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SAP-Chef Bill McDermott : Der Meister der Selbstsuggestion

Wird Bill McDermott SAP auf Kurs halten? Bild: dpa

Der Chef von Deutschlands IT-Vorzeigekonzern versprüht Zuversicht – und die Anleger glauben ihm. Verlieren ist für ihn schlicht keine Alternative.

          4 Min.

          Bill McDermott verbreitet Optimismus. „SAP wächst deutlich schneller als unsere Wettbewerber, sowohl im Kerngeschäft als auch in der Cloud“, sagt der Vorstandsvorsitzende von Deutschlands IT-Vorzeigekonzern während der Vorstellung der neuen Geschäftsergebnisse. Die Anleger an der Börse glauben seine Worte – der Aktienkurs liegt im frühen Handel um beinahe 7 Prozent im Plus.

          Bernd Freytag
          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

          Hoffnung vermitteln, das ist für McDermott eine wichtige Tugend. Der Amerikaner an der Spitze von Deutschlands wertvollstem Unternehmen ist ein Meister der Selbstsuggestion. Man könnte auch sagen: Er kann nicht anders. An sich selbst zu glauben, das habe ihm schon seine Mutter beigebracht.

          Ohne diese für Außenstehende manchmal nur schwer zu ertragende Zuversicht hätte er es niemals so weit gebracht: vom eigenen kleinen Laden an der Ecke ins Eckbüro eines Weltkonzerns. So jedenfalls beschreibt er es in seiner Autobiographie. „Winners Dream“ heißt das Buch. Verlieren kommt darin nicht vor.

          McDemotts Pathos ist selbst für Amerikaner groß. „SAP“, sagt er, „kann jetzt Geschichte schreiben.“ Und damit meint er nicht Unternehmensgeschichte. Drei Viertel aller Unternehmenstransaktionen laufen nach seiner Einschätzung heute auf Programmen von SAP. Nun sollen sich die milliardenschweren Zukäufe seiner Amtszeit auszahlen und die Dominanz von SAP weitertragen in die Cloud, wo Programme nicht mehr gekauft werden, sondern gemietet. Wo es nicht mehr reicht, Unternehmensdaten effizient zu verarbeiten, Personal zu verwalten, Materialeinkauf und Finanzen.

          Börsenwert verdreifacht

          Wer in der Cloud gewinnen will, muss Big-Data beherrschen, Kundendaten und Unternehmensdaten zu einer Einheit verschmelzen. Das könne so nur SAP. Fake it, till you make it – nur wer an sich selbst glaubt, wird auch andere überzeugen. Hollywood-Bill nennen ihn seine Kritiker deshalb. Einer, der Traumwelten baut, Geschichten erzählt. „Nur“ Geschichten erzählt.

          Damit aber tut man McDermott unrecht. Hinter seinen Hollywood-Fassaden steckt durchaus Substanz. Der Mann ist schon seit mehr als 40 Jahren in der Softwareindustrie. Beim Druckerhersteller Xerox stieg er zum jüngsten Geschäftsbereichsleiter auf. Er leitete den Vertrieb des Softwareanbieters Siebel Systems. Und er arbeitete für Gartner, eines der führenden Beraterhäuser für die Technologieunternehmen. Zu SAP kam er 2002 als Leiter des Amerika-Geschäftes, wo er bald sein Gesellenstück abliefert.

          Unter seiner Ägide blühte das zuvor schwächelnde Geschäft auf dem größten Softwaremarkt der Welt wieder auf. 2008 rückte er als Vertriebschef in den Vorstand auf. Nach dem Abgang des glücklosen Vorgängers Leo Apotheker übernahm McDermott dann 2010 zusammen mit dem Dänen Jim Hagemann Snabe gleichberechtigt die Führung des Konzerns.

          Die Arbeitsteilung – McDermott kümmerte sich von Amerika aus um den Vertrieb, Snabe aus Walldorf um Entwicklung und Personal – hielt vier Jahre lang, dann zog sich Snabe ohne Angaben von Gründen zurück. Der Däne leitet heute den Aufsichtsrat von Siemens. Die Vorstandsbühne gehört McDermott allein.

          Seit seinem Amtsantritt hat sich der Börsenwert verdreifacht, SAP stieg erstmals zum teuersten Unternehmen Deutschlands auf, mit einer Gesamtvergütung von 21 Millionen Euro wurde er 2017 zum höchstbezahlten Manager des Landes. Hasso Plattner, SAP-Mitbegründer, Aufsichtsratschef und bis heute das Machtzentrum des Konzerns, hat McDermott die Stange gehalten, darauf gesetzt, dass ein erfahrener Vertriebler den Umbruch am besten meistert.

          Technologie kann Plattner schließlich noch immer am besten selbst. In seinem Potsdamer Institut ist die letzte große Innovation des Konzerns entstanden: die Echtzeitdatenbank Hana. Parallel hat die SAP unter McDermotts Ägide rund 35 Milliarden Euro ausgegeben, um ihr Cloud-Angebot mit Zukäufen auszuweiten. Bis dato ist die Rechnung aufgegangen, die Strategie von der Börse honoriert. Jetzt allerdings muss SAP liefern. Die Zeit der großen Zukäufe ist nach McDermotts Worten vorbei.

          Vereinfacht gesagt, hat der Konzern einen Haufen Geld ausgegeben, um seine Kunden mit attraktiven Zusatzangeboten in die Cloud zu locken. Nur wer mit SAP in die Cloud geht, bekommt die Datenanalysen des Ende 2018 für 8 Milliarden Dollar übernommen Softwarekonzerns Qualtrics obendrauf – das ist das Kalkül.

          Ob es aufgeht, muss sich jetzt zeigen. Im Konzern jedenfalls gibt es Unruhe. Zwei Vorstände sind kürzlich ohne Begründung gegangen, die Organisation wird umgebaut, 4400 Stellen fallen weg. Alles ganz normal, sagt McDermott. Vorstände hätten das Recht, sich nach vielen Jahren neu zu orientieren. Und SAP baue in Summe mehr Stellen auf als ab, werde in diesem Jahr zum ersten Mal mehr als 100.000 Leute beschäftigten. Nur wer sich wandle, bleibe stark. SAP behandle seine Mitarbeiter besser als jedes andere Unternehmen der Branche.

          Auch nach neun Jahren an der SAP-Spitze spricht McDermott kein Wort Deutsch, die hiesige Wirtschaft mit Betriebsrat und Mitbestimmung ist ihm fremd geblieben. Sein Haus in Heidelberg ist mehr Hotel als Heimat.

          In der vergleichsweise jungen Softwareindustrie zählen alte Pfründe wenig. Wer Ideen hat und schnell reagiert, kann in kurzer Zeit enormen Reichtum erwerben. McDermott passt in diese Reihe der hungrigen Aufsteiger, auch wenn er kein Extrembeispiel ist wie Steve Jobs oder Larry Ellisson, die mit Oracle und Apple zu Milliardären wurden. Als William R. McDermott wurde er 1961 in Queens/New York geboren und wuchs mit zwei Geschwistern auf. Seine Mutter war Hausfrau, sein Vater Elektriker, sein Großvater Profi-Basketballer – eine Leidenschaft, die McDermott bis heute mit seinen beiden Söhnen teilt. Die Familie sei nicht arm gewesen, das Geld dennoch knapp, schreibt er. Sein Aufstieg begann mit dem Besuch der Wharton Graduate School in Pennsylvania, eine Reichen-Schmiede, die schon Elon Musk, Warren Buffet und Donald Trump durchlaufen haben.

          Schon als Sechzehnjähriger öffnete McDermott sein erstes Geschäft, einen Lebensmittelladen in Long Island. Dort habe er gelernt, Kunden das zu geben, was sie wollen. Dieses Gefühl scheint ihm nun abhandengekommen zu sein. Das Murren der SAP-Kunden über die Restlaufzeit der Wartung für die Altprogramme, Schwachstellen der neuen Lösungen, der teils vor Gericht ausgetragene Streit über neue Bezahlmodelle, das alles hat Vertrauen gekostet.

          Dabei weiß McDermott, wie man Krisen meistert. 2015 verunglückte er im Haus seiner Bruders, stürzte mit einem Wasserglas in der Hand die Treppe hinunter, eine Scherbe bohrte sich in sein Auge. Der Unfall habe ihm Stärke gegeben, Entschlossenheit, Leidenschaft, sagt er. Der hochgewachsene, auf sein Aussehen bedachte Mann trägt heute eine Sonnenbrille. Man müsse einen Weg finden, wieder aufstehen.

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