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Zalando : 27 Kilometer zu Fuß unterwegs im Logistikzentrum

Im Laufschritt: Das Zalando-Logistikzentrum Brieselang im Sommer 2012 Bild: Lüdecke, Matthias

„Schrei vor Glück“ heißt das Motto von Zalando. Jetzt muss sich der Onlinehändler mit Vorwürfen auseinandersetzen, dass zumindest die Mitarbeiter alles andere als glücklich sind.

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          Es sind schwere Vorwürfe, die das RTL-Magazin „Extra“ gegen den Onlineversender Zalando erhebt. „Bespitzelung, Gängelung und gleich reihenweise Verstöße gegen das Arbeitsrecht“ wirft der TV-Sender dem Unternehmen vor, nachdem eine Reporterin drei Monate lang inkognito im Zalando-Logistikzentrum in Erfurt gearbeitet hat. Begleitet vom Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff, so RTL, habe die 21 Jahre alte Caro Lobig „erschreckende Missstände“ aufgedeckt und sei selbst physisch an ihre Grenzen gekommen.

          Martin Gropp
          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Lobig lernte, dass ein sogenannter Picker – ein Mitarbeiter, der die Bestellungen aus dem Regal „pickt“ – an diesem Standort 15 bis 20 Kilometer pro Tag unterwegs ist. In der Spitze seien es bis zu 27 Kilometer. „Es vergeht kaum ein Tag, an dem dort kein Rettungswagen gerufen wird“, lautet ein Fazit. Die „Extra“-Reporterin erlitt den Angaben zufolge irgendwann einen Kreislaufzusammenbruch. „Auf medizinische Versorgung wurde in ihrem Fall jedoch verzichtet und stattdessen eine Verzichtserklärung präsentiert“, erregt sich RTL.

          Was der Zuschauer aus der Boulevardmagazin-Sendung, die am vergangenen Montag ausgestrahlt wurde, mitnimmt, ist klar: In einem Unternehmen, das seine Mitarbeiter unter solch enormen Leistungsdruck setzt und das sogar 500 Euro Belohnung für Kollegen-„Verpetzer“ zahlt, sollte man besser nicht einkaufen. Im Internet tobte der traditionelle Shit-storm: „Nach dem Bericht schrei’ ich nicht mehr vor Glück, sondern ich kotz’ gleich“, gab Twitter-Nutzerin Nina Schneider zu Protokoll. Und der Firmenname Zalando wurde zu „Sklavando“ umgebastelt.

          Erinnerungen an Amazon

          Hier werden Erinnerungen an Amazon wach. Über den größten Onlinehändler der Welt lief 2013 eine ARD-Reportage, die unter anderem die Zustände in einem Arbeiterquartier nahe des Amazon-Logistikzentrums in Bad Hersfeld schilderte. Dabei ging es zwar in erster Linie um die Verfehlungen eines privaten Sicherheitsdienstes – doch Begriffe wie „moderner Sklavenhandel“, die in der Sendung benutzt wurden, blieben letztlich am Unternehmen Amazon hängen. Insofern dürfte den Zalando-Verantwortlichen klar gewesen sein, dass eine rasche Reaktion vonnöten war.

          Eine erste fiel noch emotional aus: „Das sind wirklich krasse Lügen“, twitterte Pressesprecher Boris Radke. Dann folgte Krisenkommunikation. Mit dem Hinweis, dass man keineswegs verschwiegen, sondern im Gegenteil hochtransparent sei. „2013 haben uns sechs TV-Teams und mehr als ein Dutzend Print- und Radioredakteure in unseren Logistikzentren besucht, um sich einen Eindruck von den Abläufen und der Arbeit vor Ort zu verschaffen.“ Und die haben nichts Verwerfliches gefunden, dürfte der Subtext dieser Aussage gewesen sein.

          Auch diese Zeitung war bei Zalando zu Gast, bereits im Sommer 2012. Der Eindruck im Warenlager in Brieselang bei Berlin: Hier geht es zu wie in anderen Logistikunternehmen auch. Sicherheitskontrollen am Lagereingang, durch die Regalreihen eilende Warensammler und Packer, die im Stehen die Pakete versandfertig machen. Mit Scannern in der Hand, um die ein- und ausgehende Ware zu registrieren, schieben Mitarbeiter mannshohe Metallkörbe auf Rädern durch die Halle. Andere sortieren neu eingetroffene Schuhkartons in Regale oder sammeln Bestellungen zusammen. An den Packtischen trägt mancher Mitarbeiter schwarze Schutzhandschuhe, um sich an den scharfkantigen Kartons nicht zu verletzen. Am Ende von langen Lieferbändern befüllen andere Lieferwagen von DHL mit den fertigen Zalando-Paketen.

          Zalando: „Ein guter und verantwortungsvoller Arbeitgeber“

          Es ist das gängige Bild, das wohl die ganze Branche der Versandhändler bietet. Auch im Amazon-Lager in Bad Hersfeld steht Wachpersonal an den Zugängen zur Lagerhalle, auch hier gibt es die Unterscheidung in Receiver, Picker, Packer – in Mitarbeiter also, die neue Ware einsortieren, Bestellungen zusammenstellen oder Pakete bereit machen für die Auslieferung. Beim Aschaffenburger Onlineversender Redcoon, der zum Metro-Konzern gehört und der hauptsächlich mit Elektronik handelt, stehen am Halleneingang Metalldetektoren.

          Was RTL und Caro Lobig nun am Standort Erfurt scharf kritisieren, können die Zalando-Verantwortlichen gar nicht nachvollziehen. „Dieser Bericht hat uns sehr erschüttert“, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme. „Unser Ziel und Anspruch ist es, ein guter und verantwortungsvoller Arbeitgeber zu sein.“ Damit sei man auf guten Weg, und das bestätigten auch die Mitarbeiter vor Ort. Der Internethändler verweist auf eine vertrauliche Mitarbeiterumfrage durch ein externes Meinungsforschungsinstitut vom vergangenen Oktober. Hier hätten die mehr als 1000 Teilnehmer alleine am Standort Erfurt ein positives Arbeitsklima bestätigt. 88 Prozent macht ihre Tätigkeit demnach Spaß, 84 Prozent planten, langfristig bei Zalando zu bleiben und 80 Prozent seien stolz, bei Zalando zu arbeiten.

          Zu einem Punkt äußerte sich der für den Bereich Operations zuständige Geschäftsführer David Schröder besonders ausführlich. Im „Extra“-Bericht war die Rede von einem Todesfall als direkter Folge von Überarbeitung. „Tatsache ist, dass es bis zum heutigen Tag keinen einzigen Todesfall in unserem Logistikzentrum in Erfurt gab“, betonte Schröder. „Aufgrund des unerwarteten häuslichen Todesfalls eines unserer Mitarbeiter haben wir selbstverständlich Anteil genommen, mit allen Kollegen eine Schweigeminute eingelegt und im Namen der Kollegen einen Kranz bei der Beerdigung niedergelegt.“

          Zalando beließ es nicht nur bei einer verbalen Reaktion auf RTL. Auch juristisch keilt der Modehändler zurück. Nach den verdeckten Recherchen nahm die Erfurter Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen des Verdachts auf Verrat von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen gegen die Reporterin auf – nach einer entsprechenden Anzeige des Unternehmens. Ein RTL-Sprecher sagte, juristischen Schritten sehe sein Sender gelassen entgegen. Und drohte, am Ball bleiben zu wollen: „Unsere Reporter werden weiter verfolgen, ob die von Zalando angekündigten Überprüfungen zu Veränderungen geführt haben.“ Dem vor sechs Jahren gegründeten Unternehmen mit inzwischen 1,8 Milliarden Euro Jahresumsatz stehen also weiterhin stürmische Zeiten bevor.

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