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Gene analysierende Unternehmer : „Wer uns ethisch kritisiert, versteht nicht, worum es geht“

Saskia und Dirk Biskup analysieren mit ihren Unternehmen Gene. Bild: Verena Müller

Das Ehepaar Biskup aus Tübingen analysiert Gene von geborenen und ungeborenen Menschen – und von Tieren. Ihr Ziel ist eindeutig.

          Das Schönste sei das Vertrauen. „Wir sind wie Sparringspartner“, sagt Saskia Biskup über sich und ihren Mann Dirk. Vor zehn Jahren war es, da wurden aus dem Ehepaar Geschäftspartner. Damals lebten beide in der Nähe von Washington, er leitete eine Bertelsmann-Druckerei, sie forschte an der renommierten Johns-Hopkins-Universität an genetischen Krankheiten – und war unzufrieden mit ihrem Labor: „Da wurden noch Sequenzierungen gemacht, mit denen man immer nur ein einziges Gen untersuchen konnte“, sagt sie rückblickend. „Dabei gab es viel bessere Methoden, mit denen man viele Gene gleichzeitig entschlüsseln konnte.“

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ihr Mann schlug vor, das Ganze doch selbst zu machen, und löcherte sie mit „humangenetischen Fragen“. Sie schrieben also einen Business-Plan. „Die tatsächlichen Zahlen waren weit entfernt von unseren Plänen. Im ersten Quartal hatten wir nur drei Proben“, sagt sie.

          Das war 2009. Inzwischen sind die Biskups längst nach Tübingen gezogen, wo sie die Cegat GmbH gegründet haben, ihr „Center for Genomics and Transcriptomics“, das Gene analysiert. Saskia Biskup nennt als Beispiel Angelina Jolie. Die Hollywood-Schauspielerin ließ sich 2013 die Brüste entfernen, um sich vor Brustkrebs zu schützen; ihre Ärzte hatten berechnet, dass sie wegen eines geerbten Gendefekts mit einer Wahrscheinlichkeit von 87 Prozent Brustkrebs bekommt. Solche Analysen macht auch Cegat.

          Work-Life-Balance ist Quatsch

          Saskia Biskup ist 47 Jahre alt und Human-Genetikerin. Sie hat in Würzburg Medizin studiert und gleich zweimal promoviert, in Medizin und naturwissenschaftlicher Forschung. Dirk Biskup ist 48 und Betriebswirt. Seinen Diplom-Kaufmann machte er in Hamburg und promovierte in Bielefeld im Bereich Produktion. Eigentlich kommt er aus der Medienbranche, war im Management von Bertelsmann und Holtzbrinck.

          Weil sie aus unterschiedlichen Bereichen kommen, sei keiner der Boss, erzählt er. Deshalb funktionierten Arbeit und Ehe, obwohl sie kaum Tage ohne Arbeit hätten. „Aber Arbeit ist das eigentlich nicht“, sagt sie. Das Gerede von Work-Life-Balance sei ohnehin Quatsch. Kein Wunder, dass sie nebenbei noch habilitiert – falls sie mal Professorin werden möchte. Mit dieser Einstellung zu Leben und Arbeit kommen die beiden Unternehmer inzwischen auf mehr als 30 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Einfach sei es trotzdem nicht.

          Kein freier Markt

          Das liege am Umfeld, sagt Dirk Biskup. „Wir befinden uns auf einem sehr speziellen Markt, dem Gesundheitsmarkt. Ein freier Markt ist das nicht.“ Denn: „Es kann nicht einfach irgendjemand sein Blut zu uns schicken und seine Gene analysieren lassen.“ Stattdessen sei der Markt streng reguliert. Cegat dürfe in Deutschland nur die Sequenzierung genetischen Materials anbieten, bereite die Gene also nur auf. Vor allem Forscher und Pharmaunternehmen seien die Kunden.

          Medizinische Befunde erstelle dagegen nur die Praxis seiner Frau. Abgerechnet werden die Leistungen über die Kassenärztliche Vereinigung. Anders sei das nur bei jenen 20 bis 30 Prozent der Kunden, die aus dem Ausland kommen. Für die dürfe Cegat die Befunde selbst erstellen. Da würden sie die Ärzte aber kennen, die ihnen die Proben schicken.

          Ein Unternehmen allein war den beiden aber schnell nicht mehr genug, 2014 gründeten sie ihr erstes Tochterunternehmen, die Cenata GmbH. Diese untersucht Gene von ungeborenen Säuglingen, allerdings nur deren Chromosomen. Das Feld ist ethisch umkämpft, weil diese Tests manchmal Informationen liefern, die Eltern zu Abtreibungen motivieren.

          Saskia Biskup sieht das anders: „Die Leute, die uns dafür ethisch kritisieren, haben nicht verstanden, worum es geht.“ Viele Familien hätten schon schwerkranke Kinder und würden ein weiteres krankes Kind nicht verkraften. Es gehe nicht um Kinder mit Downsyndrom, sondern mit schwereren Erkrankungen. Vielmehr trage ihr Test zur Gesundheit der Kinder bei: Die alten invasiven Tests verwendeten das Fruchtwasser der Mutter und kämen dem ungeborenen Kind sehr nahe. Sie brauchten für ihren nichtinvasiven Test hingegen nur das Blut der Mutter. Und sie könnten mit einer Sicherheit von 99 Prozent sagen, ob das Kind eine Chromosomenstörung hat.

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