https://www.faz.net/-gqe-avb

Schiffbau : Werften funken S.O.S.

Im Dock der Wismarer Wadan Werft Bild: AP

Deutschlands Werften haben ein schlimmes Jahr hinter sich. Aber das Schlimmste steht ihnen noch bevor. Bislang haben sechs Werften Insolvenz angemeldet. Doch es werden noch viel mehr Schiffbauer in Schieflage geraten.

          4 Min.

          Das ist schon ein Dilemma. Da wird man 125 Jahre alt - aber zum Feiern ist eigentlich niemandem zumute. Trotzdem lud der Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM) am Dienstagabend zum Jubiläums-Empfang ins Hamburger Rathaus. Die Pracht des Großen Festsaals, in dem einst Kaiser Wilhelm II. die Eröffnung des Nord-Ostsee-Kanals gefeiert hatte, kontrastierte auf merkwürdige Weise mit dem Elend in der Branche. Es gab Truthahn-Geschnetzeltes mit Gorgonzolasauce, Seeteufel auf Blattspinat und toskanische Gemüsepfanne mit Kartoffelspalten. Manch einer der rund 250 Gäste dürfte dies als Henkersmahlzeit empfunden haben.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Deutschlands Werften haben ein schlimmes Jahr hinter sich. Aber das Schlimmste steht ihnen noch bevor. Bislang haben sechs Werften Insolvenz angemeldet. Doch es werden noch viel mehr Schiffbauer in Schieflage geraten: "Wir haben das Ende der Insolvenzen noch nicht gesehen", sagt Herbert Aly, der als Chef der Hamburger Werft Blohm + Voss auch im Präsidium des Schiffbauverbandes sitzt. "Der Auftragsbestand der deutschen Werften schmilzt wie Schnee in der Sonne", sagt der VSM-Vorsitzer Werner Lüken, der hauptberuflich die Lloyd-Werft in Bremerhaven führt. Die Reeder bestellen nicht nur keine Schiffe mehr, sie stornieren ihre Aufträge. 60 Schiffe wurden bisher abbestellt - das ist ein Viertel des Auftragsbestands. Vielen Werften geht also die Arbeit aus. Mit dramatischen Folgen.

          Die Staatshilfe hat nicht viel geholfen

          In fünf Jahren, so schätzen Branchenkenner, wird maximal die Hälfte der deutschen Schiffbauer noch am Markt sein. Von den 20 000 Arbeitsplätzen in den Werften und Zulieferbetrieben an Nord- und Ostsee sind wohl nur 10.000 zu retten - wenn überhaupt. Politiker und Gewerkschafter empfinden dies als Horrorszenario, trifft es doch Regionen, die, wie Mecklenburg-Vorpommern, besonders strukturschwach sind. Also klammern sie sich an vage Auftragsaussichten und leiten daraus die Berechtigung für Staatshilfe ab. Doch eine solche Berechtigung gibt es in den meisten Fällen nicht. Viele Schiffbauer sind einfach nicht zu retten. Dieser Realität gilt es sich zu stellen.

          Schon nach der Wende hatte man nicht den Mut, einen Schlussstrich zu ziehen. Die maroden DDR-Werften wurden mit Steuergeldern in Milliardenhöhe saniert. Getragen hat die Staatshilfe nicht. Der großen Werftengruppe in Wismar und Warnemünde, die nach etlichen Besitzerwechseln nun unter Nordic-Yards firmiert, droht das Aus. Die Hegemann-Werften in Wolgast und Stralsund kämpfen verzweifelt ums Überleben.

          Beide Gruppen haben eines gemein: Sie suchten ihr Heil im Bau von Containerschiffen. Doch in diesem Standardgeschäft kann man am Hochlohnstandort Deutschland gegen die übermächtige und technisch mindestens ebenbürtige Konkurrenz aus Korea keinen Blumentopf gewinnen. Dass sie und andere deutsche Werften trotzdem einige Aufträge ergatterten, hing nur damit zusammen, dass die asiatischen Schiffbauer voll ausgelastet waren. Doch infolge der Wirtschaftskrise brachen die Bestellungen der Reeder um 80 Prozent ein. Entsprechend groß sind die Überkapazitäten in der Welt. In Deutschland, da sind sich die Fachleute einig, wird nie wieder ein Handelsschiff bestellt werden.

          Genau mit dieser Begründung hatte Thyssen-Krupp im Oktober vergangenen Jahres den Rückzug aus dem Handelsschiffbau angetreten. Der Konzern verkauft die Mehrheit der traditionsreichen Hamburger Werft Blohm + Voss an die Schiffbaugruppe Abu Dhabi Mar und die Nordseewerke in Emden an die Siag Schaaf Industrie AG. Siag will auf den Werftanlagen fortan schwere Stahlbaukomponenten für Offshore-Windräder produzieren. Eine derartige - von Thyssen-Krupp finanziell stark unterstützte - Konversion hin zu einem zukunftsträchtigeren Industriezweig ist vorbildlich, wird jedoch mit Sicherheit nicht beliebig oft Nachahmer an anderen Werftstandorten finden.

          Hinwendung zum Spezialschiffbau

          Als Königsweg in eine vielleicht doch noch hoffnungsfrohe Zukunft wird die Hinwendung zum Spezialschiffbau gesehen. Tatsächlich gibt es hierzulande bereits etliche Werften, die sich in Nischen tummeln und bisher ohne größere Blessuren durch die Krise gesteuert sind. Dazu gehören Adressen wie die auf Kreuzfahrtschiffe spezialisierte Meyer-Werft in Papenburg, die Flensburger Schifffahrtsgesellschaft (Fähren, Marineschiffe) oder die Firma Fassmer aus Berne bei Bremen, die Seenotkreuzer, Polizeischiffe und Patrouillenboote baut.

          In den Markt für Spezialschiffe zu wechseln ist freilich auch kein Selbstläufer. Dort wird der Wettbewerb in den nächsten Jahren zunehmen, weil sich die koreanischen und chinesischen Werften mangels Auslastung nun auch stärker im Bau von Spezialschiffen versuchen. Der technologische Vorsprung schwindet offenbar schnell: Es fehle nicht mehr viel, so heißt es in der Branche, dann seien auch die Koreaner in der Lage, ordentliche Kreuzfahrtschiffe bauen.

          In der Hochphase des Schiffbaus war die Hälfte der Werftkapazitäten in Deutschland mit dem Bau von Containerschiffen ausgelastet. Das ist durch Spezialschiffbau nicht annähernd zu ersetzen. Außerdem sind Werften, die bislang vor allem Containerschiffe gebaut haben, nicht ohne weiteres dazu in der Lage, erfolgreich auf die Konstruktion von High-Tech-Spezialschiffen umzustellen. "Eine solche Konversion ist nicht aus dem Stand heraus machbar", warnt Werftmanager Aly. So gesehen, könnte sich auch der mögliche Auftrag zum Bau von Spezialschiffen für Offshore-Windparks, auf den die Nordic-Yards jetzt hoffen, als Rohrkrepierer entpuppen.

          Nicht zielführend sind auch Subventionen, die ohne Rücksicht auf die Zukunftsfähigkeit einer Werft darauf abzielen, Finanzierungslücken beim Bau bestellter Schiffe zu schließen. Denn das bedeutet, gutes Geld schlechtem hinterherzuwerfen. Jegliche Staatshilfen für schwachbrüstige Werften verzerren den Wettbewerb. Sie sind eine Ohrfeige für all diejenigen Wettbewerber, die sich schon vor Ausbruch der Krise mit Weitsicht und unter Schmerzen an die tatsächlichen Marktverhältnisse angepasst haben. Wie die Lloyd-Werft von Werner Lüken. Der VSM-Vorsitzer hat sich rechtzeitig vom Schiffsneubau verabschiedet und konzentriert sich auf das Reparaturgeschäft.

          Weitere Themen

          Londons U-Bahn in Not

          Staatshilfen benötigt : Londons U-Bahn in Not

          Die Londoner „Tube“ leidet unter den Folgen der Corona-Pandemie. Die schon vorher defizitäre Verkehrsgesellschaft TfL braucht Staatshilfe in Milliardenhöhe.

          Topmeldungen

          Reges Treiben in der Londoner U-Bahn

          Staatshilfen benötigt : Londons U-Bahn in Not

          Die Londoner „Tube“ leidet unter den Folgen der Corona-Pandemie. Die schon vorher defizitäre Verkehrsgesellschaft TfL braucht Staatshilfe in Milliardenhöhe.
          Auf dieses Bild werden die Frankfurter in diesem Jahr verzichten müssen: Der Weihnachtsmarkt am Römer (Archivbild von 2015)

          Höchststand an Neuinfektionen : Frankfurt sagt Weihnachtsmarkt ab

          Der Frankfurter Weihnachtsmarkt ist endgültig abgesagt. Das hat Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Die Grünen) nach einer Sondersitzung des Verwaltungsstabs am Samstag bestätigt. Zudem beschließt die Stadt weitere Einschränkungen.
          Ein Adelssitz im Zwielicht: die Burg Hohenzollern bei Hechingen in Baden-Württemberg

          Entschädigungsansprüche : Das Recht der Hohenzollern

          Der Ton in der Debatte wird schärfer: Im Streit um die Entschädigungsansprüche der Hohenzollern werden Politik und Verwaltung von Kammerjägern unter Druck gesetzt. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.