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Schifffahrtsbranche : Reedern steht das Wasser bis zum Hals

Der Preiskrieg unter den Branchenriesen drückt die Frachtraten seit Monaten in den Keller Bild: DPA

Der Preiskrieg auf den Ozeanen macht den deutschen Reedern schwer zu schaffen. Unter dem Druck der Banken könnte es zu einer Konsolidierung in der Branche kommen.

          Seit 1948 treffen sich die deutschen Reeder einmal im Jahr zum großen Reederessen. Aber noch nie sind der Einladung so viele Schifffahrtsunternehmer gefolgt wie diesmal. 440 Gäste, ganz überwiegend Herren im Smoking, versammelten sich am Donnerstagabend im alten Börsensaal der Handelskammer Hamburg. Zwischen Pfeffersuppe und Hirschrücken lauschten sie der Rede ihres Verbandspräsidenten Michael Behrendt. „Wir haben ein anspruchsvolles Jahr hinter uns“, sagte er - und unterzeichnete damit die Lage ganz gewaltig. Vielen Reedern steht das Wasser bis zum Hals.

          Preiskrieg auf den Ozeanen

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Behrendt weiß das aus eigener Anschauung. Er ist im Hauptberuf Vorstandsvorsitzender der Hapag-Lloyd AG. Dieser größten deutschen Linien-Reederei, die 2010 noch ein Rekordergebnis eingefahren hatte, droht im laufenden Jahr ein Verlust. Denn die Transportpreise (Frachtraten) sind insbesondere auf den Routen von und nach Asien unerwartet tief gefallen. Trotzdem sieht Behrendt den Markt heute in einer besseren Verfassung als im Krisenjahr 2009. Damals sei das Handelsvolumen zurückgegangen, während im laufenden Turnus 6 bis 7 Prozent mehr Güter rund um den Globus geschickt würden. „Die Probleme sind diesmal weitgehend hausgemacht“, gestand Behrendt ein - und meinte damit nicht Hapag-Lloyd, sondern seine großen Wettbewerber Maersk und MSC. Ausgestattet mit vielen neuen Riesenschiffen, die beschäftigt sein wollen, leisten sich die Nummer eins und zwei der Branche seit Monaten eine Preisschlacht, die auch die darunter positionierten Reedereien trifft.

          „Wir haben einen großen Preiskrieg auf den Ozeanen. Dahinter steckt das Ziel, Wettbewerber aus dem Markt zu drängen“, bestätigt Hermann Ebel, Chef der Hamburger Schifffahrtsgruppe Hansa-Treuhand. Ebel spricht aus, was auch viele andere deutsche Reeder denken: „Der Marktführer Maersk hat diesen Preiskrieg angezettelt.“ Maersk wolle die Verfolger MSC und CMA kaputtmachen, sagt ein anderer Reeder, der seinen Namen nicht veröffentlich sehen will. Alle gemeinsam hoffen sie, dass wegen der schmerzhaften Verluste, die dieser Verdrängungswettbewerb nach sich zieht, bald wieder Vernunft einkehrt. Ebel jedenfalls glaubt leichte Anzeichen dafür zu erkennen, dass die Raten im zweiten Quartal 2012 wieder anziehen.

          „Es wird zu einer Konsolidierung kommen“

          Trotzdem werden nicht alle 400 deutschen Reedereien diese schwierige Phase überstehen. „Es wird zu einer Konsolidierung kommen“, sagt Martin Wittig, Chef der Unternehmensberatung Roland Berger. Dabei spielen die Banken eine Schlüsselrolle. Freiwillig gibt keiner der Reeder, die oft über Generationen in Familienhand lagen und dem Rivalen von nebenan meist in herzlicher Abneigung gegenüberstehen, das Heft aus der Hand. Aber insbesondere unter den Charterreedern, die ihre Schiffe an Linien-Reeder wie Hapag-Lloyd oder Hamburg Süd vermieten, gibt es etliche, die inzwischen direkt oder indirekt am Tropf der Banken hängen.

          Weil viele Emissionshäuser ihre Finanzierungszusagen nicht einhalten konnten, sprangen die Banken ein. Die Hamburger Großreederei Claus-Peter Offen soll inzwischen der zweitgrößte Kreditnehmer der Commerzbank sein, nach Schaeffler. Die Deutsche Bank und andere Institute sollen durch die Umwandlung von Fremdkapital in Eigenkapital schon bei mehreren Schiffshäusern beteiligt sein. Dort steigt der Druck, die jeweiligen Schiffe in größere Einheiten zu überführen, um Verbundvorteile zu erzielen. Gefährdet sind vor allem die Kleinen im Markt. Nach Aussage von Verbandschef Behrendt haben bisher 20 Einschiffgesellschaften aufgegeben. Neue Schiffskredite sind kaum zu bekommen. Daher sucht so mancher schon Hilfe beim Staat: In Niedersachsen, so heißt es in der Branche, betteln einige Reeder aus Haaren oder Leer gerade um Bürgschaften.

          Derweil hat die Bundesregierung die Halbierung der Lohnkostenzuschüsse für Schiffe, die unter deutscher Flagge fahren, zurückgenommen. Dafür, dass künftig wieder 57 Millionen Euro aus Berlin fließen, müssen die Reeder aber ihrerseits einen Beitrag von 30 Millionen Euro leisten. Er soll von all jenen getragen werden, die Schiffe aus Kostengründen unter ausländischen Flaggen laufen lassen. Pro Schiff werden bis zu 15.000 Euro fällig.

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