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Saure Gurken : Hauptsaison für Hengstenberg

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Gurken am Fließband: An der Abfüllung Bild: Frank Röth

Drei Gläser saure Gurken essen die Deutschen im Durchschnitt im Jahr. In der Sauregurkenzeit läuft die Konservenfabrik des schwäbischen Familienunternehmens auf Hochtouren. Die Ernte in diesem Jahr dürfte gut ausfallen

          Sommerzeit ist auch Sauregurkenzeit. Auf den Äckern von Hengstenberg bei Bad Friedrichshall ist deshalb zu dieser Jahreszeit besonders viel los. Ein Traktor schiebt sich zentimeterweise über die niedrigen, am Boden entlangwachsenden Grünpflanzen. Gurkenflieger heißt das Gerät, das er zieht. Auf den beiden großen metallenen Seitenarmen liegen polnische Erntehelfer bäuchlings und pflücken die reifen Gurken - ein Knochenjob.

          Steffen Hengstenberg blickt zufrieden drein, als er in seinen Gummistiefeln über den matschigen Acker geht. „Bis jetzt ist es ein gutes Gurkenjahr; das warme Wetter war gut für das Wachstum“, sagt er. Der 45 Jahre alte Betriebswirt ist Geschäftsführender Gesellschafter bei der Rich. Hengstenberg GmbH & Co KG. Das Familienunternehmen mit Sitz in der schwäbischen Stadt Esslingen legt rund 514 Millionen Gurken im Jahr ein.

          Im Juli und August herrscht in der Sauerkonservenfabrik in der Nähe von Heilbronn Hochbetrieb. Wenn es sein muss, wird auch im Dreischichtbetrieb gearbeitet, um die Gurke schnell ins Glas zu bringen, damit sie frisch und knackig bleibt. Bevor es so weit ist, muss sie erst einmal gewaschen und nach der Größe sortiert werden - nach Fraktionen, wie es in der Fachsprache heißt. Es gibt 13 unterschiedliche Größen. „Viele Kunden wollen Sechs-mal-Neuner-Gurken“, sagt Hengstenberg. Gemeint ist damit die Länge des grünen Nachtschattengewächses zwischen sechs und neun Zentimetern. Der Verbrauch von Gurkenkonserven betrug im letzten Jahr nach Angaben des Marktforschungsunternehmens GfK in der Bundesrepublik zwei Liter. Die meistverkauften Gurkengläser fassen rund 720 Milliliter - macht also drei Gläser saure Gurken pro Person.

          „Bis jetzt ein gutes Gurkenjahr”: Geschäftsführer Steffen Hengstenberg

          Der Name Hengstenberg ziert in weißer Schrift auf rotem Grund nicht nur Gurkengläser, sondern auch Essigflaschen oder Sauerkrautdosen - insgesamt gehören rund 140 Produkte zum Angebot des Mittelständlers. Im vergangenen Jahr betrug der Umsatz knapp 150 Millionen Euro, 2008 waren es 148 Millionen Euro. Das Unternehmen im Eigentum von 13 Familiengesellschaftern setzt nach Angaben des Geschäftsführenden Gesellschafters auf „zartes, gemächliches“ Wachstum. Genaue Angaben zum Gewinn will er keine machen. Nur so viel: „Deutlich positiv, wir schwimmen aber nicht im Geld.“ Im Bundesanzeiger lässt sich nachlesen, dass die Umsatzrendite zuletzt im niedrigen einstelligen Prozentbereich lag.

          Billiggurken sind ernsthafte Konkurrenz

          Saure Gurken sind keine deutsche Angelegenheit. Hengstenberg erzielt zwar erst 10 Prozent seines Umsatzes im Ausland, liefert seine Produkte aber in über 40 Länder - vor allem in die Staaten der Europäischen Union, aber auch nach Nordamerika, Russland und Japan. Jedes Land hat seine speziellen Vorlieben. So seien zum Beispiel Salz-Dillgurken besonders in Amerika nachgefragt. Die Franzosen mögen gern kleine Gurken. Die sind jedoch teurer als die großen Exemplare.

          „Wir sind normalerweise in sehr gut entwickelten Ländern mit einem hohen Pro-Kopf-Einkommen vertreten“, sagt Hengstenberg. Den Exportanteil will er in Zukunft noch ausbauen. Im Ausland sieht er eher die Möglichkeit, höhere Preise durchzusetzen. Dem Markenanbieter macht hierzulande vor allem zu schaffen, dass inzwischen das Angebot von Billiggurken eine ernsthafte Konkurrenz ist. Der Handelsmarkenanteil beträgt rund 60 Prozent. Hengstenberg steht zudem im Wettbewerb mit Spreewald-Gurken und Kühne.

          Marktführer bei Sauerkraut

          Hengstenberg ist eigenen Angaben zufolge Marktführer bei Sauerkraut. Das Kraut wird im Anschluss an die Gurkensaison verarbeitet. Die größte Sauerkrautfabrik der Welt unterhält das Unternehmen in der hessischen Stadt Fritzlar. Der Bundesbürger verspeist im Jahr rund 700 Gramm Sauerkraut, heißt es. Das entspricht fünf Portionen im Jahr. Zum Marktsegment „Saure Märkte“ zählen neben dem Sauerkraut noch Rotkraut, Gurken- und Essigkonserven sowie Essig. Saure Konserven mögen vor allem Menschen jenseits der Altersgrenze von 50 Jahren.

          Ein kleines geschäftliches Standbein ist das Biogeschäft geworden. Der Einstieg sei vor ein paar Jahren kontrovers diskutiert worden, erinnert sich der 45-Jährige. Denn schon bei der konventionellen Ware setze das Unternehmen auf hervorragende Qualität. Doch die Einführung des Biosortiments hat sich nach Auffassung des Managers gelohnt. „Es gibt eine gewisse Verbraucherschicht, die das schätzt.“ Der Bioanteil am Umsatz beträgt 5 Prozent. Es sei ein Mehrwert entstanden. „Aber dass das weiter dynamische Zuwachsraten hat, glaube ich nicht.“

          Nord-Süd-Gefälle bei der Traditionsmarke

          Bekannt ist Hengstenberg auch durch seinen Essig. Von der Traditionsmarke „Altmeister“ werden im Jahr zehn Millionen Flaschen verkauft. Der Manager hat einen ganz klaren Trend hin zum milden Essig ausgemacht. Die Essigproduktion will das Unternehmen vom Stammsitz Esslingen ab Herbst 2011 nach Bad Friedrichshall verlagern. Das hat betriebswirtschaftliche Gründe. In der Fabrik wird der Essig bislang schon in Flaschen abgefüllt. Und in Zukunft muss er dann nicht mehr mit Hilfe von Tankwagen vom Stammsitz dorthin gefahren werden. In Esslingen soll in Zukunft nur noch die Verwaltung ihren Sitz haben. Bei seinem Traditionsprodukt hat Hengstenberg ein klares Nord-Süd-Gefälle ausgemacht. „Altmeister“ wird nur bis zur Main-Linie verkauft. Die Norddeutschen mögen keinen dunklen Essig, berichtet er. Sie bevorzugen die farblose Variante und bereiten ihren Kartoffelsalat auch eher mit Mayonnaise zu.

          Das Geschäft mit den Gurken ist ein Saisongeschäft. Hengstenberg muss lange im Voraus planen und dann zusehen, dass er richtig kalkuliert hat. Die Gurkensaison geht nur über zwei Monate. Wenn ein Unwetter die Ernte schmaler ausfallen lässt, muss er zukaufen. Dann greift das Unternehmen auf niederbayrische Gurken zurück. Doch in den vergangenen Jahren sei die Gurkenernte immer gut gewesen, heißt es von Seiten des Unternehmens.

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