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Schiffsreisen : Eine Kreuzfahrt, die wird billig

„Mein Schiff” am Cruise Terminal im Hamburger Hafen Bild: dpa

Früher waren Kreuzfahrtschiffe ein Tummelplatz der Reichen und Schönen. Heute verbringen auch die Ärmeren und weniger Schönen dort ihren Urlaub. Schon wieder wirbt ein neues Kreuzfahrtschiff um die Gunst der Pauschaltouristen. Aber Anbieter Tui kommt ziemlich spät zur Party.

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          Der Raum heißt „Glanzlicht“. Wer ihn betritt, denkt: eine Zahnarztpraxis, für Privatpatienten. So weiß, so edel. Doch der Blick nach draußen lässt keine Missverständnisse aufkommen. Wir sind neun Stockwerke über dem Wasser und schauen vom Wasser über den Hamburger Hafen. Das Stockwerk heißt „Aqua“ und gehört zu „Mein Schiff“. So heißt das neue Kreuzfahrtschiff des Reisekonzerns Tui, das in der Nacht zum Samstag seine große Taufe erlebte. Im „Glanzlicht“ arbeiten Fachärzte für ästhetisch-plastische Chirurgie – ein Novum im bunten Angebotsreigen der Kreuzfahrtplaner. Die Schönheitsspezialisten spritzen Botox und glätten die Falten oder weißeln die Zähne. Operiert wird aber nicht: „Unsere Gäste sollen hier ja nicht mit Schlauchbootlippen oder einem Pflaster auf der Nase herumlaufen“, sagt Richard Vogel.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Vogel führt die Tui Cruises GmbH und hat damit auch das (wirtschaftliche) Kommando über „Mein Schiff“. Seine beiden Gesellschafter, der weltgrößte Reisekonzern Tui aus Hannover und der amerikanische Kreuzfahrtriese Royal Caribbean, gaben ihm das nötige Startkapital – und ein Schiff: die 1996 gebaute „Galaxy“. Vogel durfte 50 Millionen Euro in die Hand nehmen, um den 13 Jahre alten, amerikanischen Kahn auf die Höhe der Zeit und den Geschmack deutscher Kunden zu bringen. Von außen sieht man das dem Schiff nicht an. Es wirkt altbacken und konventionell. Innen jedoch kommt es überall dort frisch und angenehm daher, wo die grausamen Verirrungen amerikanischer Schiffsdesigner herausgerissen wurden.

          Kein Privatvergnügen der Reisen mehr

          Aber reicht das aus, um den Einstieg in das Kreuzfahrt-Massengeschäft – bislang tummelte sich Tui über Hapag-Lloyd-Kreuzfahrten nur im Luxussegment – zu einem wirtschaftlichen Erfolg zu führen? „Ja“, sagt Vogel. Er räumt ein, dass sich die Rahmenbedingungen seit dem Start des Gemeinschaftsprojekts im Jahr 2007 verschlechtert hätten. Aber das Marktpotential für das Tui-Schiff, das Platz für 2000 Passagiere hat, sei nach wie vor groß genug. Das behaupten auch die Wettbewerber. Denn auch sie haben tüchtig neue Schiffe bestellt, die nun – inmitten der Wirtschaftskrise – gefüllt werden müssen. Allein in diesem Jahr wollen die führenden Reedereien in Europa und in Nordamerika mehr als zehn Schiffe taufen. Tui-Partner Royal Caribbean will spätestens im Herbst die größte „schwimmende Kleinstadt“ der Welt vom Stapel laufen lassen: „Oasis of the Seas“ lautet der protzige Name für den 1,2 Milliarden Dollar teuren Erlebnistempel auf See, der Platz für 5400 Passagiere sowie kurzweilige Zerstreuung auf sieben verschiedenen Zwischendecks bieten soll.

          Hotel oder Schiff? Beides: Von Zuschauerbooten umringt fährt das Tui-Kreuzfahrtschiff „Mein Schiff” im Hamburger Hafen zur Taufe.

          Relativ bescheiden nehmen sich dagegen die geplanten Schiffstaufen des deutschen Marktführers Aida Cruises oder des italienischen Konkurrenten Mediterranean Shipping Company (MSC) aus, die mit ihren Neuheiten wie „Aida Luna“ (2050 Passagiere) oder „MSC Splendida“ (3300) ihre Marktpositionen verteidigen wollen. Nach Ansicht von Falk-Hartwig Rost herrscht immer noch Goldgräberstimmung bei den Anbietern von Kreuzfahrten: „Diese Form von Pauschaltourismus ist kein Privatvergnügen der Reichen mehr, sondern längst für Normalverdiener attraktiv und erschwinglich“, sagt der Deutschland-Statthalter von MSC Kreuzfahrten. Sein Unternehmen hat sich auf das preislich gehobene Marktsegment für Mittelmeer-Touren spezialisiert und will vom Wachstum der Branche profitieren.

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