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Lee Kun-hee : Samsungs Patriarch ist gestorben

Der verstorbene Lee Kun-hee war der Vorsitzende des südkoreanischen Elektronikkonzerns Samsung. (Archivbild aus dem Jahr 2008) Bild: dpa

„Ändern Sie alles, nur nicht ihre Frau und ihre Kinder.“ Mit dieser Weisung führte der südkoreanische Unternehmer Lee Kun-hee Samsung an die Weltspitze der Elektronikunternehmen. Am Sonntag starb Lee im Alter von 78 Jahren.

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          Lee Kun-hee, der in den vergangenen Jahrzehnten wichtigste Unternehmer Südkoreas, ist am Sonntag im Alter von 78 Jahren gestorben. Lee war von 1987 an mit Unterbrechung Vorsitzender der Samsung-Gruppe, des heute dominierenden familiengeführten Konglomerats (Chaebol) des Landes. Er formte Samsung Electronics, das Vorzeigeunternehmen des Landes, vom Hersteller billiger Haushaltegeräte zum qualitätsbewussten und weltgrößten Hersteller von Smartphones, Fernsehern und Speicherchips. Lees Rolle für Samsung ist vergleichbar der Bedeutung von Steve Jobs für Apple oder von Akio Morita für Sony.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Der Unternehmer starb am Sonntag im Kreis seiner Familie, teilte das Unternehmen in einer Stellungnahme mit. Die Beerdigung soll im Familienkreis stattfinden. Lee lag seit einem Herzinfarkt 2014 im Samsung Medical Center im Süden Seouls. Sein Sohn, Lee Jae-yong, hatte in den vergangenen Jahren die faktische Führung des Konglomerats übernommen.

          Lee Kun-hee führte die Samsung-Gruppe, die mit dutzenden Unternehmen ihre Tentakel von Elektronik über Versicherungen bis zum Schiffbau und Baugewerbe ausstreckt, in der zweiten Generation. Er war der letzte große Chaebol-Führer dieser Generation in Südkorea. Sein Tod wirft Fragen über die Nachfolge auf. Lee hielt 5 Prozent von Samsung Electronics und die Frage ist, wem dieser Anteil zufallen wird. Lee hinterlässt seine Frau Hong Ra-hee und drei Kinder. Eine Tochter, Lee Boo-jin, leitet die Samsung-eigene Hotelkette Shilla. Eine andere Tochter, Lee Seo-hyun, leitet die Samsung-Stiftung. Üblicherweise sorgt ein dichtes Netz an Überkreuzbeteiligungen in den Chaebols dafür, dass die Gründerfamilien ihren Einfluss halten, auch wenn sie nicht Mehrheitseigner sind.

          Lee junior wegen Bilanzbetrug und Bestechung vor Gericht

          Gegen seinen Sohn und designierten Unternehmenserben, den 51 Jahre alten Lee Jae-yong, begann am Donnerstag in Seoul ein Verfahren wegen vermuteten Bilanzbetrugs und Aktienkursmanipulation. Hintergrund des Verfahrens ist der Unternehmensübergang. Lee soll unter anderem 2015 die Fusion von zwei Gruppenunternehmen in seinem Sinne begünstigt haben, um in Vorbereitung auf die Nachfolge seines Vaters seinen Einfluss auf die Samsung-Gruppe zu stärken.

          Lee junior steht auch noch vor der Neuverhandlung der vermuteten Bestechung der früheren Präsidentin Park Geun-hye. Er bestreitet die Vorwürfe. Im Mai hatte Lee junior sich in einem seltenen öffentlichen Auftritt für Fehlverhalten entschuldigt und angekündigt, dass er seinen Kindern die Führung der Samsung-Gruppe nicht übertragen wolle.

          Samsung Electronics, das Herz der Gruppe, hat mit seinen Galaxy-Smartphones die führende Position in der Welt inne. Das Unternehmen ist der größte Hersteller von elektronischen Speicherchips und beliefert Konkurrenten wie Apple. Samsung ist ferner einer der führenden Hersteller von Bildschirmen für Fernseher bis zu Mobiltelefonen.

          „Ändern Sie alles, nur nicht ihre Frau und ihre Kinder“

          Diese Erfolge gründen auf Lee Kun-hee, der 1942 in Daegu im Süden Koreas geboren wurde. Sein Vater, Lee Byung-chull, hatte 1938 einen Lebensmittelhandel in der Stadt gegründet. Das war der Ursprung von Samsung, was übersetzt drei Sterne bedeutet. Lee studierte in Tokio an der renommierten Waseda-Universität und in den Vereinigten Staaten an der George-Washington-Universität Wirtschaft und Betriebswirtschaftslehre. 1971 bestimmte der Vater ihn zum Nachfolger. Drei Jahre später stieg Samsung in das Geschäft mit Halbleitern ein. 1992 wurde Samsung größter Hersteller von DRAM-Speicherbausteinen, die in jedem Computer zu finden sind. Noch aber galt die Qualität Samsungs im Markt der Verbraucherelektronik bestenfalls als zweitrangig.

          Der Aufstieg der Gruppe an die Weltspitze begann spätestens mit der „Frankfurter Erklärung“. Im Juni 1993 rief Lee an die 200 Spitzenmanager aus aller Welt im Grand Kempinski in Frankfurt zusammen. Der damals gerade mal 51 Jahre alte Vorsitzende hielt eine über drei Tage dauernde Rede, um die Manager wachzurütteln und den Aufstieg Samsungs von der zweiten in die Spitzenklasse anzustoßen.

          Auf einer Reise durch die Welt hatte Lee zuvor mit eigenen Augen gesehen, dass Samsungs Fernseher in den Geschäften nie die Spitzenposition innehatten, sondern hinter Sony oder Panasonic zurückstanden. Klasse statt Masse war die neue Losung. Die Frankfurter Erklärung mit den neuen Managementprinzipien wird in dem Konglomerat noch heute hochgehalten. „Ändern Sie alles, nur nicht ihre Frau und ihre Kinder“, gab Lee 1993 den Managern mit auf den Weg.

          Seine Verärgerung über die qualitativ unzureichenden Samsung-Produkte verdeutlichte Lee zwei Jahre später plastisch. Vor den Augen von 2000 Mitarbeitern ließ er zehntausende Mobiltelefone, Faxmaschinen und andere Geräte verbrennen, weil sie den Qualitätsstandards nicht genügten. Lees harte Vorgaben zeigten schrittweise Erfolg. 2006 überholte Samsung den japanischen Konkurrenten Sony und wurde größter Hersteller von Fernsehern in der Welt. 2011 nahm Samsung dem amerikanischen Elektronikunternehmen Apple die Krone des größten Herstellers von Smartphones ab. Ein Jahr später überholte Samsung den finnischen Hersteller Nokia als größter Hersteller von Mobiltelefonen.

          Zwei Mal verurteilt, zwei Mal begnadigt

          Doch nicht alles, was der erfolgreiche Unternehmer anpackte, gelang. Der Ausflug in die Herstellung von Automobilen etwa ging schief. Samsung Motor stellte sein erstes Auto 1998 vor. Doch der Erfolg blieb aus. Zwei Jahre später übernahm der französische Autohersteller Renault die Mehrheit an dem Unternehmen.

          Die Position an der Spitze eines der familiengeführten Konglomerate in Südkorea bringt eine große Nähe zur Politik mit sich und die Gefahr, in politische Skandale verwickelt zu werden. Dieses Schicksal teilte auch Lee. 1996 wurde er wegen Bestechung des früheren Präsidenten Roh Tae-woo verurteilt und ein Jahr später vom Präsidenten Kim Young-sam wegen seiner Bedeutung für die Wirtschaft begnadigt.

          2009 wurde Lee wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Die Strafe betrug 110 Milliarden Won (68 Millionen Euro) und drei Jahre Haft auf Bewährung. Wie so oft in Südkorea aber dominierten nationale Interessen und dieses Mal nicht nur, weil Samsung ein so wichtiger Wirtschaftsfaktor in dem Land ist. Noch im Jahr der Verurteilung 2009 begnadigte Präsident Lee Myung-bak den (nicht verwandten) Lee Kun-hee, weil dieser als Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees gebraucht wurde, um die Olympischen Winterspiele 2018 nach Südkorea zu holen.

          Die juristischen Querelen 2008/09 waren das einzige Mal seit 1987, dass Lee die Führungsfunktionen in der Gruppe niederlegte. Doch schon 2010 kam er wieder zurück, beschrieb abermals das Unternehmen in einer großen Krise und drängte die Manager zur Eile. Wenig später kündigte Samsung an, entschieden in die Bereiche Gesundheit und Solarbatterien zu investieren. 2011 wurde Samsung Biologics gegründet, mit dem die Gruppe sich ein weiteres Standbein neben der Elektronik schaffen will. Samsung Biologics ist das Unternehmen, dessen Wert Lees Sohn Lee Jae-yong laut Anklage mittels Bilanzbetrug aufgebessert haben soll.

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