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Ryanair-Chef im Interview : „Bald gibt es kostenlose Flugtickets“

Michael O’Leary führt seit 1993 Ryanair. Er rettete damals die irische Fluglinie vor der Pleite, indem er sie zum Billigflieger machte. Bild: Imago

Ryanair-Chef Michael O’Leary macht sich ziemlich klare Vorstellungen über die Zukunft des Billigfliegers. Für die Konkurrenz hat er einige Anregungen und für seine Kunden ein Versprechen.

          Herr O’Leary, ich wollte zum Interview in Dublin mit Ryanair fliegen. Das hätte mich 175 Euro gekostet, mehr als mit Lufthansa oder Aer Lingus. Von wegen Billigflieger!

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Unser Durchschnittspreis im Gesamtnetz liegt bei 40 Euro. Nur die letzten Plätze werden teuer verkauft. Vermutlich war unsere Maschine schon fast ausgebucht und bei Lufthansa noch einiges frei.

          Wäre ich ein paar Tage später geflogen, hätte ich immer noch 140 Euro bezahlt, mehr als bei der Konkurrenz. Immer noch ganz schön teuer.

          Früher hätten Sie sich über solche Preise gefreut! Das zeigt, wie günstig Fliegen geworden ist. Wenn Sie bei uns frühzeitig buchen, müssen Sie viel weniger bezahlen.

          Von vergangenem Dienstag an fliegen Sie auch erstmals von Frankfurt aus. Aber auch da findet sich zum Beispiel für die Strecke nach Palma für keinen Tag eines Ihrer sonst angepriesenen Tickets für 9,90 oder 19,90 Euro.

          Aber für 29 Euro. Und das ist immer noch viel günstiger als bei den anderen. Im Schnitt liegen unsere Preise 40 Prozent unter denen der Konkurrenz. Zudem verlangt der Frankfurter Flughafen hohe Gebühren. An anderen Standorten in Deutschland wie Hamburg oder Berlin werden wir daher stärker wachsen.

          In Berlin ist doch gar kein Wachstum mehr möglich, weil der neue Flughafen nicht fertig wird.

          Deswegen sollten die Flughäfen Tegel und der alte Teil von Schönefeld dauerhaft offenbleiben. Und die sollten mit dem neuen Flughafen konkurrieren. Das senkt die Gebühren. Wir würden gern nach Tegel fliegen. Metropolen wie London oder Paris, selbst Mailand, haben auch mehrere Flughäfen, warum nicht die deutsche Hauptstadt? Die Schließung will doch vor allem Lufthansa, damit wir Konkurrenten nicht so viele Landerechte bekommen.

          Wie können Billigflieger überhaupt so günstig umherfliegen und damit noch Geld verdienen?

          Die Unternehmenssteuern in Irland sind niedrig. Und wir halten alles einfach: Wir haben kein kompliziertes Netz mit Anschlussflügen, und wir fliegen nur einen Flugzeugtyp, das macht uns flexibel. In unsere Boeing 737 passen 189 Sitze, weil wir keine Business-Klasse einbauen, die Wettbewerber haben weniger Sitze. Das spart Kosten. Unsere Flugzeuge fliegen viel, sie stehen tagsüber nur 25 Minuten am Boden, bevor es weitergeht. Das ist effizient. Unsere Piloten und Flugbegleiter schlafen zu Hause, wir sparen Übernachtungskosten. Unsere Verwaltung hat nur 600 Mitarbeiter, die von Lufthansa 5000. Und trotzdem sind wir mittlerweile die größte Fluglinie Europas.

          Das Wichtigste haben Sie vergessen: Mini-Löhne und kaum soziale Rechte.

          Wir zahlen wettbewerbsfähige Löhne. Niemand ist gezwungen, bei uns zu arbeiten und trotzdem wollen es viele: Wir haben eine Warteliste für Piloten, da stehen 3000 drauf. Fast nirgends können Sie so schnell zum Kapitän aufsteigen.

          Sinken die Ticketpreise weiter?

          Im Geschäftsjahr 2016/2017 haben wir unsere Preise um 14 Prozent gesenkt. Aber es kann künftig noch billiger werden. Wir bekommen nächstes Jahr 40 neue Flugzeuge mit mehr Sitzen und weniger Spritverbrauch, die wir vor einigen Jahren zu einem günstigen Dollarkurs bestellt haben. Das senkt die Kosten. Zudem können wir uns derzeit für nur ein Prozent Zins finanzieren. Und je mehr wir wachsen, desto mehr Größenvorteile können wir ausspielen, also unsere Fixkosten auf mehr Passagiere verteilen. All das senkt die Kosten. Wir streben auch weiter an, Tickets irgendwann ganz kostenlos abzugeben.

          Und woran verdienen Sie dann?

          An den Extras. Etwa für Essen an Bord, bevorzugtes Einsteigen, einen speziellen Sitzplatz oder die Kofferaufgabe. Daraus erzielen wir jetzt schon 30 Prozent unserer Einnahmen.

          Sie haben jahrelang ausgeschlossen, dass Sie einmal von Frankfurt aus fliegen werden. Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?

          Nicht wir, der Flughafen hat seine Meinung geändert. Er hat gemerkt, dass sein Hauptkunde Lufthansa nicht mehr wächst und damit auch nicht mehr der Flughafen. Deswegen hat er uns zum Gespräch gebeten. Denn wir bringen Wachstum. Aber die Einladung hat uns schon sehr überrascht.

          Sie war mit schönen Rabatten garniert!

          Das ist normal. Die Lufthansa hat in München für ihr neues Terminal auch Subventionen bekommen. Und unser Rabatt in Frankfurt ist nicht sehr hoch.

          Warum fliegen Sie nicht nach München?

          Weil der Flughafen uns nicht haben will. Die haben Angst, dass die Lufthansa sonst ihr Drehkreuz dichtmacht.

          Und was ist mit Düsseldorf?

          Wir haben mit dem Flughafen verhandelt, aber die haben uns zu wenig Rabatt geboten. Denen sitzen Lufthansa und Air Berlin im Nacken, die dort 80 Prozent Marktanteil haben.

          Geht es immer nur um Rabatte?

          Klar, wenn wir keine Vergünstigungen bekommen, fliegen wir nicht. Weil es sich dann nicht lohnt, so günstige Tickets anzubieten.

          Wie groß ist denn das Passagierinteresse bei den Frankfurt-Flügen?

          Sehr groß. Wir haben daher beschlossen, nach den ersten vier Strecken im März 17 weitere Verbindungen schon am 4. September zu beginnen, also zwei Monate früher als ursprünglich geplant. Ende Oktober kommen dann noch einmal drei neue Ziele dazu. Weitere sollen folgen, aber es hängt von den Flughäfen ab, ob sie weitere Verbindungen wollen und das auch mitfinanzieren.

          Frankfurt zeigt: Ryanair fliegt zunehmend von großen Flughäfen. Bedeutet das, dass Sie sich von den kleinen Standorten langsam zurückziehen?

          Nicht, wenn sie weiter die eingeräumten Rabatte zahlen.

          Auch nicht von Frankfurt-Hahn?

          Nein, auch wenn wir hier kaum noch wachsen – durch die neue Konkurrenz des Frankfurter Hauptflughafens und des nahen Luxemburg.

          Fliegen Sie künftig auch innerdeutsche Strecken?

          Wir fliegen bisher Köln/Bonn–Berlin. Aber das wird die Ausnahme bleiben. Innerdeutsch lohnt sich nicht, weil die Strecken zu kurz sind und die Zahl der für uns möglichen Passagiere zu klein. Denn es gibt zusätzliche Konkurrenz durch Bahn und Auto.

          Warum dann die Köln-Strecke?

          Beim Start haben wir gehofft, ein Angebot der Bundesregierung für die Flüge der Beamten zwischen Bonn und Berlin zu bekommen. Dann haben sie aber viel teurer Air Berlin verpflichtet. Vielleicht kommen wir 2018 bei der nächsten Ausschreibung zum Zug. Wenn die Regierung an die Steuerzahler denken würde, müsste sie sich für uns entscheiden.

          Gibt es 2018 Air Berlin noch?

          In spätestens drei Jahren wird Lufthansa Air Berlin gekauft haben. Einen Teil hat Lufthansa ja jetzt schon übernommen, auch wenn sie behaupten, dass sie nur Flugzeuge und Personal gemietet haben. So ein Blödsinn. Das ist eine Übernahme, aber EU und Bundeskartellamt wollen das nicht zugeben und genehmigen das. Ein Skandal!

          Das scheint Sie ja mächtig aufzuregen.

          Klar, das wird die Ticketpreise nach Meinung unserer Experten auf innerdeutschen Strecken um 10 bis 20 Prozent erhöhen – und Air Berlin bleibt künstlich am Leben.

          Eine Pleite wäre Ihnen sicher lieber.

          Nein, bloß nicht. Die Lücke könnten wir so rasch gar nicht füllen, weil uns die Flugzeuge fehlen. So wie es jetzt ist, ist es ideal. Aber verraten Sie es niemandem! Air Berlin verschwindet schleichend, Verbindungen werden eingestellt und die Preise bleiben hoch. Da können wir Schritt für Schritt mit günstigen Tickets hineingrätschen. Unser Marktanteil in Deutschland wird sich in zwei bis drei Jahren auf 20 Prozent verdoppeln.

          Lufthansa und ihre Billigtochter Eurowings werden das kaum zulassen.

          Eurowings billig? So ein Quatsch. Die Kosten sind mindestens dreimal so hoch wie bei uns. Die werden Eurowings in ein paar Jahren einstellen oder mit Lufthansa verschmelzen. Die Zubringerflüge zu ihren Langstrecken werden sie uns überlassen. Das machen wir schon für Norwegian und für Aer Lingus, unseren irischen Konkurrenten. In Amerika sind Zubringerflüge von fremden Fluglinien ganz normal.

          Warum sollte die Lufthansa das tun, ihr geht es gerade gut: Rekordgewinne und endlich eine Einigung mit den Piloten.

          Die nächste Luftfahrtkrise kommt bestimmt, und dann hat Lufthansa kein Geld mehr, die teuren Kurzstrecken zu bedienen. Und was ist das denn für eine Einigung mit den Piloten? Das Management hat ja höchstens 20 Prozent seiner Forderungen durchgesetzt. Und bei nächster Gelegenheit werden die Gewerkschaften wieder Ärger machen.

          Die es bei Ryanair gar nicht gibt. Was haben Sie eigentlich gegen sie?

          Gewerkschaften sind überflüssig, die hat man im 19. Jahrhundert gebraucht, um Arbeitnehmerrechte zu erkämpfen. Jetzt gibt es genug sozialen Schutz. Gewerkschaften blockieren vernünftige Reformen und verhindern neue Jobs.

          Haben denn Billigflieger überhaupt noch genug Wachstumschancen?

          In ein paar Jahren wird es auf den kurzen und mittleren Strecken nur noch Billigflieger geben, aber nicht alle haben eine Überlebenschance. Wir wollen von jetzt fast 120 Millionen auf 200 Millionen Passagiere im Jahr 2024 wachsen und die Zahl der Flugzeuge bis dahin um 70 Prozent erhöhen.

          Was könnte Ryanair gefährden?

          Wenn wir mal einen Flugzeugunfall hätten. Oder wenn wir Fett ansetzen würden und bei Entscheidungen schwerfällig würden wie die großen Fluglinien.

          Zu einem Billig-Langstreckenflieger nach Amerika wollen Sie aber weiter nicht werden, anders als Norwegian oder die isländische Wow Air?

          Nein, dann benötigten wir eine Business-Klasse mit einem anderen Service in der Luft, das macht es komplizierter. Und wir bekommen seit Jahren keine Langstreckenflugzeuge zu vernünftigen Preisen, weil die Golf-Airlines alles wegkaufen. Aber jetzt bekommen die auch gerade Finanzprobleme, vielleicht eröffnet uns das neue Chancen.

          Jetzt ist unser Gespräch fast am Ende und Sie haben kein einziges Mal wie früher Ihre Kunden beschimpft oder skurrile Vorschläge gemacht wie eine Toilettengebühr oder Sex-Suiten gegen Aufpreis. Was ist los mit Ihnen?

          Das war nie ernst gemeint. Wir hatten früher kein Werbebudget und wollten so günstig in die Öffentlichkeit kommen. Jetzt wollen wir nett zu unseren Kunden sein.

          Wie langweilig für Sie, oder?

          Ja. Aber ich muss mich ja auch nicht immer wie ein Teenager benehmen.

          Also gehen Sie bald golfen?

          Viel zu langweilig. Ich bin Besitzer von Rennpferden, das reicht als Hobby. Und den Job mache ich noch lange weiter.

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