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Sal. Oppenheim in Not : Niedergang einer Nobelbank

Bild: F.A.Z.

Über Jahrhunderte war Sal. Oppenheim eine der angesehensten Privatbanken Europas. Jetzt trifft sie ein Schlag nach dem anderen. Die Verluste sind groß. Und die Finanzaufsicht ist besorgt.

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          Wenn der Chef des Bankhauses Oppenheim, Matthias Graf von Krockow, früher ein paar hundert Millionen Euro für seine Bank brauchte - dann ging er einfach zu seiner Schwiegermutter. Karin Baronin von Ullmann war nämlich nicht nur Hauptgesellschafterin seiner Bank - sondern laut Forbes-Liste auch eine der 25 reichsten Deutschen. Mit ihr musste der Graf dann Tee trinken und über den Dackel plaudern. Danach gab es das Geld meistens.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Inzwischen ist die alte Dame gestorben - und auch bei Oppenheim geht es längst nicht mehr so idyllisch zu. Zurzeit rufen dort die Kunden an und wollen wissen, wie es um die Bank bestellt ist. Schließlich häufen sich die schlechten Nachrichten: Die Bank hat den größten Verlust in der Nachkriegsgeschichte gemacht. Sie verlor Millionen mit ihrer Beteiligung am Pleitekonzern Arcandor. Ihr Rating wurde gesenkt, die wichtigste Größe für die Kreditwürdigkeit der Bank. Und nun meckert auch noch die Aufsicht, die Ausstattung der Bank mit Kapital sei für Zeiten wie diese alles andere als optimal. Ein einziges Desaster.

          Früher hieß es: „Wir sind eine Liga für uns“

          Was für ein Abstieg für eine Bank, deren Ruf jahrhundertelang über jeden Zweifel erhaben war! Oppenheim galt unbestritten als feinste Adresse Europas. 1789 gegründet von Salomon Oppenheim jr., hatte die Bank schon früh Eisenbahnen finanziert und Unternehmen groß gemacht. Berühmte Bankiers wie Robert Pferdmenges, der gewiefte Berater Konrad Adenauers, und der frühere Bundesbank-Präsident Karl Otto Pöhl mehrten den Ruhm: "Für Unternehmer war es eine Ehre, bei Oppenheim Kunde sein zu dürfen", erinnert sich ein ehemaliger Manager. Selbst Verbraucherschützer kamen zu dem Ergebnis, bei Oppenheim werde man gut beraten. Und die Zeitschrift "Euromoney" wählte die Bank 2005 zur "besten Privatbank Europas". "Wir sind eine Liga für uns" prahlten die Oppenheim-Chefs damals selbstbewusst.

          Das Verrückte: Ausgerechnet der Erfolg von Sal. Oppenheim ist es, der jetzt der Bank zum Verhängnis wurde. Ausgerechnet ihr Reichtum hat sie riskante Beteiligungen eingehen lassen, von denen kleinere Privatbanken die Finger ließen. Und ausgerechnet die Modernität der Traditionsbank hat sie in der Finanzkrise angreifbarer gemacht als andere.

          "Wenn Alfred von Oppenheim noch leben würde, wäre das alles nicht passiert", jammern jetzt die älteren Oppenheim-Mitarbeiter. Der Patriarch (gestorben 2005) war lange das Gesicht der Bank, IHK-Präsident in Köln und Börsenpräsident in Düsseldorf. Anfang der neunziger Jahre machte er den Weg frei für eine jüngere Generation. In dieser Zeit wandelte sich die Bank. Statt Kredite an Firmen zu vergeben, wurde angelsächsisches Investmentbanking neben der Vermögensverwaltung für Reiche zum Mittelpunkt des Geschäfts. Damit verdiente die Bank mehr - ging aber auch höhere Risiken ein.

          Oppenheim drehte ein immer größeres Rad. Gerade wenn es um den Kauf und Verkauf von Unternehmen ging, waren die Kölner Bankiers immer vorne mit dabei. Ob es die Privatisierung der Raststättenkette "Tank + Rast" war oder die Fusion von Daimler und Chrysler: Überall mischte Oppenheim mit. Das brachte der Bank gewaltige Erträge - machte sie aber auch anfälliger für die Schwankungen der Wirtschaft.

          In der Krise verloren die Beteiligungen an Wert

          Auch wenn die Bank immer größer wurde: Bestimmte Eigenschaften eines kleinen Familienbetriebs behielt sie. Das rächt sich jetzt. So spielten persönliche Beziehungen der Bankiers eine wichtige Rolle. "Sentimentalitäten", wie Kritiker jetzt sagen. Das gute Verhältnis von Bankchef Krockow zum umstrittenen Kölner Immobilienentwickler Josef Esch etwa, mit dem ein Immobilienfonds nach dem anderen aufgelegt wurde. Esch war es, der dem Kaufhauskonzern Arcandor seine Immobilien abkaufte und teuer wieder zurückvermietete. Diese "fragwürdigen Geschäftspraktiken" sind der Anlass, dass treue Kunden wie die fromme und solide Schuh-Dynastie Deichmann sich vom Bankhaus Oppenheim abwenden.

          Dass die Bank es sich überhaupt erlauben konnte, sich an großen Unternehmen zu beteiligen - daran war ihre gewaltige Kriegskasse schuld. Für 2,1 Milliarden Euro hatte die Bank 1989 die Versicherung Colonia verkauft. Für das Geld gingen die Bankiers einkaufen: Sie beteiligten sich unter anderem am Kaufhauskonzern Arcandor und dem Immobilienentwickler IVG. In der Krise verloren diese Beteiligungen gewaltig an Wert. Mit Oppenheim ging es weiter bergab.

          Jetzt ist die große Frage: Wer springt ein, wenn die Bank mehr Geld braucht? Zweimal haben die 40 Gesellschafter ausgeholfen, überwiegend Familienmitglieder um Oppenheim-Erbe Christopher von Oppenheim. Allein im vorigen Winter gaben sie der Bank stolze 200 Millionen Euro. Aber können und wollen sie noch mehr nachschießen? Bank-Chef Krockow versichert: klar (siehe Interview). Im Umfeld der Bank aber munkelt man: Fähigkeit und Bereitschaft könnten bei den verschiedenen Teilhabern der Bank recht unterschiedlich sein. Unter den Anteilseignern gibt es nämlich sehr reiche und eher arme. Während die reichen Hauptstämme der Familie (siehe Grafik) fraglos genug Geld hätten, könnte es für so manchen ärmeren Teilhaber durchaus eng werden.

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