https://www.faz.net/-gqe-7sv56

Drohendes Importverbot : Moskau lässt die Autokonzerne bangen

  • -Aktualisiert am

Volkswagen betreibt ein eigenes Werk im russischen Kaluga. Bild: AFP

Noch brummt das Geschäft der deutschen Autohersteller. Doch in China und Russland kommen sie zusehends unter Druck. Wie gefährlich wird das?

          3 Min.

          Eigentlich lief das Geschäft der globalen Autoindustrie bis vor kurzem hervorragend. In der ersten Hälfte dieses Jahres wurden mehr Autos verkauft als jemals zuvor. In Deutschland reihte sich bei Volkswagen, Daimler und BMW im Sommer eine Sonderschicht an die nächste. Anders war die Nachfrage nach deutschen Premiumautos aus Europa, Amerika und China nicht zu befriedigen. Die Produktion und der Export erreichten Rekordwerte. Doch mit der Champagnerlaune könnte es nun bald vorbei sein. Denn die Rückschläge häufen sich in jüngster Zeit. Erst brach der Markt in Brasilien ein, dann mussten die Autohersteller auf Druck der Behörden im Boommarkt China ihre Preise für Ersatzteile senken und Kartellstrafen zahlen – und jetzt droht auch noch Russland mit Sanktionen gegen die Autokonzerne.

          Einem Zeitungsbericht zufolge erwägt die Regierung in Moskau im Falle von schärferen Sanktionen der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union gegen Russland ein teilweises oder vollständiges Importverbot für westliche Fahrzeuge. Ein entsprechender Vorschlag sei schon Präsident Wladimir Putin übermittelt worden, berichtete die Zeitung „Vedomosti“. In Russland produzierte Fahrzeuge sollen von einem Bann nicht betroffen sein. Ford, Volkswagen, Renault, Toyota und Hyundai haben Werke in Russland. Eine Entscheidung über neue Sanktionen sei aber noch nicht gefallen.

          Ob das Importverbot tatsächlich kommt, ist unsicher. Falls es aber käme, könnte es der Autoindustrie Sorgen bereiten. Im ersten Halbjahr kamen dem Blatt zufolge Importautos auf einen Absatzanteil von 27 Prozent. Bei Lastwagen seien es 43 Prozent, bei Bussen 13 Prozent.

          Russland ist ein wichtiger Absatzmarkt für die Autoindustrie. Das Land ist der zweitgrößte Automarkt in Europa – hinter Deutschland – und der siebtgrößte Markt weltweit hinter Indien. Im vergangenen Jahr wurden in Russland gut zwei Millionen Autos produziert – und damit mehr als in Frankreich.

          Das berüchtigte „Dekret 166“

          Wer den russischen Automarkt verstehen will, muss das berüchtigte „Dekret 166“ kennen. Erlassen hat es der damalige Regierungschef und heutige Staatspräsident Wladimir Putin. Es besagt, dass jeder ausländische Autohersteller, der in den Genuss eines reduzierten Einfuhrzolls kommen will, mindestens 300.000 Autos in Russland produzieren muss. Damit sollen Investitionen angezogen und Arbeitsplätze im Land geschaffen werden. In Kraft tritt das Dekret 166 im Jahr 2016. Das ist der Grund, warum sich bis zum Ausbruch der Ukraine-Krise alle großen Massenhersteller beeilten, ihre Produktionskapazitäten in Russland aufzustocken.

          Schließlich geht es um den bald größten und bis zum Beginn der Ukraine-Krise am schnellsten wachsenden Absatzmarkt für Autos in Europa. Erst in jüngster Zeit läuft es schlechter: Mit 181.000 Fahrzeugen lag das Absatzvolumen im Juli um fast ein Viertel unter Vorjahresniveau. Im bisherigen Jahresverlauf gingen die Verkäufe von neuen Autos auf gut 1,4 Millionen Einheiten zurück – das bedeutet ein Minus von fast 10 Prozent.

          Das wird zum Problem: Konzerne wie General Motors, Hyundai und Renault, aber auch der deutsche Volkswagen-Konzern haben ihre Fabriken in Russland gerade erst erweitert, so dass sie – wie von Putin gewünscht – über die Marke von 300.000 Autos kommen werden. Auch für die Premiumhersteller Audi, BMW und Mercedes ist der russische Markt von großer Bedeutung, weil sie hier viele ihrer großen und schweren Limousinen verkaufen, die besonders viel Gewinn abwerfen. BMW hat deshalb im Jahr 2012 sogar sein Flaggschiffmodell, den Siebener, in einer überarbeiteten Version in Sankt Petersburg vorgestellt. Für BMW ist das Dekret 166 besonders schwer zu erfüllen. Anders als Audi sind die Münchener nicht Teil eines größeren Konzerns wie VW, und anders als Daimler kann BMW seine Stückzahlen in Russland nicht durch Nutzfahrzeuge nach oben treiben.

          BMW müsste mit Gewinneinbußen rechnen

          BMW verkauft in Russland rund 50.000 Autos im Jahr. Davon werden knapp die Hälfte im Land aus angelieferten Bausätzen montiert – „CKD“ nennt sich das im Fachjargon (Completely Knocked Down). Das gilt etwa für den Dreier, den Fünfer und den Siebener sowie die Geländewagenmodelle der X-Baureihen. Käme es zu Sanktionen Russlands gegen importierte Autos, dann müsste BMW wohl mit Gewinneinbußen im Russland-Geschäft rechnen.

          Um so schlimmer ist es, dass die deutschen Autokonzerne zum gleichen Zeitpunkt auch in China immer stärker unter Druck kommen. Nirgendwo verkaufen die deutschen Hersteller mehr Autos und nirgendwo verdienen sie mehr daran als in China. Doch jetzt machen ihnen die Kartellbehörden des Landes einen Strich durch die Rechnung. Erst mussten Audi, BMW und Mercedes die Preise für ihre Ersatzteile auf Druck der mächtigen Preiswächter von der Behörde NDRC senken. Dann folgten Razzien – und jetzt müssen die Hersteller Kartellstrafen zahlen.

          Chinesische Preiswächter haben nach Medienberichten Beweise für verbotene Absprachen von Daimler mit Mercedes-Händlern in der Provinz Jiangsu gefunden. „Der Fall von Daimler ist ein typisches Monopol, das seine beherrschende Position ausnutzt, um im Kundendienst die Preise für Ersatzteile und Wartung zu kontrollieren“, sagte Direktor Zhou Gao vom Preisbüro der Provinz nach Angaben der Zeitung „Jinghua Shibao“ vom Montag. Daimler in Peking teilte lediglich mit, der Autohersteller kooperiere in den Ermittlungen.

          Chinas Behörden ermitteln seit Wochen gegen mehrere ausländische Autohersteller und haben Bußgelder angekündigt. Wettbewerbsbehörden in der Provinz Jiangsu meinen Beweise für unzulässige Preisfestsetzungen gesammelt zu haben. Alle Ersatzteile eines Wagens der C-Klasse hätten zusammen genommen etwa zwölf Mal so viel gekostet wie das fertige Auto. Daimler erklärte am Montag, die behördlichen Untersuchungen liefen noch und der Konzern könne den Vorgang nicht kommentieren.

          Weitere Themen

          Viel Lärm um Tesla Video-Seite öffnen

          Protest in Grünheide : Viel Lärm um Tesla

          Der Autobauer und das Land Brandenburg haben sich auf den Kauf der Landfläche geeinigt, auf der der Konzern seine Fabrik für Elektroautos errichten will. Ein Gutachten soll nun den Kaufpreis ermitteln. Gegner des Vorhabens fordern mehr Transparenz und fürchten Umweltschäden.

          Topmeldungen

          Abwarten: Salvini und Unterstützerinnen auf einer Kundgebung am 23. Januar in Bibbiano

          Trotz Wahlniederlage : Salvini gibt nicht auf

          Italiens früherer Innenminister ist bei den Regionalwahlen gleich doppelt gescheitert und die Regierung von Ministerpräsident Conte bekommt Luft zum Atmen. Trotzdem darf Salvini hoffen, eines Tages Ministerpräsident zu werden.

          75 Jahre nach der Befreiung : Ein leeres Herz

          Lidia hieß früher Ludmila. Sie war drei, als sie ins KZ Auschwitz kam. Dort wurde ihr die Liebe ausgetrieben. Heute kann sie immerhin darüber reden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.