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Rüstungsindustrie : Kampfjetpanne befeuert Drohnen-Debatte

Senkrechtstarter: Auch die Kosten des wendigen Jets schießen in die Höhe. Bild: Reuters

Amerikas teuerstes Rüstungsprojekt stockt nach einem Brand. Politiker und Militärs fragen sich: Sind bemannte Kampfjets im Zeitalter von Drohnen noch angebracht?

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          Das amerikanische Verteidigungsministerium erlebt mit seinem teuersten Rüstungsprogramm einen weiteren Rückschlag: Das Pentagon hat seine gesamte Flotte von 97 Kampfjets des Typs F-35 (JSF - Joint Strike Fighter) vorerst aus dem Verkehr gezogen. Grund dafür ist ein Brand in einer der Maschinen vor knapp zwei Wochen, dessen Ursache bislang ungeklärt ist. Von der Untersuchung des Vorfalles wird es nach Angaben des Pentagon abhängen, wann die Maschinen wieder abheben können.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der JSF wird vom amerikanischen Rüstungskonzern Lockheed Martin hergestellt, der den Auftrag bereits 2001 bekam. Die Maschinen befinden sich bislang noch im Testbetrieb, und derzeit ist geplant, dass die ersten Jets vom kommenden Jahr an für den Einsatz in der amerikanischen Luftwaffe und Marine bereit sind. Der Planungshorizont für die Maschine reicht weit in die Zukunft: Bis 2037 wollen die Vereinigten Staaten insgesamt mehr als 2400 JSF-Flugzeuge anschaffen. Die Kosten des Programms werden vom amerikanischen Rechnungshof heute auf fast 400 Milliarden Dollar beziffert. Vor 13 Jahren wurde das Projekt noch auf 200 Milliarden Dollar taxiert.

          Hinzu kommen nach Angaben der Behörde mehrere hundert Milliarden Dollar für den Betrieb und die Instandhaltung, so dass das Projekt über seine gesamte Lebensdauer hinweg mehr als eine Billion Dollar verschlingen könnte. Auch Regierungen anderer Länder sind an der Maschine interessiert und haben schon Bestellungen abgegeben, zum Teil beteiligen sie sich auch an den Entwicklungskosten. Diese Partnerländer sind über die ganze Welt verteilt. Zu ihnen gehören Großbritannien, Niederlande, Norwegen, Australien, Kanada und Israel.

          Der „letzte Dinosaurier seiner Gattung“

          Das JSF-Programm kämpfte vom Start weg mit einer Reihe technischer Pannen, gleichzeitig sind die Kosten explodiert. Ursprünglich sollte eine Maschine 69 Millionen Dollar kosten, mittlerweile hat sich der Betrag auf 137 Millionen Dollar fast verdoppelt. Der jüngste Störfall könnte die Pläne gefährden, den Joint Strike Fighter in zwei Wochen auf der internationalen Flugschau im britischen Farnborough zu zeigen.

          Pannen in der Entwicklung und im Betrieb neuer Flugzeuge sind keine Seltenheit, wie jüngste Beispiele in der Zivilluftfahrt zeigen. So brachte der amerikanische Hersteller Boeing seine neue 787 („Dreamliner“) erst 2011 erst mit drei Jahren Verspätung auf den Markt, und auch danach hörten die technischen Pannen nicht auf. Sie zwangen den Konzern im vergangenen Jahr dazu, die Auslieferungen der Maschine für mehrere Monate einzustellen.

          Der aktuelle Rückschlag sowie die stark steigenden Kosten für das JSF-Programm werfen für Politiker und Militärs die Frage auf, wann die Zeit für traditionelle Kampfjets abgelaufen ist ? Angesichts der immer größeren Zahl von Drohnen-Einsätzen in diversen Krisenregionen der Welt gilt JSF selbst für Rüstungsexperten als der „letzte Dinosaurier seiner Gattung“, wie es ein britischer Luftfahrtmanager umschreibt. So bildet die amerikanische Luftwaffe seit wenigen Jahren mehr Piloten für Drohnen als für klassische Militärflugzeuge aus. Das Pentagon legte kürzlich einen bis 2038 reichenden Plan für unbemannte Militärsysteme vor - mit dem Vermerk, dass dieses Segment „dramatisch wächst“.

          Nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa tun sich Hersteller und Militärs mit dem Bau von bemannten Flugzeugen immer schwerer. Das gilt vor allem für das Eurofighter-Konsortium, in dem neben der deutsch-französischen Airbus-Gruppe auch der britische Rüstungskonzern BAE Systems Regie führt und das den gleichnamigen Kampfjet herstellt.

          Das Flugzeug, das einst zu Zeiten des Kalten Krieges konzipiert wurde, ist zwar noch bei der deutschen Luftwaffe sowie und sechs weiteren Streitkräften im Einsatz. Doch die einst erhofften Absatzerfolge in Regionen außerhalb von EU und Nato blieben bis heute aus. In jüngster Vergangenheit haben sich die Einkäufer der indischen Luftwaffe ebenso wie die Militärs in Brasilien gegen den Eurofighter entschieden.

          International brauche der Jet keinen Vergleich zu scheuen, heißt es bei Airbus. Doch wenn der im Vergleich zu amerikanischen und europäischen Maschinen teure Eurofighter im Ausland nicht reüssiert, halbiere sich der entsprechende Umsatz bis 2018 auf 800 Millionen Euro und gefährde im Konzern weitere Arbeitsplätze. Aufgrund der schwachen Auftragslage sollen in der Sparte Airbus Defence ohnehin 5800 der 45 000 Stellen binnen drei Jahren wegfallen. Davon allein 2600 in Deutschland, wovon wiederum die deutschen Eurofighter-Werke in Bayern und Norddeutschland betroffen sind.

          Die dürftige Akzeptanz von Kampfjets sowie die stark schrumpfende Rüstungsbudgets in Europa feuern die Debatte um den Einsatz von Drohnen auch hierzulande an. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) bekräftige kürzlich im Bundestag ihre Absicht, die Bundeswehr mit bewaffnungsfähigen Flugrobotern auszustatten. Zunächst sollen die auf dem Markt befindlichen Drohnensysteme, die amerikanische oder israelische Hersteller anbieten, über Leasingverträge für Einsätze angemietet werden. Künftig sei es jedoch unerlässlich, dass europäische Rüstungshersteller ihre Kräfte bündeln und gemeinsam neue Drohnentypen entwickeln, heißt es im Verteidigungsministerium weiter.

          Mit der Aussicht, technologische Kompetenz für den Bau von Drohnen in Europa zu entwickeln, verbinden sich einige Hoffnung für heimische Hersteller. Denn gegenwärtig wird das globale Geschäft mit Drohnen noch von Konkurrenten aus Israel und Amerika dominiert. Zaghafte Versuche zum Einstieg gibt es bereits: Ende Mai gaben die Rüstungsmanager von Airbus und der Hersteller der israelischen „Heron“-Drohne bekannt, dass sie für die Bundeswehr ein gemeinsames Leasingangebot vorlegen wollen.

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