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SAP-Chef Bill McDermott : Der Meister der Selbstsuggestion

Technologie kann Plattner schließlich noch immer am besten selbst. In seinem Potsdamer Institut ist die letzte große Innovation des Konzerns entstanden: die Echtzeitdatenbank Hana. Parallel hat die SAP unter McDermotts Ägide rund 35 Milliarden Euro ausgegeben, um ihr Cloud-Angebot mit Zukäufen auszuweiten. Bis dato ist die Rechnung aufgegangen, die Strategie von der Börse honoriert. Jetzt allerdings muss SAP liefern. Die Zeit der großen Zukäufe ist nach McDermotts Worten vorbei.

Vereinfacht gesagt, hat der Konzern einen Haufen Geld ausgegeben, um seine Kunden mit attraktiven Zusatzangeboten in die Cloud zu locken. Nur wer mit SAP in die Cloud geht, bekommt die Datenanalysen des Ende 2018 für 8 Milliarden Dollar übernommen Softwarekonzerns Qualtrics obendrauf – das ist das Kalkül.

Ob es aufgeht, muss sich jetzt zeigen. Im Konzern jedenfalls gibt es Unruhe. Zwei Vorstände sind kürzlich ohne Begründung gegangen, die Organisation wird umgebaut, 4400 Stellen fallen weg. Alles ganz normal, sagt McDermott. Vorstände hätten das Recht, sich nach vielen Jahren neu zu orientieren. Und SAP baue in Summe mehr Stellen auf als ab, werde in diesem Jahr zum ersten Mal mehr als 100.000 Leute beschäftigten. Nur wer sich wandle, bleibe stark. SAP behandle seine Mitarbeiter besser als jedes andere Unternehmen der Branche.

Auch nach neun Jahren an der SAP-Spitze spricht McDermott kein Wort Deutsch, die hiesige Wirtschaft mit Betriebsrat und Mitbestimmung ist ihm fremd geblieben. Sein Haus in Heidelberg ist mehr Hotel als Heimat.

In der vergleichsweise jungen Softwareindustrie zählen alte Pfründe wenig. Wer Ideen hat und schnell reagiert, kann in kurzer Zeit enormen Reichtum erwerben. McDermott passt in diese Reihe der hungrigen Aufsteiger, auch wenn er kein Extrembeispiel ist wie Steve Jobs oder Larry Ellisson, die mit Oracle und Apple zu Milliardären wurden. Als William R. McDermott wurde er 1961 in Queens/New York geboren und wuchs mit zwei Geschwistern auf. Seine Mutter war Hausfrau, sein Vater Elektriker, sein Großvater Profi-Basketballer – eine Leidenschaft, die McDermott bis heute mit seinen beiden Söhnen teilt. Die Familie sei nicht arm gewesen, das Geld dennoch knapp, schreibt er. Sein Aufstieg begann mit dem Besuch der Wharton Graduate School in Pennsylvania, eine Reichen-Schmiede, die schon Elon Musk, Warren Buffet und Donald Trump durchlaufen haben.

Schon als Sechzehnjähriger öffnete McDermott sein erstes Geschäft, einen Lebensmittelladen in Long Island. Dort habe er gelernt, Kunden das zu geben, was sie wollen. Dieses Gefühl scheint ihm nun abhandengekommen zu sein. Das Murren der SAP-Kunden über die Restlaufzeit der Wartung für die Altprogramme, Schwachstellen der neuen Lösungen, der teils vor Gericht ausgetragene Streit über neue Bezahlmodelle, das alles hat Vertrauen gekostet.

Dabei weiß McDermott, wie man Krisen meistert. 2015 verunglückte er im Haus seiner Bruders, stürzte mit einem Wasserglas in der Hand die Treppe hinunter, eine Scherbe bohrte sich in sein Auge. Der Unfall habe ihm Stärke gegeben, Entschlossenheit, Leidenschaft, sagt er. Der hochgewachsene, auf sein Aussehen bedachte Mann trägt heute eine Sonnenbrille. Man müsse einen Weg finden, wieder aufstehen.

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