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Rückzug aus Amerika : Post streicht Tausende Stellen

Bald nicht mehr zu sehen: Ein DHL-Lieferwagen parkt neben einem Imbiss in New York Bild: AP

„Das Abenteuer in Amerika ist definitiv zu Ende“: Die Rezession zwingt die Deutsche Post auf Sparkurs. Auch in Deutschland sollen die Personalkosten sinken. Die geplante Übernahme der Luftfracht durch den Rivalen UPS steht auf der Kippe.

          Die Deutsche Post bereitet ein Sparprogramm vor, dem weltweit Tausende von Stellen zum Opfer fallen werden. Besonders betroffen sind die Vereinigten Staaten. Dort werden die meisten der rund 19.000 Mitarbeiter von DHL Express ihren Arbeitsplatz verlieren, weil die Post das inländische Zustellgeschäft in Amerika praktisch vollständig aufgibt. Weitere 20.000 Stellen sind bei Partnerunternehmen gefährdet.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Auch in Deutschland und in Europa stehen zahlreiche Arbeitsplätze zur Disposition. Vorstandschef Frank Appel will sowohl die Konzernzentrale als auch Verwaltungsfunktionen auf Ebene der einzelnen Geschäftsbereiche und in den regionalen Niederlassungen auf Einsparmöglichkeiten durchforsten lassen. Der Konzern steht weltweit unter Handlungsdruck. Die Konjunkturflaute schlägt immer stärker auf das Express- und Logistikgeschäft durch und zwingt die Post zum Gegensteuern. Mit einer „Gewinnwarnung“ hatte das Unternehmen die Anleger schon Ende Oktober auf schwierige Zeiten eingestimmt. Die Prognose für 2008 wurde um 17 Prozent zurückgenommen; mit rund 2,4 Milliarden Euro soll der Betriebsgewinn nun sogar 10 Prozent niedriger ausfallen als im Jahr zuvor. Die am Montag erwarteten vollständigen Zahlen zum dritten Quartal und die verschärften Sanierungspläne für das Expressgeschäft in Amerika bergen möglicherweise weitere böse Überraschungen.

          „Abenteuer in Amerika ist zu Ende“

          Die Sendungsmengen in den Vereinigten Staaten seien jedenfalls massiv eingebrochen, große Kunden liefen davon, hieß es. Befürchtet wird, dass die Verluste bis Jahresende noch höher ausfallen könnten als die zunächst für 2008 veranschlagten 1,3 Milliarden Dollar. Zudem drohen zusätzliche Belastungen für die Auflösung von Verträgen und andere Restrukturierungskosten die Kalkulation zu verhageln. Bisher waren dafür rund zwei Milliarden Euro angesetzt. Doch Appel plant nun eine Radikalkur, die weit über die Ende Mai vorgestellten Pläne hinausgeht, die bereits heftige Proteste hervorgerufen hatten. Deshalb hatte Appel die Sanierung zunächst auf Eis gelegt und die Präsidentenwahl abgewartet. „Das Abenteuer in Amerika ist definitiv zu Ende“, heißt es nun.

          Inzwischen gilt es sogar als fraglich, ob DHL Express tatsächlich den amerikanischen Rivalen UPS beauftragen wird, die Luftfracht in Amerika zu übernehmen. Die Verhandlungen darüber sollten ursprünglich schon bis Ende August abgeschlossen sein; ein Ende ist aber immer noch nicht in Sicht. Da die Zustellmengen immer schneller schrumpfen, müssten auf jeden Fall die mit UPS zuvor grundsätzlich vereinbarten Konditionen nachverhandelt werden. Möglicherweise kippt nun aber das gesamte Vertragswerk.

          Ersetzen neue Sortiermaschinen Mitarbeiter?

          Auch außerhalb der Vereinigten Staaten muss die Post auf die Konjunkturflaute reagieren. Angesichts der momentanen Marktlage sei zu prüfen, „wie wir gegebenenfalls die Kostenstrukturen noch stärker anpassen können“, hat Appel angekündigt. Die hohen Personalkosten wird er dabei nicht außer Acht lassen können. In Deutschland beschäftigt der Konzern rund 190.000 Mitarbeiter, weltweit sind es etwa 500.000. Zahlenmäßig unterlegte Programme soll es am Montag zwar noch nicht geben; dennoch werde die Botschaft eindeutig ausfallen, hieß es. Für die Gewerkschaft DPVKOM steht fest, dass die Post auch in Deutschland versuchen wird, „nochmals an der Personalkostenschraube zu drehen“.

          Erste Schritte hat der Konzern in der Informationstechnik eingeleitet. Durch die Zusammenlegung von bisher 11 zu zwei Standorten fallen etwa 150 von 1100 Arbeitsplätzen weg. Stellenstreichungen befürchtet die DPVKOM auch in den Briefverteilzentren: Dort könnten durch den Einsatz neuer Sortiermaschinen bis zu 800 Arbeitsplätze eingespart werden, eine Zahl, die ein Postsprecher nicht bestätigen wollte. Ebenso werde die Umwandlung von eigenbetriebenen Post-Filialen in Partnerfilialen des Einzelhandels zahlreiche Stellen kosten, weil es keine gleichwertigen Arbeitsplätze an anderer Stelle im Konzern gebe, meint die Gewerkschaft. Entlassungen sind im Briefgeschäft allerdings ausgeschlossen.

          Kündigungsschutz bis 2011

          Für die rund 130.000 Mitarbeiter gilt bis Mitte 2011 ein „Beschäftigungspakt“ mit Kündigungsschutz. Der Rationalisierungsdruck geht aber auch an ihnen nicht vorbei. Zeitstandards und Bemessungswerte in der Zustellung würden immer weiter nach unten angepasst; oftmals seien Mitarbeiter bis zur Überlastung gefordert, um die Zeitvorgaben zu erfüllen, kritisierte die DPVKOM.

          In manchen Städten und ländlichen Regionen mehren sich die Beschwerden über verspätete oder unzuverlässige Zustellungen von Briefen und Zeitungen. Ein Postsprecher sagte, es handele sich um Einzelfälle. Rund 95 Prozent aller Briefe erreichten ihren Empfänger am Tag nach der Einlieferung bei der Post. Damit liege man deutlich über der behördlichen Vorgabe, dass 80 Prozent der Sendungen innerhalb eines Tages zugestellt werden müssten.

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