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Energieversorger RWE : Bedrohung aus dem Morgenland

Macht schwere Zeiten durch: Der Energieversorger RWE Bild: dpa

Der Niedergang des Kraftwerksgeschäfts hat den zweitgrößten deutschen Energieversorger ohnehin schon in die Krise gerissen. Und dann auch noch das: RWE muss sich gegen Schadensersatzforderungen eines arabischen Gaskonzerns wehren.

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          An Baustellen ist bei RWE wahrlich kein Mangel. Der Niedergang des Kraftwerksgeschäfts hat den zweitgrößten deutschen Energieversorger tief in die Krise gerissen, der Wert seiner Aktie schmilzt wie Schnee in der Sonne. Umweltschützer attackieren die Braunkohle, Managementfehler wie in Großbritannien reißen zusätzliche Löcher in die Bilanz. Wenn es ganz dick kommt, muss sich der schwer angeschlagene Konzern auch noch auf höhere Rückstellungen für seine Atommeiler einstellen. Was schief gehen kann, scheint im Moment auch schief zu gehen. In die Reihe der Hiobsbotschaften passt die Niederlage vor einem Londoner Schiedsgericht, die den hochverschuldeten Essener Stromriesen möglicherweise teuer zu stehen kommt.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Die Geschichte reicht weit zurück in die Vergangenheit, als sich RWE noch stark genug fühlte, milliardenschwere Auslandsabenteuer zu riskieren. Mit dem arabischen Gaskonzern Dana Gas glaubten die Essener 2010 einen Partner gefunden zu haben, um bei Nabucco mitzuspielen, der geplanten Gaspipeline von der Türkei quer durch Südosteuropa nach Österreich. RWE wollte groß in den Gashandel einsteigen, sich dafür langfristig die nötigen Bezugsquellen sichern und den Brennstoff dann durch die neue Röhre Richtung Europa schicken. Der unter dem früheren Vorstandschef Jürgen Großmann ausgeheckte Plan ging schief, aus Nabucco ist nie etwas geworden. Das Projekt wurde 2013 abgeblasen, weil es sich doch nicht rechnete. Trotzdem will Dana nun viel Geld von den Essenern, weil die damals auch bei anderen potentiellen Handelspartnern vorgefühlt und sich nicht an die vereinbarte Vertraulichkeit gehalten hätten. Im Grundsatz hat ein Schiedsgericht diesen Anspruch nun bestätigt. Völlig offen ist allerdings, welchen Schaden es Dana zugestehen wird. Darüber wird er erst in der zweiten Phase entschieden, und die soll nicht vor Jahresende beginnen.

          Es droht eine beträchtliche Rechnung

          Die in Düsseldorf erscheinende „Rheinische Post“ berichtet unter Berufung auf Branchenkreise über drohende Milliardenforderungen an RWE. Dort gibt man sich sehr schmallippig und ärgert sich über Dana, weil die Araber das Zwischenergebnis des eigentlich vertraulichen Schiedsverfahrens publik gemacht haben. Mit einem Abschluss der Auseinandersetzung rechnet RWE erst im kommenden Jahr, hält das ganze Verfahren, wie eine Sprecherin betont, aber weiterhin für „nicht gerechtfertigt“.

          Milliardenbeträge, so ist anderswo zu hören, werden es wohl kaum werden, da hätten anfangs irrwitzige Vorstellungen die Runde gemacht. Gleichwohl richtet sich RWE auf eine beträchtliche Rechnung ein. Im Halbjahresbericht wird darauf hingewiesen, dass die gegen den Konzern geltend gemachten „Ansprüche aus schwebenden Verfahren vor ordentlichen Gerichten und Schiedsgerichten in einem Fall deutlich erhöht wurden“. Bezieht sich das auf Dana? Auch dazu gibt es keinen Kommentar, nur den allgemeinen Hinweis, dass man die Vorsorge für Rechtsrisiken erhöht habe.

          Einen genaueren Überblick über die laufenden Verfahren gibt das Unternehmen nicht, bekannt sind einige kleinere Streitereien über Lieferverträge für Gas und Strom. Doch neben der arabischen gibt es auch eine russische Großbaustelle: die seit Jahren schwelende Auseinandersetzung mit dem Moskauer Oligarchen Leonid Lebedew: Er will Entschädigungszahlungen von mehr als 700 Millionen Euro von dem deutschen Energieversorger, mit dem er einst gemeinsam in den russischen Strommarkt einsteigen wollte. Mit Großmann sei er sich damals schon handelseinig gewesen, habe, wie mit ihm abgesprochen, Anteile an einem russischen Stromunternehmen gekauft, um diese anschließend an ihn weiterzureichen. Davon wollten RWE und Großmann anschließend aber nichts mehr wissen, Lebedew blieb aus seinen Aktien sitzen und musste nach eigener Darstellung hohe Verlust in Kauf nehmen. Bisher hat er praktisches jedes Verfahren verloren, sowohl vor einem Schiedsgericht in London als auch vor deutschen Gerichten, aber er lässt nicht locker: Die nächste Instanz ist das Landgericht Essen, wo er Berufung eingelegt hat. Einen Prozesstermin gibt es noch nicht. Neben RWE will er zusätzlich Großmann persönlich in Regress nehmen.

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