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Schlechte Aussichten : Autozulieferer am Abgrund

Die Zulieferer stecken in der Klemme: Ihre Materialkosten werden immer höher - auch ohne Krise Bild: AP

Fast überall in der Welt drosseln die Automobilhersteller die Produktion: Das trifft vor allem die mittelständischen Lieferanten hart. Einige von ihnen werden die Krise wohl nicht überleben.

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          In guten Jahren wird gern das Hohelied auf die Zulieferindustrie gesungen. Unverzichtbar seien sie, hochkompetent und innovativ. Und dann werden von Automanagern gern die Wachstumsaussichten beschworen, untermauert mit allerlei Vorhersagen. In Fahrzeugelektronik und Fahrwerksregelungssystemen, heißt es, liege die Zukunft der Autozulieferer. Solchen Prognosen zufolge wird der Elektronikanteil im Auto in den kommenden zehn Jahren von heute 25 Prozent auf 40 Prozent zulegen - dank neuartiger Fahrspurassistenten, adaptiver Frontscheinwerfer, Reifendrucküberwachungssystemen oder schlüssellosen Zugangskontrollen. Und Fachleute werden nicht müde, den Strukturwandel in der Autoindustrie zu beschwören: weg vom Benzin- hin zum Elektromotor. Ein Wandel, der ohne geeignete Lieferanten nicht zu bewerkstelligen sei.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          So weit die Zukunft. Nur in der Gegenwart, geprägt von der Finanzkrise, türmen sich die Schwierigkeiten, helfen die rosigen Aussichten nicht. Denn längst haben die Autohersteller begonnen, ihre Produktion drastisch zu kürzen. Weil weniger Autos auch weniger Teile heißt, müssen die Lieferanten ihre Fertigung ebenso drosseln. Vorige Woche revidierte der fränkische Autozulieferer Leoni, ein Spezialhersteller von Drähten, Kabeln und Bordnetz-Systemen, seine Gewinnprognose deutlich nach unten. Jetzt hat der schwäbische Dichtungsspezialist Elring Klinger seine Planungen ebenfalls verworfen. Viele andere werden folgen.

          Es wäre ein schwerer Schlag

          Selbst ein Weltmarktführer wie Bosch kommt nicht ungeschoren davon. „Wir bauen Überstunden ab, erhöhen die Zahl der Schließtage und lassen an einigen Standorten die Produktion ruhen“, sagt ein Sprecher. Zwar gibt es bei Bosch in Deutschland noch keine Entlassungen, doch werden bereits befristete Verträge nicht verlängert. Im Bosch-Werk in Homburg beispielsweise sind mehr als 300 Zeitarbeiter betroffen. Zu groß sind die Verwerfungen in Amerika und Westeuropa, den größten Automärkten in der Welt. Dabei sind Zulieferer wie Bosch, Continental oder ZF Friedrichshafen noch am besten für die Krise gewappnet, gilt ihre globale Produktion doch als ausbalanciert, können Wachstumsmärkte in Asien oder Russland einige Schwächen auffangen.

          Aber Lieferanten, die stark vom einbrechenden westeuropäischen oder amerikanischen Markt abhängen, können dem Druck nicht länger standhalten. „Für das vierte Quartal haben die Hersteller in Europa bei ihren Zulieferern 20 bis 25 Prozent weniger Teile abgerufen“, sagt Marcus Berret, Branchenexperte der Unternehmensberatung Roland Berger. „Sollte sich dieser Trend im kommenden Jahr fortsetzen, ist mindestens ein Viertel der Lieferanten existentiell gefährdet.“ Es wäre ein schwerer Schlag, gerade für den Produktionsstandort Deutschland: Fast 400.000 Mitarbeiter hat die Zuliefererbranche hierzulande.

          „Die Hersteller müssen jetzt ihre Lieferanten retten“

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