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RWE-Chef zum Wettbewerbsverfahren : „Eine Illusion, dass Netzentgelte weiter sinken“

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RWE-Vorstandsvorsitzender Großmann: „Diese Verständigung ist kein Schuldbekenntnis” Bild: F.A.Z. / Schoepal

RWE verkauft sein Gas-Übertragungsnetz nicht ganz freiwillig. Erst durch den Druck der EU-Kommission ließ sich das Unternehmen überzeugen. RWE scheut vor allem das angedrohte Bußgeld. Das F.A.Z.-Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden Großmann.

          Eine Woche vor dem Energietreffen des Ministerrats in Brüssel erzielte die Wettbewerbsbehörde einen weiteren Erfolg. Nach Eon hat Kommissarin Nellie Kroes nun auch RWE den „freiwilligen“ Rückzug aus dem Übertragungsnetz nahegelegt.

          „Diese Verständigung ist kein Schuldbekenntnis“, versichert Jürgen Großmann. Aber die Kommission habe den RWE-Anwälten unmissverständlich erklärt, sie beabsichtige in diesem Schnellverfahren ein Bußgeld in dreistelliger Millionenhöhe zu verhängen. Daraufhin habe sich der Vorstand nach intensiven Beratungen einstimmig für einen Kompromiss anstelle einer Klage entschieden. „Solche langwierigen Verfahren haben einen hohen Lästigkeitswert und binden wertvolle Kräfte, die wir zum Wachstum im Kerngeschäft brauchen“, erklärt der Vorstandsvorsitzende von RWE.

          „Erheblicher Druck im Kessel“

          Für den Widerstand der Bundesregierung gegen die von der Europäischen Kommission verfolgte eigentumsrechtliche Trennung von Produktion und Transportnetz (ownership unbundling) ist dies der zweite Rückschlag. Erst fand sich Eon - ein mehr als 7 Milliarden Euro schweres Bußgeld vor Augen - bereit, die Höchstspannungsleitungen und einen Teil der deutschen Kraftwerkskapazität abzugeben. Nun akzeptiert RWE die Abgabe des Ferngasnetzes. Zwar hat der Essener Konzern RWE aus Eons Fehlern gelernt und die Bundesregierung früher über die Gespräche mit Brüssel informiert. Gleichwohl bleibt die Frage, ob damit das von der Berliner Koalition unterstützte Konzept des „Dritten Weges“ (mit unabhängigem Netzbetreiber, aber unveränderten Eigentumsverhältnissen) oder das Ziel einer deutschen Netzgesellschaft nun in den Papierkorb wandern.

          „Ich glaube, dass sich bei diesem Thema im Moment erheblicher Druck im Kessel aufstaut“, antwortet Großmann sybillinisch. Er sei gespannt, „wie lange die Regierung eines mächtigen EU-Mitgliedslandes noch zusieht, wie die Kommission ihre energiepolitischen Ziele gegen nationale Interessen durchsetzt“. Und zwar selektiv. Gehe sie doch mit den nationalen Interessen anderer Mitglieder wesentlich verständnisvoller um.

          Keine Basis für die „Deutsche Netz AG“?

          Der RWE-Chef verweist auf den offensichtlichen Zeitdruck der Kommission, ihre wettbewerbsrechtlichen Vorstellungen noch unter der slowenischen Präsidentschaft abzuarbeiten. Schließlich bewerte der Nachfolger Frankreich, der im Juli die Präsidentschaft übernehmen wird, diese Problematik ganz anders. Für ihn liegt auf der Hand, warum sich die Wettbewerbsbehörde nach Ermittlungen gegen Versorger in Deutschland, Italien, Frankreich oder Belgien zunächst die beiden deutschen Marktführer vornimmt: „Eon hatte sich im Grunde schon früher im Geiste von seinen Höchstspannungsleitungen verabschiedet, und für RWE spielt das Erdgasfernnetz eine wesentlich geringere Rolle als das Stromnetz.“ Mit dieser Auswahl habe die Kommissarin den schnellen Erfolg gesucht und gefunden.

          Perfide empfindet Großmann die Eon aufgezwungenen Verkaufsbedingungen für die rund 10.000 Kilometer langen Stromautobahnen. So sind Produzenten und Vertriebsgesellschaften als Käufer ausgeschlossen. Im Grunde lege das den Verkauf an ausländische Finanzinvestoren nahe. Unter diesen Umständen sieht Großmann keine Basis für eine von den vier Verbundkonzernen gebildete „Deutsche Netz AG“.

          Fragwürdige Datensammlung

          Und dem aus Netzen von knapp einem Dutzend Unternehmen gebildeten Gastransportnetz gibt er ohnehin keine Chance zum Zusammenschluss. „Ich weiß nicht, wie man dafür den Wingas-Gesellschafter Gasprom oder die staatliche niederländische Gasuni gewinnen könnte.“ Den von der Kommission propagierten Wettbewerbsvorteilen eines Transportnetzes im Besitz von Nicht-Produzenten widerspricht der Quereinsteiger. Die der Argumentation zugrundeliegende Datensammlung sei fragwürdig. In den Transportnetzen von RWE, Eon, Vattenfall und EnBW gebe es einen einheitlichen Wettbewerbspreis.

          Das Kommissionskonzept vernachlässige Synergievorteile bei Besitzern von Transport- und Verteilernetzen und den stärkeren Einfluss des Regulierers auf integrierte Erzeuger. Die ließen sich nämlich wegen ihrer weitergehenden Interessen von der Bundesnetzagentur (BNA) einfacher angehen als Finanzinvestoren. Bei dem Druck Brüssels auf die eigentumsrechtliche Netzabspaltung empfindet Großmann eine Forderung der Kommission als intellektuelle Delikatesse: Die Kraftwerksbetreiber sollen gemeinsam ein integriertes System für die Abspaltung von Kohlendioxid einschließlich des Leitungsnetzes entwickeln, über das Abgas in die Speicher gebracht werden soll. „Wenn die Elektrizitätswirtschaft das unbundling ernst nähme, könnte sie sagen: Das Netz soll jemand anders bauen, sonst wären wir wieder dabei, ein integriertes Monopol zu schaffen.“ Da fehle der Forderung der Kommission doch die Logik.

          „Vorreiter haben keinen Vorteil“

          Der in Mülheim an der Ruhr geborene Wahl-Hanseat beteuerte die für RWE starke Bedeutung des Höchstspannungsnetzes, bei dem man sich als europäischer Technologieführer versteht. Er räumte ein, dass der Vorstand verschiedene Lösungen erwäge, aber gegenwärtig keine konkreten Verkaufspläne habe. Dafür sei der Zeitpunkt auch schlecht. „Ich glaube, dass wir uns am historischen Tiefpunkt der Netzrenditen befinden.“ Diese Ansicht begründet der promovierte Hüttentechniker mit dem enormen Investitionsbedarf in den nächsten Jahren: die Anbindung der in Nord- und Ostsee geplanten Windparks, die durch das Abschalten von Kernkraftwerken erforderlichen Korrekturen am Verlauf der Stromautobahnen - drei neue große Nord-Süd-Stränge - und schließlich die üblichen Modernisierungsinvestitionen.

          Finanzinvestoren würden für diesen investiven Kraftakt höhere Renditen einfordern, als BNA-Präsident Matthias Kurth für die 2009 beginnende Regulierungsphase - die sogenannte Anreizregulierung - unlängst vorgestellt hat, meint Großmann. „Es ist eine Illusion, dass Netzentgelte weiter sinken werden. Herr Kurth wird herausfinden, dass nicht mehr investiert wird, wenn er uns die Möglichkeiten zum Geldverdienen nimmt.“ Großmanns Fazit: „Im Falle des Stromnetzverkaufes haben Vorreiter gegenwärtig keinen Vorteil.“ Auch die Ferngasleitungen will RWE nicht verkaufen. Vielmehr werden Interessenten mit für RWE attraktiven Tauschobjekten, möglichst im Ausland, gesucht. „Denn natürlich wollen wir auch ohne Transportnetz im Gasgeschäft tätig bleiben und wachsen“, versichert der Sechsundfünfzigjährige.

          Potential, um ganz vorn mitzumischen

          „Mehr Wachstum - weniger Kohlendioxid“ lautet holzschnittartig das Programm, das der erfolgreiche Stahlunternehmer verfolgt, seit er im vergangenen Herbst den Vorstandsvorsitz übernahm. RWE habe das Potential, um im europäischen Versorgungsmarkt ganz vorn mitzumischen. Dort agieren die Konzerne Eon, EdF, Eni, oder Gaz de France/Suez mit Börsenwerten jeweils von mehr oder weniger 100 Milliarden Euro. RWE kommt noch nicht einmal auf 50 Milliarden Euro, nachdem der unter Großmann erfolgte Kursanstieg um fast 25 Prozent wieder abgeschmolzen ist.

          Als Schutz vor einem feindlichen Übernahmeangebot hält er das wohl für ausreichend. „Der RWE-Wert ist schon ein schwerverdaulicher Brocken. Ich sehe nur zwei, die es leicht könnten, einen im Osten und einen im Westen.“ Auch wenn Großmann erklärt, es gebe gegenwärtig keinerlei Hinweise für den Aufbau eines Aktienpaketes, räumt er ein, dass man in diesem Punkt nie ganz sicher ist. So bestätigte er auch die Klausel in seinem Anstellungsvertrag, die ihm ein Ausscheiden mit den Bezügen bis zum Vertragsablauf in dem Augenblick gewährt, da ein Aktionär eine Beteiligung von 30 Prozent plus einer Aktie besitzt und allen Aktionären ein Abfindungsangebot unterbreiten muss.

          „Für Deutschland ganz bitter“

          Nach Darstellung von Großmann spiegelt die gegenwärtige Börsenbewertung den Zustand des Konzerns und seine Risiken wider: „Es gibt kein europäisches Energieunternehmen, das so abhängig vom deutschen Atomausstieg und dem Handelssystem für Kohlendioxidemissionen ist.“ Unter französischer Präsidentschaft werde sich die Kommission dem Klimaschutz zuwenden. „Was für Deutschland ganz bitter wird“, meint der RWE-Chef. Denn in den Fragen Emissionshandel und Versteigerung von Kohlendioxidzertifikaten verfolgten Deutschland und das stark auf Klimaschutz durch Kernkraft setzende Frankreich diametrale Ansichten.

          Gleichwohl sieht der RWE-Chef in diesem Themenkomplex Chancen für eine Wertsteigerung des Konzerns. Es gebe eine starke Sperrminorität in der Gemeinschaft, die sich einem Gesetz zum vollständigen Kauf von Emissionszertifikaten für Kraftwerke bereits von 2013 an widersetzen würde. In Polen, Tschechien, der Slowakei, Ungarn oder Griechenland seien heimische Energieträger sehr wichtig für die Stromerzeugung. „Wenn daher für inländische Kohle eine stufenweise Ausweitung des Zertifikatszukaufs zum Beispiel von 30 auf 100 Prozent im Jahr 2020 vorgesehen würde, dann hilft das unserem breiten Energiemix sehr.“

          „British Energy ist noch nicht verkauft“

          Ähnliche Chancen sieht er in den Kernkraftwerken des Konzerns und der damit verbundenen Fachkenntnis. Denn er rechnet mittelfristig mit ökonomischen Zwängen für eine Laufzeitenverlängerung auch in Deutschland. „Wenn dies geschieht, ist es ein riesiger Werttreiber.“ Die Unterstützung, die die französische Atomenergie von ihrem Präsidenten erfährt, ruft in ihm zwar Bewunderung, aber keine Minderwertigkeitsgefühle hervor. „Denn RWE kann bei Auslandsprojekten seine Fachkenntnisse einbringen, ohne Fixierung auf nur einen, den französischen Kernkraftwerkslieferanten.“

          Großmann bestätigt, dass der Neubau von Kernkraftwerken auf lange Sicht ein wichtiger Bestandteil der angestrebten Auslandsexpansion ist. Bei den beiden einzigen konkreten Projekten in der EU, in Rumänien und Bulgarien, bei denen demnächst Anlagenaufträge vergeben werden könnten, ist RWE mit im Konsortium. In Italien werde der Konzern die Entwicklung beobachten und in Großbritannien die Chancen wahrnehmen. Dort hat RWE zwar Anfang Mai die Frist verstreichen und EdF das Feld als einzigem Bieter für den sicher mehr als zehn Milliarden Euro teuren britischen Atomstromproduzenten überlassen. „Aber British Energy ist noch nicht verkauft“, merkt er an. Mehr als ein „Man wird sehen“ lässt sich der RWE-Chef zu diesem Thema nicht entlocken.

          Übernahmen in der Dimension von British Energy würden den Börsenkurs allerdings nicht beflügeln, räumt auch Großmann ein. „Wenn wir den Aktienkurs steigern wollen, müssen wir anders wachsen. Da sehen wir verschiedene Möglichkeiten.“ Nur präzisieren will sie Großmann nicht. „Denn wenn man noch auf Freiersfüßen ankündigt, bis dann muss ich meine Braut heiraten, schränkt das ihre Qualität ein.“

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