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Saisongeschäft : „Bei uns ist jeden Tag Silvester“

„Made in Germany” gilt unter Verbrauchern als Knaller, glaubt Weco Bild: dpa

Die Weco Pyrotechnische Fabrik GmbH ist der einzige verbliebene Hersteller von Feuerwerk in Deutschland. An den Standorten Eitorf, Kiel und Freiberg in Sachsen stellen 400 Mitarbeiter 23 Millionen Raketen im Jahr her, Tendenz steigend.

          In einem der unscheinbaren Häuschen auf dem Gelände des Feuerwerkherstellers Weco steht das Herzstück: die Füllmaschine, in der die einzelnen Teile der Rakete zusammengefügt werden. Zunächst steckt Mitarbeiterin Rosa Wolkuw die Raketenhülse samt Schwarzpulver-Treiber in die Anlage. Dann legt sie die Bombette, die für den bunten Effekt sorgt, von oben hinein. Mit etwas Leim und einer schwarzen Spitzkappe wird die Rakete verschlossen und über ein Laufband nach draußen befördert. Weiter geht es nach nebenan, wo noch der dünne Holzstab befestigt wird.

          Christine Scharrenbroch

          Freie Autorin in der Wirtschaft.

          Im Gewerbegebiet von Eitorf, östlich von Bonn gelegen, reiht sich ein grün-weißes Häuschen an das andere. Stahlbetonwände trennen die kleinen Produktionszellen von Weco voneinander. Das schräge Dach und die vorderen Holzwände wurden nur aufgelegt. Im Fall einer Verpuffung fliegen sie weg. „Die Ausblasrichtung geht nach vorne“, heißt das im Fachjargon von Weco-Sprecher Markus Schwarzer. Wegen der stabilen Zwischenwand würde die Nachbarzelle dabei unbeschädigt bleiben. Dank diverser Sicherheitsvorkehrungen, zu denen auch die unterirdische Lagerung des Schwarzpulvers und der metallischen Salze gehört, liegt der letzte Unfall lange zurück. „Das war irgendwann Anfang der sechziger Jahre.“

          Die 1948 von Hermann Weber gegründete Weco Pyrotechnische Fabrik GmbH ist der einzige verbliebene Hersteller von Feuerwerk in Deutschland. Die Konkurrenten Comet aus Bremerhaven und Nico aus Trittau bei Hamburg haben ihre Fertigung vor einigen Jahren aufgegeben und kaufen wie auch FKW Keller aus Bochum vor allem in China ein; in keinem anderen Land der Welt wird so viel Feuerwerk produziert wie im Reich der Mitte. Weco, nach eigenen Angaben mit einem Anteil von 50 Prozent deutscher Marktführer, entschied sich für die Beibehaltung der heimischen Produktion. An den drei Standorten Eitorf, Kiel und Freiberg in Sachsen stellen 400 Mitarbeiter 23 Millionen Raketen im Jahr her, Tendenz steigend. Der Anteil der Eigenproduktion soll in den nächsten zwei Jahren von 40 auf 50 Prozent klettern, wie der geschäftsführende Gesellschafter Thomas Schreiber ankündigt, der das Unternehmen zusammen mit Dieter Kuchheuser vor sechs Jahren in einem Management-Buy-Out vom Sohn des Gründers erworben hat.

          So werden von 2010 an auch Batteriefeuerwerke, die bisher aus China bezogen werden, auf einer eigens für Weco gebauten Maschine in Eitorf hergestellt. Diese kleinen Kisten müssen nur ein einziges Mal gezündet werden, bevor nacheinander verschiedene Raketen und Böllerschüsse losgehen. Schon in diesem Jahr hat Weco in Kiel die erste automatische Fertigungsanlage für sogenannte Vulkane in Betrieb genommen.

          Mit dem Ausbau der deutschen Produktion will Schreiber die Abhängigkeit von China verringern, wo der Rest des Sortiments eingekauft wird. Die Kostenvorteile seien durch gestiegene Löhne und höhere Frachtraten weitgehend aufgezehrt, zumindest bei den aufwändigeren Artikeln. Zudem komme das Siegel „Made in Germany“ bei den Verbrauchern gut an. Noch viel aggressiver will Schreiber es deshalb künftig für die Vermarktung nutzen, auch im bisher noch recht kleinen Exportgeschäft. „Für deutsches Feuerwerk wird auch mal ein Euro mehr ausgegeben.“

          109 Millionen Euro in die Luft geschossen

          Zum vergangenen Silvester haben sich die Bundesbürger ihr Feuerwerk insgesamt 109 Millionen Euro kosten lassen. Der Verband der Pyrotechnischen Industrie hofft für den anstehenden Jahreswechsel auf einen ähnlich hohen Umsatz. Die Preise liegen wegen der gestiegenen Fracht- und Rohstoffkosten etwas höher als im Vorjahr. Die Erfahrung zeige, dass gerade in schwierigen Zeiten gerne ausgiebig gefeiert werde, sagt Verbandsgeschäftsführer Klaus Gotzen. „In Krisenzeiten gehen die Leute weniger auf Veranstaltungen, sondern feiern zu Hause“, sagt auch Weco-Chef Schreiber. Und dazu gehöre für die meisten ein Feuerwerk.

          Innovationen sind auch in dieser Branche trotzdem unerlässlich. „Wir müssen immer etwas Neues bringen“, sagt Schreiber. In diesem Jahr sind es Raketen in Farben wie Pink, Lila, Lemon oder Orange. Zudem werden mehrere Batteriefeuerwerke auf einer Platte zu einem so genannten Systemfeuerwerk verbunden. Eine Renaissance feiert die aus den siebziger Jahren bekannte Diamant-Sonne, ein Funken sprühender Feuerkreis.

          Die seit diesem Dienstag in deutschen Geschäften angebotenen Feuerwerks-Sortimente, die „Thousand Islands“, „Las Vegas“, „Break Dance“ oder „Bombastica“ heißen, sind schon vor zwei Wochen auf die Reise gegangen. Per Lastwagen wurden sie auf 25 Läger in ganz Deutschland verteilt. Höchstens 100 Kilometer soll der Weg zum Kunden betragen, damit die Paletten auch bei Schnee und Eis pünktlich bei den Discountern und Supermärkten ankommen.

          Weco produziert derweil schon seit Anfang Dezember für Silvester 2010. Bald kommen die wichtigsten Kunden wieder zum „Probeschießen“ nach Eitorf. „Dann machen wir abends eine Stunde lang Feuerwerk“, berichtet Schreiber. Die Bürger der kleinen Stadt an der Sieg müssen auch sonst einiges aushalten: Mehrmals am Tag testen die Pyrotechniker neue Produkte auf Steighöhe, Lautstärke und ein schönes Bukett. „Achtung, es wird Klasse 4 abgeschossen“, tönt es aus den Lautsprechern, kurz bevor eine für ein Großfeuerwerk gedachte Rakete in den Himmel steigt. „Bei uns ist jeden Tag Silvester“, sagt der Weco-Chef.

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