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Billig-Fluggesellschaft : Kranke Ryanair-Piloten müssen Kündigung fürchten

Hunderte Piloten der Fluggesellschaft sollen Mahnschreiben erhalten haben. Bild: Reuters

Rüder Umgang mit der Belegschaft: Die irische Fluggesellschaft setzt ihre Mitarbeiter mit Mahnschreiben unter Druck. Unterdessen beschlagnahmt Frankreich eines ihrer Flugzeuge in Bordeaux.

          Wer krank ist, der sollte besser zu Hause bleiben, statt zur Arbeit zu gehen. Im Durchschnitt fallen Mitarbeiter in deutschen Unternehmen jedes Jahr an 17 Tagen krankheitsbedingt aus. Die irische Billigfluggesellschaft Ryanair allerdings betrachtet auch weit geringere Fehlzeiten als ein inakzeptables Ärgernis: Nach Informationen der F.A.Z. erhielten zuletzt zahlreiche Ryanair-Piloten Mahnschreiben, in denen das Unternehmen ihnen vorwirft, sich zu häufig krankzumelden.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der größte europäische Billigfluganbieter übt dabei starken Druck aus auf die Mitarbeiter im Cockpit. Das zeigt ein Schreiben des Unternehmens an einen Piloten, das der F.A.Z. vorliegt. Laut der elektronischen Benachrichtigung, die erst kürzlich versandt worden ist, belaufen sich die Krankheitstage des betreffenden Flugzeugführers in den vergangenen zwölf Monaten insgesamt auf eine mittlere einstellige Anzahl. Für Ryanair sei dies nicht hinnehmbar, das Unternehmen erwarte ab sofort deutlich weniger Fehlzeiten des Mitarbeiters und werde dies überwachen, heißt es in dem Schreiben.

          Die Fluggesellschaft droht mit disziplinarischen Maßnahmen und indirekt sogar mit der Kündigung: Piloten „mit häufiger Abwesenheit“ könnten ihren Arbeitsplatz verlieren, wird der Mitarbeiter gewarnt. In Belegschaftskreisen ist zu hören, zuletzt hätten Dutzende der rund 400 deutschen Ryanair-Piloten solche Mahnschreiben erhalten. Auf Seiten der Belegschaft wird vermutet, die Airline versuche Druck auf die Mitarbeiter auszuüben, um einen drohenden Personalengpass vor dem Jahreswechsel zu verhindern. Im vergangenen Winter musste Ryanair mehr als 20.000 Flüge streichen. Begründet wurde dies mit Fehlern bei der Aufstellung der Dienstpläne.

          Flugpersonal hat irische Arbeitsverträge

          Ryanair bezeichnete es auf Anfrage als „unwahre Behauptung“, dass wegen einer befürchteten Personalknappheit Mahnschreiben verschickt würden. Die Fluggesellschaft habe ein reguläres System zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. „Wie alle Arbeitgeber“ achte Ryanair auf die Abwesenheitszeiten der Mitarbeiter. Nach deutschem Arbeitsrecht wäre die vom Unternehmen angedrohte Bestrafung oder gar Kündigung wegen zu vieler Krankheitstage jedoch kaum möglich – jedenfalls dann nicht, wenn es, wie im konkreten Fall des Ryanair-Piloten, um moderate Fehlzeiten geht.

          Dass der deutsche Gesetzgeber kranke Arbeitnehmer vergleichsweise gut absichert, nutzt den Ryanair-Piloten hierzulande allerdings wenig. Denn das Unternehmen stattet sein in Deutschland stationiertes Flugpersonal mit Arbeitsverträgen nach irischem Recht aus. In Belegschaftskreisen wird dies als unfaire Benachteiligung angesehen. Viele deutsche Ryanair-Angestellte wünschen sich Arbeitsverträge nach deutschem Recht.

          Die Mahnschreiben an die Piloten werden in der Belegschaft als ein eklatantes Beispiel für den weiterhin rüden Umgang der Fluggesellschaft mit ihren Mitarbeitern angesehen. Auch die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) warf Ryanair diese Woche vor, „Personalführung durch Angst und Schrecken“ zu betreiben. Zu den Mahnschreiben wollte sich die VC mit Hinweis auf die laufenden Tarifverhandlungen nicht äußern.

          Frankreich beschlagnahmt Flugzeug in Bordeaux

          Bei der Billigfluggesellschaft tobt seit Ende vergangenen Jahres in vielen europäischen Ländern ein erbitterter Arbeitskampf. Der langjährige Unternehmenschef Michael O’Leary hat Ende 2017 seinen über mehr als zwei Jahrzehnte durchgehaltenen Gewerkschaftsboykott aufgegeben. Ryanair erklärte sich nun bereit, erstmals in seiner Geschichte Tarifverträge mit externen Arbeitnehmervertretern auszuhandeln. Weil die Gespräche nach Ansicht der Gewerkschaften zu langsam vorankamen, kam es dieses Jahr bei Ryanair zu einer europaweiten Streikwelle. Der Arbeitskampf hat zu einem starken Kursrückgang der Ryanair-Aktie geführt.

          Mittlerweile hat die Fluggesellschaft eine Reihe von Abschlüssen mit europäischen Gewerkschaften erzielt. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi gab am Donnerstag bekannt, es sei „eine Vorvereinbarung zu einem Tarifvertrag“ für die deutschen Flugbegleiter von Ryanair geschlossen worden. Zumindest vorerst sind offenbar keine erneuten Streiks geplant.

          Unterdessen hat Frankreich ein Flugzeug von Ryanair am Flughafen Bordeaux beschlagnahmt. Die irische Airline solle so dazu gebracht werden, öffentliche Mittel zurückzuzahlen, teilte die Luftfahrtbehörde mit. Das mit 149 Passagieren besetzte Flugzeug war am Donnerstagabend auf dem Weg nach London, als es sichergestellt wurde. Hintergrund ist eine Entscheidung der EU-Kommission von 2014. Die Fluglinie wurde damals aufgefordert, staatliche Beihilfen zurückzuzahlen.

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