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Deutsche Bahn : Zwischen den Gleisen

  • -Aktualisiert am

Die Probleme einfach weglächeln: Alexander Dobrindt (links) und Bahnchef Rüdiger Grube Bild: Getty

Die Malaise der Deutschen Bahn ist kein Ergebnis der jüngsten Wochen oder Monate. Bahnchef Grube hat die Zügel lange schleifen lassen.

          Für ein gutes Foto ist Bahnchef Rüdiger Grube immer zu haben. Vergangene Woche reiste der Vorstandsvorsitzende mit Verkehrsminister Alexander Dobrindt im ICE nach Paris und reckte bei Tempo 313 den Zeigefinger stolz zur Zuganzeige. In wenigen Tagen heiratet er die bekannte Köchin Cornelia Poletto, gewiss kommen auch dabei attraktive Bilder heraus. Der schöne Schein kann leicht vergessen machen, in welchen Schwierigkeiten Grube und sein Konzern derzeit stecken.

          Es geht nicht nur um das ramponierte Image, das nach wochenlangen Bahnstreiks kaum besser geworden ist. Es geht nicht nur um die vielen Verspätungen im Fernverkehr, wo fast ein Viertel aller ICE- und Intercity-Züge unpünktlich fährt. Vielmehr steckt die Deutsche Bahn (DB) auch wirtschaftlich und strategisch in einer tiefen Krise. Mancher fragt sich, ob der nette Herr Grube, der sich am liebsten um jeden Fahrgast persönlich kümmern würde, sie da wieder herauszuholen vermag.

          Der Konzern entgleist gerade an vielen Ecken und Enden. Im Fernverkehr hat die Bahn das Angebot jahrelang ausgedünnt. Den Fahrgastrekord im vergangenen Jahr mit 2,25 Milliarden Reisenden hatte das Transportunternehmen seinem Regionalgeschäft zu verdanken. Auf langen Strecken dagegen sank die Zahl der Reisenden. Das ist besonders bitter, wenn auf der Straße das Fernlinienbusgeschäft floriert. Der Vorsteuergewinn sank um ein Drittel, so heftig wie in keiner anderen Bahnsparte.

          Im Nahverkehr schnappt die Konkurrenz dem einstigen Monopolisten immer mehr Aufträge weg. Wird eine Strecke von den Bundesländern neu ausgeschrieben, geben Tochtergesellschaften ausländischer Schienenkonzerne häufig das bessere Angebot ab. In ihren Wettbewerbsberichten muss die Bahn dazu gute Miene machen und die wachsende Konkurrenz auch noch als positiv verkaufen: 389 Bahnen verkehren demnach auf dem deutschen Schienennetz. Die Bahn-Wettbewerber fuhren 247Millionen Trassenkilometer. Ihr Marktanteil im Personennahverkehr betrug zuletzt mehr als 26 Prozent. Unter Wettbewerbsgesichtspunkten ist das gut, aber für die anderen, nicht für Grubes Bahn.

          Seit Jahren sinkt die Profitabilität

          Im Güterverkehr läuft es nicht viel besser. Hier haben die Konkurrenten schon ein Drittel des Kuchens erkämpft. Eigentlich entwickelt sich die Konjunktur hierzulande nicht schlecht, davon sollten auch die Transporteure profitieren. Doch in den Büchern der für den Warentransport zuständigen Tochtergesellschaft DB Schenker Rail schlägt sich der Aufschwung nicht nieder. Die Verkehrsleistung sinkt, es bleibt kaum ein nennenswerter Gewinn übrig.

          Die aktuelle Malaise ist kein Ergebnis der jüngsten Wochen oder Monate. Schon vor Jahren war absehbar, dass die gesetzliche Zulassung von Fernbussen der Bahn Kunden abspenstig machen würde. Mehr als Mahnungen an die Politik kamen von Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg aber nicht. Eine Gegenstrategie? Fehlanzeige. Noch heute warnt Homburg, man dürfe sich mit Billigangeboten nicht kannibalisieren. Auf der anderen Seite verteilt die Bahn hunderttausendfach 19-Euro-Tickets - in der vagen Hoffnung, die Discountkundschaft aus dem Bus in die Züge zu lotsen.

          Grube führt die Deutsche Bahn seit nunmehr sechs Jahren. Lange hat er Züge und Zügel schleifenlassen. Hochfliegende Wachstumsziele wurden aufgestellt und wieder einkassiert. Von dem ehrgeizigen Vorhaben, den Konzernumsatz bis 2020 auf 70 Milliarden Euro zu steigern und bis dahin einen deutlich verbesserten Gewinn zu erwirtschaften, hatte sich Grube schon Ende Februar im Interview mit dieser Zeitung verabschiedet. Die Profitabilität sinkt seit Jahren. Jetzt soll ein Umbau die Wende einläuten.

          Viele unterschiedliche Interessen in einem Unternehmen

          Während die Bahn am Dienstag voraussichtlich enttäuschende Halbjahreszahlen vorlegen wird, trifft sich an diesem Montag der Aufsichtsrat. Er dürfte ein umfangreiches Stühlerücken und eine Verkleinerung des Vorstands abnicken. Personenverkehrschef Homburg muss gehen; ihn beerbt Fernverkehrschef Berthold Huber, der dann zusätzlich für den Güterverkehr zuständig ist. Technikvorstand Heike Hanagarth, bislang die einzige Frau im Gremium, verlässt den Konzern. Den Posten des für Datenschutz, Recht und Konzernsicherheit zuständigen Gerd Becht soll der frühere CDU-Generalsekretär und Chef des Bundeskanzleramtes, Ronald Pofalla, erhalten.

          An dieser Personalie lässt sich eine mehrfache Zwickmühle ablesen, in der die Deutsche Bahn nach wie vor steckt. Die Aktiengesellschaft gehört dem Staat, sie steht unter der politischen Aufsicht des Eigentümers Bund. Trotzdem muss das Unternehmen wie ein privates handeln und soll ordentliche Gewinne erwirtschaften. In kaum einem anderen Konzern kreuzen sich so viele unterschiedliche Interessen wie bei der Deutschen Bahn. Mittendrin steht ein Bahnchef, der seinen 2017 auslaufenden Vertrag wohl gern noch einmal verlängern würde. Dass Grube aber noch der richtige Mann ist, muss er erst einmal zeigen.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

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