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Konzern in der Kritik : „SAP muss gewaltig aufpassen“

  • -Aktualisiert am

Der Softwarehersteller SAP ist zunehmend mit der Kritik von Kunden konfrontiert. Bild: dpa

Der Verband der SAP-Nutzer bemängelt Lücken in der Software und die schlechte Integration der Programme. Zudem verliert der Konzern viele qualifizierte Mitarbeiter – die Kunden äußern Kritik.

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          Die Strategie des Softwarekonzerns SAP trifft auf deutliche Kritik seiner Kunden. Zu viele Programme seien angestoßen, aber nicht weiterentwickelt worden, die Integration der teils für Milliarden Euro zugekauften Softwarelösungen funktioniere nicht wie erhofft, schließlich sei das Problem der unterschiedlichen Stammdaten in den Programmen nach wie vor nicht gelöst.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Das sind Eckpunkte, die die einflussreiche deutschsprachige Anwendergruppe DSAG zu Beginn ihres Jahreskongresses in Nürnberg formuliert. Fast die Hälfte der Ideen für Digitalisierungsvorhaben verlaufe im Sand, sagte der DSAG-Vorstandsvorsitzende Marco Lenck der F.A.Z.: „Unsere Unternehmen fallen in der digitalen Transformation zurück.“ Die DSAG vertritt nach eigenen Angaben mehr als 3500 Unternehmen und ist schon deshalb ein wichtiger Ansprechpartner für Deutschlands IT-Vorzeigekonzern. Umso stärker wiegt die Kritik. 30 Prozent der befragten DSAG-Mitglieder haben nach Lencks Worten wenig oder gar kein Vertrauen in SAP als „Digitalisierungspartner“. Die Mehrheit sei unsicher. Nur ein knappes Viertel vertraut demnach der Strategie von SAP.

          Vor allem das laufende Umbauprogramm in Walldorf macht dem Nutzerverband Sorgen. Hatte die DSAG zu Jahresanfang die von SAP verkündeten Effizienzmaßnahmen noch begrüßt, äußert sich Lenck nun kritisch. SAP müsse gewaltig aufpassen, weil mittlerweile viel mehr gute Leute das Unternehmen verließen als erwartet, sagte er. Um eine Transformation zu gestalten, benötige der Konzern aber auch das Wissen über das Bestehende. Der Braindrain, also der Verlust qualifizierter Mitarbeiter, sei massiv. „Viele SAPler mit breitem Knowhow und Kundenverständnis verlassen das Unternehmen, diese Tendenz sehen wir mit Sorge.“

          „In der Funktionalität sind andere besser“

          SAP bekräftigte auf Nachfrage, dass im Verlauf des Programms voraussichtlich um die 4000 Mitarbeiter den Konzern verlassen würden, wie viele davon in Deutschland, bezifferte der Konzern allerdings nicht. Zudem betont SAP, auch im laufenden Jahr würden netto mehr Stellen geschaffen als abgebaut.

          Glaubt man dem Nutzerverband, dann hat der Konzern Schwierigkeiten, die unter Vorstandschef Bill McDermott angestoßenen Milliardenzukäufe – lange bejubelt von der Börse – so zu integrieren, dass sie für die Kundschaft den nötigen Nutzen bringen. Die Kritik der DSAG zielt also auf den Nerv der Strategie. Vor allem das von McDermott zum Angriffsziel ausgerufene schnell wachsende Geschäft mit Software zur Steuerung von Kundendaten und Vertrieb („CRM“) kommt zumindest bei der deutschsprachigen Kundschaft nicht so an wie erhofft. Immerhin will McDermott den amerikanischen Marktführer Salesforce vom Thron stoßen und hat dazu Ende 2018 den amerikanischen Online-Marktforscher und Datensammler Qualtrics für 8 Milliarden Dollar übernommen.

          Bei den Nutzern zündet diese Vision offenbar noch nicht. Die CRM-Lösungen von SAP würden zwar eingesetzt, aber im Vergleich zu Wettbewerbsprodukten schwächer, sagt Lenck. Wenn SAP dem Wettbewerb etwas entgegensetzen wolle, dann müssten vor allem die Integrationsprobleme gelöst und endlich einheitliche Stammdaten geschaffen werden. Einheitlichkeit sei schließlich das Alleinstellungsmerkmal von SAP. „In der Funktionalität sind andere besser.“

          Mit einem Fokus auf nahtlose Integration

          McDermott hatte noch im Frühjahr der F.A.Z. gesagt, SAP sei stärker als je zuvor. Die Kunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz sehen das offenbar nicht so. Nach Lencks Worten fehlt es den Programmen an vollständigen und stabilen Funktionen vor allem für hybride Lösungen, also für die von vielen Kunden bevorzugte gleichzeitige Nutzung auf eigenen Computern und in der Cloud. SAP habe viele Lösungen angeschoben, aber nicht weiterentwickelt. Die Integration funktioniere nicht wie erwartet, Kunden müssten immer wieder selbst nachprogrammieren. Zudem, so Lenck, fehle es an flexiblen und planbaren Bezahlmodellen.

          Schon bei der testweisen Einführung von Digitalisierungslösungen müsse den Kunden kommuniziert werden, was eine Umsetzung in großem Stil koste – „sonst bekommen IT-Verantwortliche dafür gar keine Freigabe im Unternehmen“. Immerhin: Die Umstellung auf S/4 Hana, die neueste Version der SAP-Standardsoftware zur Unternehmenssteuerung, wollen nun immer mehr Kunden angehen. Nach einer Erhebung der DSAG plant die Hälfte der Befragten die Systeme in drei Jahren umgestellt zu haben. Damit würde die von SAP forcierte Migration endlich Fahrt aufnehmen. Dennoch würde Stand jetzt ein Großteil der SAP-Kunden auch in drei Jahren noch die alten Standardprogramme nutzen.

          SAP nimmt das Feedback der Kunden nach eigenem Bekunden sehr ernst. „Wir stehen seit jeher in engem Austausch.“ Der Fokus des Unternehmens liege auf einer nahtlosen Integration aller Produkte und deren Skalierbarkeit für jede Lösung, ganz gleich ob herkömmlich installiert, cloudbasiert oder hybrid. SAP verfolge stets den Ansatz, „einen intensiven und fairen Dialog mit den Nutzergruppen zu führen“.

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