FRAGE: Bringt die Abwicklung auch Geld in die Kasse?

          ANTWORT: Der Erlös aus dem Abverkauf geht praktisch komplett an die Lieferanten, da bleibt nichts hängen. Dann gibt es noch Immobilien für einen dreistelligen Millionenbetrag, vor allem die 13 Logistik-Zentren, aber die gehören de facto auch Lieferanten und Warenversicherern, die darauf Sicherheiten haben. Die Gläubiger werden bestimmt keine hohe Quote bekommen. Aber ich kann noch nicht sagen, ob wir bei null oder drei oder fünf Prozent rauskommen.

          FRAGE: Was hat es mit dem Vermögen auf sich, das Anton Schlecker noch vor der Insolvenz in der Familie verschoben haben soll?

          ANTWORT: Die Schleckers sind kooperativ und haben alle Vorgänge auf den Tisch gelegt. Bisher ist jedenfalls noch nichts herausgekommen, was ich nicht schon gewusst hätte. Da gibt es natürlich Dinge, die sind ganz eindeutig - und andere, wo sich die Frage stellt, was das überhaupt noch wert ist, zum Beispiel der Tennisplatz neben der Zentrale. In einigen Fällen wird man das vor Gericht austragen müssen. Letztlich geht es um einen einstelligen, allenfalls einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag. Das sind keine Summen, die das Insolvenzverfahren maßgeblich beeinflussen.

          FRAGE: Am Anfang haben Sie gesagt: „Für eine Zerschlagung bin ich nicht zu haben.“ Haben Sie sich getäuscht, oder haben Sie Fehler gemacht?

          ANTWORT: Das war kein Zweckoptimismus. Es gab großes Interesse von Investoren, ich hatte auch schriftliche Angebote mit einem ordentlichen Preis. Wir haben den ganzen Prozess analysiert: Wo hätte man sich anders entscheiden müssen? Meine Kollegen bescheinigen mir, ich habe sauber gearbeitet. Aber auch wenn man insolvenzrechtlich alles richtig gemacht hat, will man

          doch etwas retten. Es ist super frustrierend.

          FRAGE: Wann ist Ihnen klargeworden, dass der Kampf verloren ist?

          ANTWORT: Ich habe angefangen zu zweifeln, als die Zahl der Kündigungsschutzklagen so stark stieg. Bei mehr als 3000 Klagen hatte ich die ersten Absagen von Investoren. Das war der Grund, warum ich so massiv für die Transfergesellschaft gekämpft hatte.

          FRAGE: Möglicherweise haben Sie den Nutzen der Transfergesellschaft nicht klar genug formuliert?

          ANTWORT: Ich habe viel erklärt. Aber ich habe versucht, nicht politisch zu argumentieren. Für Politik sind andere zuständig. Ich hatte danach immer noch Hoffnung, denn selbst die Gewerkschaft Verdi hat ja den Entlassenen gesagt, dass jede einzelne Klage die Chance für die Verbliebenen verringert. Aus Sicht des Einzelnen sind die Klagen eher nachzuvollziehen, zumal wenn man eine Rechtsschutzversicherung hat.

          FRAGE: Das Amtsgericht Heilbronn hat jetzt einer Klägerin bescheinigt, ihre Kündigung sei unwirksam. Was heißt das für Schlecker?

          ANTWORT: Wir müssen jetzt aus formalen Gründen allen noch einmal kündigen - weil es nun definitiv keine Betriebsstätten mehr gibt. Aber der Fall zeigt das Problem sehr klar: Der Anspruch der Frau auf einen Arbeitsplatz geht auf einen Investor über. Aus diesem Grund sind auch alle Insellösungen gescheitert. Wenn jemand zum Beispiel 50 Filialen übernähme, könnten sich die bisherigen Schlecker-Mitarbeiter in diese Betriebsstätten einklagen oder es jedenfalls versuchen.

          Die Fragen stellte Susanne Preuß.

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