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RWE-Chef zum Wettbewerbsverfahren : „Eine Illusion, dass Netzentgelte weiter sinken“

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Und dem aus Netzen von knapp einem Dutzend Unternehmen gebildeten Gastransportnetz gibt er ohnehin keine Chance zum Zusammenschluss. „Ich weiß nicht, wie man dafür den Wingas-Gesellschafter Gasprom oder die staatliche niederländische Gasuni gewinnen könnte.“ Den von der Kommission propagierten Wettbewerbsvorteilen eines Transportnetzes im Besitz von Nicht-Produzenten widerspricht der Quereinsteiger. Die der Argumentation zugrundeliegende Datensammlung sei fragwürdig. In den Transportnetzen von RWE, Eon, Vattenfall und EnBW gebe es einen einheitlichen Wettbewerbspreis.

Das Kommissionskonzept vernachlässige Synergievorteile bei Besitzern von Transport- und Verteilernetzen und den stärkeren Einfluss des Regulierers auf integrierte Erzeuger. Die ließen sich nämlich wegen ihrer weitergehenden Interessen von der Bundesnetzagentur (BNA) einfacher angehen als Finanzinvestoren. Bei dem Druck Brüssels auf die eigentumsrechtliche Netzabspaltung empfindet Großmann eine Forderung der Kommission als intellektuelle Delikatesse: Die Kraftwerksbetreiber sollen gemeinsam ein integriertes System für die Abspaltung von Kohlendioxid einschließlich des Leitungsnetzes entwickeln, über das Abgas in die Speicher gebracht werden soll. „Wenn die Elektrizitätswirtschaft das unbundling ernst nähme, könnte sie sagen: Das Netz soll jemand anders bauen, sonst wären wir wieder dabei, ein integriertes Monopol zu schaffen.“ Da fehle der Forderung der Kommission doch die Logik.

„Vorreiter haben keinen Vorteil“

Der in Mülheim an der Ruhr geborene Wahl-Hanseat beteuerte die für RWE starke Bedeutung des Höchstspannungsnetzes, bei dem man sich als europäischer Technologieführer versteht. Er räumte ein, dass der Vorstand verschiedene Lösungen erwäge, aber gegenwärtig keine konkreten Verkaufspläne habe. Dafür sei der Zeitpunkt auch schlecht. „Ich glaube, dass wir uns am historischen Tiefpunkt der Netzrenditen befinden.“ Diese Ansicht begründet der promovierte Hüttentechniker mit dem enormen Investitionsbedarf in den nächsten Jahren: die Anbindung der in Nord- und Ostsee geplanten Windparks, die durch das Abschalten von Kernkraftwerken erforderlichen Korrekturen am Verlauf der Stromautobahnen - drei neue große Nord-Süd-Stränge - und schließlich die üblichen Modernisierungsinvestitionen.

Finanzinvestoren würden für diesen investiven Kraftakt höhere Renditen einfordern, als BNA-Präsident Matthias Kurth für die 2009 beginnende Regulierungsphase - die sogenannte Anreizregulierung - unlängst vorgestellt hat, meint Großmann. „Es ist eine Illusion, dass Netzentgelte weiter sinken werden. Herr Kurth wird herausfinden, dass nicht mehr investiert wird, wenn er uns die Möglichkeiten zum Geldverdienen nimmt.“ Großmanns Fazit: „Im Falle des Stromnetzverkaufes haben Vorreiter gegenwärtig keinen Vorteil.“ Auch die Ferngasleitungen will RWE nicht verkaufen. Vielmehr werden Interessenten mit für RWE attraktiven Tauschobjekten, möglichst im Ausland, gesucht. „Denn natürlich wollen wir auch ohne Transportnetz im Gasgeschäft tätig bleiben und wachsen“, versichert der Sechsundfünfzigjährige.

Potential, um ganz vorn mitzumischen

„Mehr Wachstum - weniger Kohlendioxid“ lautet holzschnittartig das Programm, das der erfolgreiche Stahlunternehmer verfolgt, seit er im vergangenen Herbst den Vorstandsvorsitz übernahm. RWE habe das Potential, um im europäischen Versorgungsmarkt ganz vorn mitzumischen. Dort agieren die Konzerne Eon, EdF, Eni, oder Gaz de France/Suez mit Börsenwerten jeweils von mehr oder weniger 100 Milliarden Euro. RWE kommt noch nicht einmal auf 50 Milliarden Euro, nachdem der unter Großmann erfolgte Kursanstieg um fast 25 Prozent wieder abgeschmolzen ist.

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