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Rüstungsexporte : Deutsche Waffen für Australien

  • -Aktualisiert am

Gilt als deutschenfreundlich: Australiens neuer Ministerpräsident Malcolm Turnbull Bild: dpa

Nach dem Regierungswechsel in Australien hoffen Thyssen-Krupp und Siemens auf einen Rüstungsgroßauftrag - und die deutsche Politik hilft wie nie zuvor. Aber im Rennen um den Zuschlag sind sie nicht alleine.

          Das Bild der Deutschen von Australien ist geprägt von Sonne, Sand und Kängurus. Australiens wichtigstes Exportgut nach Deutschland sind bislang Goldmünzen. Immer noch wird übersehen, welche Möglichkeiten Down Under bietet. Der enorme Zuwachs der asiatischen Nachfrage nach Bodenschätzen half in den vergangenen Jahren zumindest einigen deutschen Anlagen- und Maschinenbauern. Nun sind die Rüstungskonzerne am Zuge, denn Australien stellt sein Verteidigungssystem um. Waffenschmieden wie Thyssen-Krupp Marine Systems (TKMS) oder Rheinmetall mit KMW, aber auch Nutzfahrzeughersteller wie MAN und Daimler bekommen enorme Chancen. Die Erneuerung seiner Land-, Luft- und Seestreitkräfte lässt sich Australien mindestens 120 Milliarden australische Dollar (79 Milliarden Euro) kosten. Der größte Posten ist dabei der Kauf einer Flotte Unterseeboote, der einschließlich Instandhaltung auf mindestens 50 Milliarden Dollar geschätzt wird. Diesen Auftrag will Thyssen-Krupp mit Siemens an Land ziehen. Die deutsche Politik hilft wie nie zuvor.

          Die Deutschen treten gegen Japaner und Franzosen an. Bei einem solchen, auf Jahrzehnte angelegten Projekt kommen drei Dinge zusammen: die strategische Ausrichtung, die Zusammenarbeit der Regierungen und das industrielle Angebot in Hinsicht auf Qualität, Kosten, Nachhaltigkeit. Die Angebote der Konkurrenten ähneln sich. Doch muss Frankreich ein Atom-U-Boot auf einen konventionellen Antrieb abspecken, Japan erstmals mit dem Ausland zusammenarbeiten und TKMS überhaupt ein U-Boot dieser Gewichtsklasse entwickeln. Wichtiger erscheinen am Ende aber geostrategische Fragen und jene „weichen“ Faktoren wie die Nähe der Regierungen.

          Rüstungskonzerne und Politik arbeiten eng zusammen

          Der Wechsel des Premierministers in Australien kommt den Deutschen entgegen. Der frühere Bankier Malcolm Turnbull hat sich vor wenigen Wochen an die Spitze der konservativ-liberalen Regierung geputscht und den überforderten Tony Abbott abgelöst. Der Multimillionär Turnbull gilt als kühler Kopf. Dass er an diesem Freitag in seiner neuen Rolle Deutschland als erstes europäisches Land besucht, ist auch kein Zufall. Der Ministerpräsident und seine Frau Lucy, einst Bürgermeisterin von Sydney, gelten als deutschfreundlich. Lucy Turnbull ist Präsidentin der Deutschen Auslandshandelskammer in Australien. Beide öffneten Finanzminister Wolfgang Schäuble im vergangenen Jahr ihre Villa über der Bucht von Sydney für einen Abendempfang.

          Mit der Bundeskanzlerin wird Turnbull intensivere Beziehungen in der Außen- und Sicherheitspolitik verabreden. Deutschland festigt damit seine Stellung im asiatisch-pazifischen Raum. Australiens Finanzminister Mathias Cormann erklärte, die Beziehungen der viertgrößten zur zwölftgrößten Wirtschaftsnation seien unterentwickelt. Beide Länder aber hätten „konvergierende Interessen in Asien-Pazifik“. Der Gründung einer strategischen Partnerschaft folgte eine bilaterale Beratergruppe, in ihr sitzen auch Siemens und Lucy Turnbull.

          Mit einer sehr engen Flankierung durch Diplomaten, Militärs und Politiker feilen die deutschen Unternehmen seit Monaten an ihrem Angebot. Minister werben für die Waffenhersteller. Manchem erscheint dies zu eng. Japaner und Franzosen allerdings arbeiten nach demselben Muster. Nicht auszuschließen etwa, dass Paris der bisherigen Anti-Atommacht Australien hilft, die Tür zur Uran-Wiederaufbereitung zu öffnen, um im Gegenzug auf den U-Boot-Auftrag zu hoffen. Franzosen und Australier sind im Verteidigungsgeschäft verbunden und arbeiten im Pazifik zusammen, wo Frankreich in Polynesien und Neukaledonien seine militärischen Interessen vertritt.

          Welches Angebot verspricht Australien den größten Nutzen?

          Das unbeschriebene Blatt ist Japan. Für die Japaner wäre der Auftrag aus Canberra der erste Rüstungsexport nach dem Krieg. Zugleich bildete sich eine Achse zwischen den Amerika-Verbündeten Australien und Japan im Pazifik, um Chinas Vordringen Einhalt zu gebieten. Deshalb haben die amerikanischen Strategen großes Interesse an einem Einkauf in Tokio. Sie besitzen Einfluss in Canberra: Zwei wichtige Schaltstellen im australischen Rüstungseinkauf sind mit hohen amerikanischen Offizieren besetzt. Freilich muss Australien aufpassen, nicht zu nah an Amerika zu rücken, denn es braucht auch China, seinen größten Handelspartner. Deshalb könnte Canberra darauf setzen, bei der Wahl der U-Boote Distanz zum großen Bruder zu zeigen. Das könnte TKMS helfen.

          Für Turnbull zählt letztlich, welches Angebot ihm die meisten Wähler bringt. Die Stimmen der Südaustralier, wo die Automobilindustrie dem Tode geweiht ist, wird er durch die Ansiedlung einer Großwerft für den Bau der U-Boot-Flotte erhalten. Hier hält TKMS die Trümpfe in der Hand. Die Deutschen bieten an, den Bau der Boote komplett nach Australien zu verlegen. Zudem werben sie damit, die Werft in Adelaide zum Wartungsstützpunkt im Pazifik zu machen. Singapurer und Südkoreaner, die schon U-Boote aus Kiel fahren, könnten diese dann dort aufarbeiten lassen. Entschieden ist nichts. Ein Durchmarsch der deutschen Anbieter ist nicht zu erwarten. Ihre Chancen aber stehen gut wie selten, weil Politiker und Manager Australien und seine wachsende Rolle im Pazifik nun ernst nehmen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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