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Russland und Weißrussland : Streit über Kali-Kartell spitzt sich weiter zu

  • Aktualisiert am

Weißes Gold: Kaliabbau im russischen Berezniki. Bild: REUTERS

Die russische Uralkali hat vor vier Wochen das Exportbündnis mit der weißrussischen Belaruskali gekündigt. Nun eskaliert der Streit. Nachdem gestern der Uralkali-Chef verhaftet wurde, planen die weißrussischen Behörden Immobilien-Beschlagnahmungen.

          Wenige Wochen nachdem der weltgrößte Kali-Produzent Uralkali ein Exportbündnis mit der weißrussischen Belaruskali aufgekündigt hat, spitzt sich der Streit zwischen Russland und Weißrussland immer weiter zu. Nun planen die weißrussischen Behörden, Immobilien und andere Vermögenswerte der russischen Uralkali zu beschlagnahmen. Das berichtet die russische Nachrichtenagentur RIA.

          Zuvor war am Montag in Minsk der Uralkali-Geschäftsführer Wladislaw Baumgertner verhaftet worden. Wie sein Unternehmen der Agentur Interfax mitteilte, sei Baumgertner auf Einladung des weißrussischen Ministerpräsidenten in Minsk gewesen und nach dem Treffen festgenommen worden. Baumgertner ist auch Aufsichtsratsvorsitzender der Belarusian Potash Company (BPC), über die Uralkali und Belaruskali ihre Ausfuhren kartellähnlich organisierten - bis Baumgertner Ende Juli ankündigte, mit Uralkali eigene Vertriebswege zu gehen und mit einer Maximierung der Absatzmenge die bisherige Hochpreispolitik zu beenden.

          Das weißrussische Ermittlungskomitee teilte laut Interfax mit, Baumgertner habe sein Amt bei BPC missbraucht, die Interessen Weißrusslands verletzt sowie BPC und Belaruskali großen Schaden zugefügt. Vier weitere BPC-Manager seien auf die nationale Fahndungsliste und jene von Interpol gesetzt worden. Belaruskali ist ein wichtiger Devisenbringer für das diktatorische Regime von Präsident Aleksandr Lukaschenka.

          Erhebliche Turbulenzen an den Märkten

          Das Vorgehen Baumgertners hatte an den Märkten für erhebliche Turbulenzen gesorgt. Der Aktienkurs des Kasseler Düngemittelherstellers K+S war binnen einer Woche um 40 Prozent gefallen. Auch der Aktienkurs von Uralkali hatte um rund ein Viertel nachgegeben. Der Kalimarkt war mit kartellähnlichen Strukturen gut gefahren. Die wenigen etablierten Anbieter konnten den Preis künstlich hochhalten, denn Kali ist eigentlich nicht knapp. Dass Baumgertner vor vier Wochen einen Preiskampf ankündigte, hatte daher viele überrascht. Preisrückgänge um ein Viertel wurden erwartet.

          Baumgertner sah sein Unternehmen am längsten Hebel sitzen. Die Förderbedingungen in Russland gelten als die global günstigsten. Sein Kalkül schien zu sein, den Preis durch eine Vollauslastung der Produktionskapazitäten soweit zu drücken, dass sich die Produktion zum Beispiel im hessisch-thüringischen Grenzgebiet nicht mehr lohnt. Auch mögliche Markteinsteiger wie BHP Billiton würden in ihrem Elan gebremst, wenn der Absatzpreis erst einmal niedrig genug wäre. Durch das Ausscheiden von Konkurrenten würde das Kali-Angebot wieder knapper und der Preis könnte wieder steigen. Bis neue Minen produzieren können, dauert es für gewöhnlich Jahre. Uralkali säße als Marktführer in einem noch engeren Markt dann in einer machtvollen Position, denn die Drohkulisse eines Preiskampfes würde viele potentielle Konkurrenten abschrecken.

          Die Börse stand diesen Überlegungen jedoch von Beginn an skeptisch gegenüber. Zunächst muss auch Uralkali für seine Absatzmengen einen wesentlich geringeren Preis akzeptieren. Wann er sich erholt und ob er gegen die großen staatlichen Einkaufsgenossenschaften in China und Indien durchsetzbar wäre, scheint vielen Marktbeobachtern fraglich. Der unmittelbare Schaden ist gewiss, der mögliche Nutzen hingegen in weiter Ferne, begründeten Analysten ihre negative Einschätzung zu der Aktie von Uralkali. Die Verhaftung des Vorstandsvorsitzenden sorgte am Montag für einen Kursrückgang um rund 4 Prozent.

          Kursgewinne von bis zu 7 Prozent gab es hingegen in den Aktien von K+S. Hier keimte bei einigen Anlegern die Hoffnung auf, dass mit der Festnahme von Baumgertner auch dessen ausgerufener Preiskampf zunächst einmal ausbleibt. Auch vertraten Analysten die Auffassung, Uralkali könnte wieder in die Vertriebsallianz mit Belaruskali zurückgezwungen werden, was die Preise am Kalimarkt wieder erhöhen könnte.

          Kali-Nachfrage steigt

          Andere Analysten verwiesen jedoch auf die politische Komponente. So sei es kaum vorstellbar, dass Russland es tatenlos hinnehmen werde, dass ein führender Industriemanager zu Gesprächen mit einem Ministerpräsidenten eingeladen werde, nur um ihn dann dort festnehmen zu können. Dass nach einem solchen Verhalten eine vorherige Allianz wieder auflebt, sei kaum vorstellbar.

          Uralkali rangierte 2012 mit einer Produktionsmenge von gut 9 Millionen Tonnen vor der weißrussischen Belaruskali mit knapp 8 Millionen Tonnen. Es folgt mit ebenfalls knapp 8 Millionen Tonnen die in Kanada beheimatete Potash Corporation of Saskatchewan, die in den Vereinigten Staaten ansässige Mosaic Company mit rund 7 Millionen Tonnen, gefolgt von einem chinesischen Produzenten mit etwa 6 Millionen Tonnen, K+S mit 5 Millionen Tonnen und die israelische ICL mit knapp 5 Millionen Tonnen.

          Die Nachfrage nach Kali war in den vergangenen Jahren gestiegen. Der höhere Fleischkonsum in Ländern wie China und Indien hat den Bedarf an Futtermitteln deutlich erhöht. Um diesen zu decken, wurden vermehrt Düngemittel eingesetzt. Vor rund fünf Jahren erreichte der Kalipreis mit 1000 Dollar je Tonne seinen Höhepunkt. Derzeit sind es rund 400 Dollar. Nach der Ankündigung von Baumgertner, die Produktionskapazitäten voll auslasten zu wollen, kursierten Preisprognosen von 300 Dollar und weniger. Diese Marke gilt als Grenze, unter der K+S nicht mehr rentabel fördern kann.

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