https://www.faz.net/-gqe-9zfwk

Corona-Virus : Sanofi brüskiert Europa mit Impfstoff-Zusage

Sanofis Hauptzentrale in Paris, Frankreich. Bild: AFP

Der französische Pharmahersteller will zuerst Amerika beliefern und gerät dafür an den Pranger. Fachleute und Politiker warnen vor einem „Impfstoffnationalismus“.

          3 Min.

          Die Ankündigung des französischen Pharmaherstellers Sanofi, einen Impfstoff gegen das Coronavirus zuerst für die amerikanische Bevölkerung bereitzustellen, hat eine Welle der Empörung ausgelöst. Der Vorstandsvorsitzende des größten Pharmakonzerns in der Europäischen Union, der Brite Paul Hudson, hatte in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet, dass „die amerikanische Regierung das Recht auf die größte Vorbestellung hat, weil sie investiert hat, um das Risiko zu teilen“.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Hendrik Kafsack

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Er bezog sich damit auf Vereinbarungen mit der amerikanischen Behörde Biomedical Advanced Research and Development Authority (Barda), die Impfstoffhersteller finanziell unterstützt und dafür die Entwicklung, Herstellung und einen Teil des Verkaufs in den Vereinigten Staaten verlangt. Sanofi hatte in den vergangenen Wochen mehrmals verlangt, dass Europa in ähnlicher Weise vorgehen solle. Der französische Konzern gehört mit Pfizer, Glaxo Smith Kline und Merck zu den vier größten Impfstoffherstellern der Welt.

          Der französische Präsident Emmanuel Macron ließ am Donnerstag ausrichten, dass er irritiert sei über die Ankündigungen. Denn er setze sich dafür ein, dass ein Impfstoff „der Logik des Marktes“ entzogen und zu einem öffentlichen Gut werde. Multilateral müsse eine Antwort gefunden werden, so dass Impfstoffe möglichst überall in der Welt verfügbar sein werden. Premierminister Edouard Philippe ließ sich vom Sanofi-Verwaltungsratsvorsitzenden Serge Weinberg die Versicherung geben, dass Frankreich nicht zu kurz kommen werde.

          Sanofi schickte nach den umstrittenen Interview-Äußerungen mehrere Ankündigungen nach, denen zufolge der Impfstoff in weiten Teilen der Welt verfügbar gemacht werde. Die Gespräche mit EU-Institutionen und der französischen sowie deutschen Regierung seien „sehr konstruktiv“. Allerdings nahm der Konzern nicht die Aussagen über den zeitlichen Ablauf der Lieferplanung zurück. Hudson hatte gesagt, dass die Amerikaner „Tage oder Wochen“ früher als andere ausgestattet werden könnten.

          „Eine Unverschämtheit“

          Fachleute und Politiker warnen nun vor einem „Impfstoffnationalismus“. Die EU-Kommission wollte den konkreten Sanofi-Fall nicht kommentieren, betonte aber, dass im Kampf gegen das Corona-Virus Solidarität und enge Zusammenarbeit Priorität haben müssen. Hinter den Kulissen hieß es, die Kommission bereite sich aktiv darauf vor, dass die amerikanische Regierung bei der Versorgung mit Impfstoffen auf Konfrontationskurs gehen könnte.

          Eine „Unverschämtheit“ nannte der CDU-Europaabgeordnete und -Gesundheitspolitiker Peter Liese die Aussagen des Sanofi-Chefs. Der Pharmakonzern stehe in Brüssel ständig auf der Matte, wenn es darum gehe, Fördergelder zu erhalten, und profitiere auch von EU-Programmen. „Wir werden uns das alle merken“, sagte er. Liese drohte Sanofi mit Zwangslizenzen. Dann könne ein anderes Unternehmen ohne Genehmigung von Sanofi den Impfstoff – so es ihn denn überhaupt erst einmal gebe – produzieren. Das sei technisch durchaus machbar.

          In Berlin beschwichtigte Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU): „Die Sicherstellung einer weltweiten Verteilung von Impfstoffen zu fairen Preisen und die Gewährleistung der Versorgung der Bürgerinnen und Bürger des eigenen Landes sind keine Gegensätze.“ Grundsätzlich begrüße sie jede Investition in die Forschung und Entwicklung von Corona-Impfstoffen. Hinter den Kulissen ist man in Berlin indes besorgt. Offenbar verfolge Sanofi die Strategie, durch den Vorstoß in Amerika auch in Europa Begehrlichkeiten zu wecken und in einem „Rattenrennen“ möglichst viel herauszuschlagen. Wer erfolgreich einen Impfstoff entwickle, könne sich „eine goldene Nase verdienen“, hieß es.

          Faire Verteilung?

          Zwar werde sich Sanofi nicht trauen, den Riesenmarkt Europa zu vergraulen, gleichwohl müsse man über Anreize für das Unternehmen nachdenken. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Am Montag hatte Karliczek ein 750 Millionen Euro umfassendes Sonderprogramm zur Entwicklung eines Corona-Impfstoffs angekündigt. Damit darf auch dessen Produktion gefördert werden. Zuvor hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Abnahmegarantien für Corona-relevante Produkte ausgesprochen, etwa für deutsche Schutzausrüstung oder für einen in Bayern entwickelten und produzierten Antikörpertest des Schweizer Unternehmens Roche. Ähnliches wäre auch für Impfstoffe von Sanofi denkbar. Erleichtert wurde das Zulassungsverfahren für neue Präparate. So sollen die Phase-1-Studien für Corona-Impfstoffe beschleunigt werden.

          Kritik an Sanofi kam zudem aus dem Bundestag. Der arzneimittelpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Michael Hennrich, drohte: „Es wäre schade, wenn wir auf dieses Verhalten mit einem neuen Regulierungsinstrument für die Pharmaindustrie antworten müssten.“ Es sei nicht hinzunehmen, dass ein globaler Konzern ein Land bevorzugt beliefere: „Sanofi gefährdet ein etabliertes System, in welchem wir uns bisher auf eine weltweit faire Verteilung von Impfstoffen und Arzneimitteln verlassen konnten.“

          Unterdessen sagte der Vorstandsvorsitzende des Schweizer Konzerns Novartis, Vasant Narasimhan, im Interview mit der F.A.Z., dass „die Entwicklung eines Impfstoffes an den erforderlichen Mitteln nicht scheitern wird. Das Problem wird sein, in möglichst kurzer Zeit die Produktion auf die Beine zu stellen.“ Die faire Verteilung sei dabei eine große Herausforderung. „Bei früheren Seuchen wie der Schweinegrippe 2009 hat sich gezeigt, dass immer zuerst die reicheren Länder mit Impfstoffen versorgt wurden, während die ärmeren Länder erst in einer zweiten Welle drankamen“. Tatsächlich waren auch in den Vereinigten Staaten während der Schweinegrippe Impfstoffe knapp. Daher baute die Regierung die Behörde Barda mit ihren Fördermitteln auf. „Wenn alles so läuft, wie wir es erhoffen, dürfte es 24 Monate dauern, bis wir einen Impfstoff haben“, sagte Narasimhan.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nicht alle Jugendliche halten Ausschau nach einer ernsten Beziehung, auch eine Freundschaft plus ist für viele eine Alternative.

          Sex ohne Beziehung : Warum „Freundschaft plus“ oft schiefgeht

          Man mag sich, man hat Sex, man will keine Beziehung. Die Psychotherapeutin Harriet Salbach erklärt, warum „Freundschaft plus“ bei Jugendlichen so beliebt ist – und für viele dann doch nicht das Richtige.
          Eine Mitarbeiterin des Robert Koch-Instituts (RKI) beschriftet während eines Fototermins nach einer Pressekonferenz zum Start der Studie "Corona-Monitoring lokal" eine Blutprobe für einen Antikörpertest.

          Coronavirus : RKI meldet 741 Neuinfektionen

          Das Robert Koch-Institut hat innerhalb eines Tages 741 neue Coronavirus-Fälle registriert. Wer in Nordrhein-Westfalen in Bus und Bahn keine Maske trägt, soll künftig 150 Euro Sofort-Bußgeld bezahlen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.