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Mies bezahlte Piloten : Frontalangriff auf das System Ryanair

Ryanair zahlt seinen Piloten deutlich weniger als andere Fluggesellschaften. Bild: Reuters

Beim größten Billigfluganbieter in Europa bahnt sich der erste Arbeitskampf seit 30 Jahren an. Denn Ryanair beutet seit Jahren systematisch seine Piloten aus – anders als Easyjet und Co.

          Der Befund von Ilja Schulz ist ernüchternd: Bei Ryanair säßen Piloten im Cockpit, die zum großen Teil als Schein-Selbständige arbeiten. Sie müssen Knebelverträge akzeptieren, die kurzfristig kündbar sind und weder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall noch verbindliche Dienstpläne vorsehen. Aus Sicht des Präsidenten der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) ist das eine „Form von Sozialdumping“, die seine Organisation nicht länger akzeptieren werde. „Die Piloten von Ryanair haben es satt, sich so behandeln zu lassen“, wetterte Schulz auf einer Pressekonferenz in Frankfurt.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Angesichts solcher Missstände rief der VC-Chef die in Deutschland stationierten Piloten am Dienstag zu Arbeitskämpfen auf, um Verhandlungen über einen verbindlichen Tarifvertrag sowie marktgerechte Vergütungen und Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Damit bahnt sich beim größten Billigfluganbieter in Europa der erste Arbeitskampf des fliegenden Personals seit der Gründung vor mehr als 30 Jahren an. Vernetzt sind die deutschen Ryanair-Piloten mit ihren Kollegen in Dublin, Italien und Portugal, die streikbereit sind.

          Während in Italien die erste Aktion an diesem Freitag geplant ist, kündigte die irische Gewerkschaft den ersten Ausstand am 20. Dezember an. Termine an den deutschen Basen von Ryanair gibt es noch nicht, um Gegenmaßnahmen des Managements zu verhindern. Fest steht jedoch, dass während der Weihnachtsfeiertage nicht gestreikt wird.

          20 Prozent weniger Stückkosten als Easyjet

          Der Preisbrecher aus Dublin, der gemessen an Gewinn und Passagierzahl vor den Rivalen Easyjet und Eurowings rangiert, ist seit Jahren mit dem Vorwurf konfrontiert, Piloten und Kabinen-Crews niedrig zu entlohnen. Beispielsweise sind von den 190 in Deutschland stationierten Flug-Kapitänen inzwischen 65 fest angestellt. Doch sie haben weder Anspruch auf geregelten Urlaub noch auf Lohnfortzahlung bei Krankheit oder Betriebsrente. Die übrigen Piloten werden nach dem sogenannten Kontrakt-Modell nach irischem Recht beschäftigt, das nach Ansicht von deutschen Arbeitsrechtlern der Schein-Selbständigkeit entspricht.

          Damit spart Ryanair in Deutschland Sozialabgaben und wälzt das wirtschaftliche Risiko beim Arbeitseinsatz auf das Personal ab. Deutschen Behörden ist das fragwürdige Beschäftigungsmodell der irischen Fluggesellschaft seit langem ein Dorn im Auge. So ging im vergangenen Jahr die Staatsanwaltschaft in Koblenz dem Verdacht nach, ob Ryanair seine Piloten in die Schein-Selbständigkeit gedrängt und Sozialabgaben hinterzogen hat. Vor wenigen Wochen wurden die Ermittlungen gegen die Piloten eingestellt. Doch die Ermittlungen gegen aktuelle und frühere Manager laufen noch.

          Wegen der günstigen Entlohnung des fliegenden Personals genoss der Preisbrecher gegenüber Easyjet & Co. über Jahre einen Kostenvorteil von mindestens 20 Prozent, rechnen Kenner der Luftfahrt vor. Gegenüber etablierten Platzhirschen der Branche wie Lufthansa oder Air France liegen die Stückkosten von Ryanair sogar um rund 40 Prozent günstiger.

          Unzufriedene Mitarbeiter waren bislang gezwungen, Prozesse vor dem Arbeitsgericht in Irland zu führen. Doch nach dem jüngsten Urteil des Europäischen Gerichtshofes ist es erlaubt, Streitigkeiten jeweils dort vor Gericht zu bringen, wo sich die Heimatbasis von Ryanair befindet. Der Richterspruch aus Den Haag gibt den 380 Flugkapitänen und Co-Piloten sowie den 800 Kabinen-Mitarbeitern in Deutschland den nötigen Rückenwind. „Wir vertreten die Mehrheit der deutschen Ryanair-Piloten und fordern eine Vergütung, die sich an den Tarif-Bedingungen des Konkurrenten TUI Fly orientiert“, heißt es im Vorstand der VC.

          Eher „friert die Hölle zu“ als dass Tarifverträge kommen

          Gegenwärtig kann ein erfahrener Flugkapitän von Ryanair, je nach Zahl der Flugstunden, im Schnitt mit einem Jahresgehalt von 120.000 Euro rechnen. Sein Pendant im Cockpit von TUI Fly, die zum gleichnamigen Reisekonzern in Hannover gehört und ebenfalls eine Flotte von Boeings des Typs 737 betreibt, bringt es mit demselben Pensum in der Luft auf bis zu 30 Prozent mehr Gehalt.

          Ryanair gab sich von den Drohungen der VC unbeeindruckt. Man werde weder mit der VC, in der seit Jahren traditionell das Gros der Lufthansa-Piloten organisiert sei, noch mit anderen Gewerkschaften verhandeln. Zudem sei die Fluggesellschaft auch nicht über konkrete Streikpläne ihrer deutschen Piloten offiziell informiert worden, hieß es in Dublin. Michael O'Leary, der stets provokant auftretende Vorstandschef von Ryanair, hatte erst kürzlich öffentlich betont, eher werde „die Hölle zufrieren“, als dass seine Gesellschaft Tarifverträge mit Gewerkschaften abschließt.

          Stattdessen handelt die Führung die Gehälter lieber mit betriebsinternen Arbeitnehmervertretern direkt aus. Das ist ein Kontrast zum Verhalten des britischen Rivalen Easyjet, der Gewerkschaften seit Jahren als Verhandlungspartner akzeptiert und gegenwärtig in Deutschland von Verdi-Vertretern wegen seines fairen Umgangs mit Piloten und Kabinenpersonal gelobt wird.

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