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Schaeffler : Konzeptlos in Herzogenaurach

Sie will unter den staatlichen Schutzschirm: Am Mittwoch beschirmten Maria-Elisabeth Schaeffler aber nur ihre Mitarbeiter in Herzogenaurach Bild: ddp

Das Geld in der Schaeffler-Kasse wird knapp. Mit jedem Tag wird die Finanzlage des Unternehmens prekärer. In Herzogenaurach haben derweil 5000 Mitarbeiter für staatliche Unterstützung des Familienunternehmens demonstriert. Der Bund aber wartet noch immer auf ein Rettungskonzept.

          Es ist ein bewegender Tag für Maria-Elisabeth Schaeffler. Zu Tränen gerührt steht sie am Werkstor in Herzogenaurach vor ihren Beschäftigten und dankt für die große Unterstützung – die der Firmeninhaberin in den vergangenen Monaten in der Öffentlichkeit schmerzlich gefehlt hat. 5000 Mitarbeiter der Schaeffler-Gruppe haben in der fränkischen Stadt, dem Firmensitz des Automobilzulieferers, für staatliche Unterstützung des hoch verschuldeten Familienunternehmens demonstriert. Betriebsräte und Gewerkschafter fordern schnelle Hilfe.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Für Maria-Elisabeth Schaeffler kommt die Aktion wie bestellt, um ihrer Forderung nach Bürgschaften durch die Bundesregierung Nachdruck zu verleihen. Denn es wird brenzlig im Unternehmen, das sich im vergangenen Jahr mit der kreditfinanzierten 10 Milliarden Euro teuren Übernahme des Hannoverschen Autozulieferers Continental verhoben hat. Mit jedem Tag wird die Finanzlage des Unternehmens prekärer, nicht zuletzt wegen der Absatzkrise der Autoindustrie. „Schaeffler prüft tagesaktuell, ob die Liquidität noch reicht, um die laufende Zinslast zu bedienen“, heißt es in Finanzkreisen. Für die rund 12 Milliarden Euro Schulden müssten monatlich 70 Millionen Euro Zinsen gezahlt werden, sagte das für Schaeffler zuständige IG-Metall-Mitglied Wolfgang Müller am Dienstag. Dem Unternehmen falle es immer schwerer, den Zinsverpflichtungen nachzukommen.

          Schlimmer noch: Nach Informationen der F.A.Z. sollen die Verschuldungsgrenzen, die mit den sechs Gläubigerbanken vereinbart worden sind, bereits überschritten sein. Die Banken halten aber noch still, um das Kartenhaus nicht zusammenfallen zu lassen. Normalerweise können sie Kredite fällig stellen, sollte ein festgelegtes Verhältnis von Schuldenhöhe zu operativem Ergebnis als Kennziffer für die Finanzierungskraft eines Unternehmens gebrochen werden.

          Jubel für  Konzernchefin Maria-Elisabeth Schaeffler

          Gleich drei Wirtschaftsprüfer verschaffen sich einen Überblick

          Zu all dem herrscht Stillschweigen in der Firmenzentrale. Lediglich am Dienstagnachmittag sah sich ein Unternehmenssprecher als Reaktion auf die Aussagen der IG Metall gezwungen, der jegliche Insolvenzgefahr bestritt: „Die Lage ist schwierig, sonst hätten wir uns nicht um staatliche Hilfe bemüht“, sagte er. „Aber wir befinden uns derzeit nicht in einem Insolvenzszenario.“ Das eigentlich für diese Woche vorgesehene Strategie- und Konzeptpapier, dass die Bundesregierung als Entscheidungsgrundlage für die politisch höchst umstrittene Bürgschaft verlangt hat, lässt auf sich warten.

          Ende Januar hatte Schaeffler den Politikern in Bund und Ländern noch zugesagt, binnen zwei bis drei Wochen ein belastbares Konzept vorzulegen. „Das wird mindestens noch eine Woche dauern“, heißt es nun in gut informierten Kreisen. Angeblich liegen immer noch keine belastbaren Geschäftszahlen für 2008 vor, die die Basis für die Geschäftsprognosen für die nächsten Jahre bilden müssen.

          Den Überblick müssen sich jetzt gleich drei Wirtschaftsprüfer verschaffen. Zusätzlich zum Abschlussprüfer Ernst & Young strömen truppenweise Bilanzexperten nach Herzogenaurach: Der Bund hat Pricewaterhouse Coopers (PWC) entsandt; die Banken sollen Deloitte & Touche geschickt haben, um die Zahlen und Geschäftspläne zu validieren. Zudem sind zahllose Verhandlungen mit den kreditgebenden Banken zu führen. Sie alle zittern um ihren milliardenschweren Einsatz – allen voran die Commerzbank, die nach der Fusion mit der Dresdner Bank ein Klumpenrisiko von rund 5 Milliarden Euro durch Schaeffler in den Büchern hat. Vor dem Konsortialführer Royal Bank of Scotland mit 2,5 Milliarden Euro ist sie nun der größte Kreditgeber. Die Banken wollen eine Fälligstellung der Kredite vermeiden, weil sie dadurch in ihren Häusern einen enormen Abschreibungsbedarf provozieren würden.

          Dem Vernehmen nach gibt es in dem Kreditvertrag Klauseln, die es den Banken erlauben, einen Teil ihrer Kredite in Eigenkapital umzuwandeln. Je nach Wert dieses Anteils könnte zwar auch dies die Banken zu Abschreibungen zwingen, aber wahrscheinlich in geringerem Umfang. Außerdem bekämen sie Einfluss auf die Führung der Gruppe und könnten notfalls auf deren Zerschlagung dringen. Ein Verkauf von Einzelteilen wäre aber zumindest in der gegenwärtigen Marktlage kein gewinnträchtiges Manöver.

          Der Finanzchef geht

          Daher könnte es im Interesse der Banken liegen, das bestehende Gebilde Schaeffler zu stabilisieren, indem sie die Zinsen für die verbleibenden Kredite senken und die Tilgungsverpflichtung strecken. Das tun die Banken aber wahrscheinlich nur, wenn der Staat ihnen garantiert, dass die verbleibenden Kredite zurückgezahlt werden. Derlei Bürgschaften werten die Kredite auf und verringern Eigenkapitalbindung und Risikovorsorge.

          Damit ist es noch nicht getan. Denn Maria-Elisabeth Schaeffler und ihr Sohn Georg als persönlich haftende Gesellschafter wollen Einfluss und Macht über das mittlerweile in der Existenz bedrohte Firmenimperium nicht abgeben. Zudem hemmt die gesellschaftsrechtliche Konstruktion der nicht fungiblen Schaeffler KG das Interesse von Investoren. Zu allem Überfluss sucht nun der Finanzchef Thomas Hetmann das Weite. Er soll sich mit Firmenchef Jürgen Geißinger überworfen haben.

          Doch Maria-Elisabeth Schaeffler präsentierte sich am Mittwoch wie in einer Siegerpose vor ihren protestierenden Mitarbeitern. Wenn es am Ende tatsächlich gelingt, ihre unternehmerische Fehlleistung mit Hilfe des Staates zu korrigieren, werden trotzdem wieder Tränen fließen: die der Steuerzahler.

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