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Roter Thunfisch : Das große Fischen

Ein kostbares Gut: Am Hafen des südfranzösischen Sète wird Thunfisch teuer verkauft Bild: F.A.Z./Julia Zimmermann

Sushi ist in der ganzen Welt beliebt. Daher gehen die Bestände des roten Thunfischs gefährlich zur Neige. So treffen die Fischerflotten im Mittelmeer auf schrumpfende Ressourcen - und neuerdings auf einen ausgeklügelten Überwachungsstaat.

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          Er durchquert die Weltmeere wie andere Fische einen Binnensee. Fast 80 Stundenkilometer ist er schnell. Oft schwimmt er nahe der Oberfläche, gelegentlich springt er über sie hinaus oder taucht bis zu tausend Meter in die Tiefe. Mancher von ihnen wird 40 Jahre alt, wiegt 600 Kilo und ist vier Meter lang. Das Kraftpaket frisst Unmengen kleiner Fische. Sein Fleisch ist in Japan eine Delikatesse. Durch den internationalen Erfolg der Sushi-Bars begehren ihn heute auch Gastronomen in aller Welt.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Der Blauflossen-Thunfisch ist in jeder Hinsicht ein außergewöhnliches Meerestier. Auf dem Fischmarkt in Tokio kauften zwei Sushi-Bar-Eigner im Januar ein 128 Kilogramm schweres Exemplar für 100.000 Dollar. Das ist zwar kein repräsentativer Preis, denn die traditionellen Auktionen zu Jahresbeginn ziehen besonders motivierte Bieter an. Doch 20.000 Dollar für einen Fisch sind nicht selten. Kein Wunder, dass hochmoderne Fischerboote mit Radar, Ultraschall und Echolot hinter ihm her sind. Vor einigen Jahren setzten sie auch Flugzeuge ein, das aber ist heute verboten. Die Fischer umzingeln die Schwärme mit kilometerlangen Netzen und ziehen sie von unten zu. Mit jedem Fangzug verengen sie jedoch auch ihr Geschäft. Denn der Thunfisch ist vom Aussterben bedroht, sagen Wissenschaftler und haben zusammen mit Umweltschutzverbänden wie dem World Wide Fund for Nature (WWF) bei den Regierungen eine Einschränkung der Fangzüge durchgesetzt.

          „Es tut mir weh, das Schiff für zehn Monate im Jahr einzumotten“

          Es ist Mitte Juni im südfranzösischen Küstenstädtchen Sète, und für Fabrice Marin beginnt schon „der Winterschlaf“, wie er sagt. Blaue und weiße Tücher hat er über die vielen Bildschirme und elektronischen Schaltpulte im Kontrollraum seines Schiffs gelegt. Das Boot ist gereinigt, die Netze sind verstaut. Mitte April durfte er in See stechen, zwei Monate später musste er die Arbeit wieder einstellen. „Es tut mir weh, das Schiff für zehn Monate im Jahr einzumotten“, sagt Marin. Sein Boot liegt im Hafen von Sète wenige Schritte entfernt von der Niederlassung der Bank Crédit Maritime. Marin zeigt mit ungutem Gefühl zu dem Gebäude auf der anderen Straßenseite, denn die Finanzleute sitzen ihm im Nacken. „Im letzten Jahr hatten wir extrem schlechtes Wetter, und ich fing nur zehn Tonnen anstatt der quotenmäßig erlaubten 120 Tonnen.“ Daher hat er den Kredit für sein 4 Millionen Euro teures Schiff nicht bedient. In diesem Jahr lief es besser, und Marin erbeutete 90 Tonnen. „Doch damit mache ich immer noch Verlust. Ich brauche 120 oder besser 200 Tonnen. Wenn ich 2003 gewusst hätte, welche Grenzen die uns setzen, hätte ich das Boot nicht gekauft.“

          Am Hafen von Sète ist nur Fischern der Zugang zum Kai erlaubt

          Das Mittelmeer ist der größte Jagdgrund der Thunfisch-Fänger, und die Franzosen stellen die modernsten Schiffe unter den Anrainerstaaten, auch wenn in diesem Jahr nur 28 in See stachen. Daher beanspruchen sie auch die höchsten Fangquoten. Das Hafenstädtchen Sète in der Nähe von Montpellier ist ihr Zentrum, und es ist die Heimat des 37 Jahre alten Marin. Der Franzose hielt lange Zeit nicht viel vom Beruf seines Vaters und Großvaters - im Gegensatz zu seinem zwei Jahre jüngeren Bruder. Der starb jedoch mit 17 bei einem Motorradunfall. Seither fährt Fabrice Jahr für Jahr hinaus, bis heute begleitet von seinem Vater. 2003 wagte er einen Quantensprung, indem er sein Holzboot durch ein 38 Meter langes Schiff, vollgestopft mit Elektronik, ersetzte. Er taufte es nach seinem verstorbenen Bruder „Eric Marin“. „Früher sind wir dreimal im Jahr für längere Fangzüge ausgelaufen“, berichtet er.

          Die Franzosen müssen bis nach Ägypten zum Fischen fahren

          Da gab es noch viele Thunfische, und da beherrschten die Japaner noch nicht die Nachfrage. Der größte Thunfisch-Importeur der Welt ist heute der Mitsubishi-Konzern. Er und die anderen Käufer aus Nippon bevorzugen die Ware lebend. Daher bringen die französischen Fischer ihre Beute nicht mehr an Bord und lagern sie dort in Kühlfächern, sondern sie übergeben die in ihren Netzen tollenden Schwärme auf hoher See an die sogenannten „mareyeurs“. Dies sind Fischhändler, die große Fischfarmen nahe der Mittelmeerküsten betreiben. Ihre Schiffe schleppen riesige Netze, die an der Wasseroberfläche an einen festen Ring gebunden sind und an Swimmingpools erinnern. In der Fangzone werden die Netze der Käufer und Verkäufer verknüpft, so dass die Thunfische von einem zum anderen schwimmen. Dann schleppen die Fischhändler ihren Kauf zurück zu ihren Farmen und päppeln ihn mit Sardinen, Anchovis und Tintenfisch so lange zu fetten Meerestieren auf, bis sich in Japan Abnehmer finden.

          Der Dichter und Chansonnier George Brassens, der 1921 in Sète geboren ist, besang einst ein kleines Fischerboot, das aufs weite Meer hinauszog und dann ein Opfer der Wellen wurde. Die Thunfisch-Kutter von Sète sind heute hochseefest. Doch auch sie legen während der erlaubten Fangperiode weite Wege zurück, denn vor der französischen Küste sind die begehrten großen Tiere verschwunden. Bis zu den Balearen, nach Ägypten, Zypern und nach Libyen fahren sie. Vor allem an den Exkursionen in libysche Gewässer scheidet sich unter den Fischern die Spreu vom Weizen.

          In Lybien darf nur unter Landesflagge gefischt werden

          „Es hat sich eine Zweiklassengesellschaft gebildet - jene, die bis Libyen fahren, und die anderen“, sagt Jean-Pierre Lacan, ein auf Fischerei spezialisierter Journalist bei der Regionalzeitung „Midi Libre“. Nicht alle Fischer können in weite Reisen investieren. Ihnen fehlen die politischen Beziehungen zur libyschen Regierung. Wer dort fischen will, muss sein Schiff unter libysche Flagge stellen, wozu nur die Besitzer von Schiffsflotten in der Lage sind. Als Meister dieser Industriefischerei gilt der Franzose Jean-Marie Avallone, der in drei Jahrzehnten ein kleines Imperium aus Booten und dem Fischverarbeitungsbetrieb Midipêche aufgebaut hat. Rund 140 Leute beschäftigt er; mit seinen acht Thunfisch-Booten kommt er in diesem Jahr wohl auf einen Umsatz von rund 40 Millionen Euro.

          Dies sagt jedenfalls Joseph Salou, ein ehemaliger Marineoffizier, der heute als Manager für Avallone arbeitet. Einige Fischerkollegen reden abfällig über Avallone, weil sie ihm vorwerfen, die Kleinen aufkaufen zu wollen. Obskure Finanztransaktionen halten sie ihm vor, durch die er seine Interessen durchgesetzt haben soll. Avallones eindrucksvolle Villa am Ortsrand von Sète vermittelt in der Tat ein Bild des Wohlstands. Im Süden Frankreichs ruft dies häufig auch Neid hervor. Der 71 Jahre alte Avallone spricht nicht zur Presse, er findet aber einige Fürsprecher, die ihn als erfolgreichen und redlichen Unternehmer beschreiben. „Sein Professionalismus verdient Anerkennung“, sagt Joseph Salou. „Er hat viel für den Berufsstand getan.“

          „Wir sind keine Kriminellen. Wir wollen nur unseren Beruf ausüben“

          Die Thunfisch-Fischer konnte Avallone jedoch nicht hinter sich vereinen. Es gibt zwei Gewerkschaften, die sich mehr bekriegen als beschützen. Mourad Kahoul aus Marseille ist der Gewerkschaftschef der kleineren Fischer. Er gilt als Hitzkopf, der es gelegentlich an Weitsicht fehlen lässt. „Zu den Leuten aus dem Norden gebe ich keinen Kommentar ab“, sagt er über die Konkurrenz-Gewerkschaft aus Sète, die eine Verbindung zu Fischern in der Bretagne hat. 2006 trommelte Kahoul etliche Fischer zusammen, um vor dem Hafen von Marseille ein Greenpeace-Schiff an der Einfahrt zu hindern.

          Dies war ein großes Eigentor, denn Greenpeace nutzte die Aktion für eine Informationskampagne gegen die Ausbeutung des Mittelmeeres und brandmarkte jene, die vom Fischfang leben. Viele wollen heute gar nicht mehr mit der Presse reden. „Die Leute zeigen schon auf der Straße mit dem Finger auf uns“, sagt einer. „Doch wir sind keine Kriminellen. Wir wollen nur unseren Beruf ausüben.“ Das aber ist nicht einfach. Denn die Preise fallen. Nachdem ein Kilogramm Thunfisch im vergangenen Jahr noch 8 Euro eingebracht hat, sind es jetzt etwa 5 Euro. Japans volle Lager verstärken den Preisrückgang. Zusätzlich fühlen sich die Fischer in ein enges Korsett aus Vorschriften und Auflagen gepresst. In diesem Jahr war erstmals eine Militärfregatte der Franzosen im Mittelmeer unterwegs, um sie zu kontrollieren. Flugzeuge überflogen die Fangzonen. Jedes Auslegen der Netze brauchte eine Genehmigung und musste detailliert nach seinen Fangergebnissen dokumentiert werden. Thunfische unter 30 Kilogramm sind tabu.

          Der Preis für jahrelange Überfischung ist hoch

          Die nun plötzlich über die Fischer hereinbrechende Überwachung ist der Preis, den sie für die jahrelange Überfischung zahlen. Die Kontrollen zeigen langsam Wirkung: Die meisten Experten glauben, dass die Franzosen die Fangobergrenzen 2009 weitgehend respektiert haben. Das war schon im Vorjahr der Fall, nicht aber 2007, als sie etwa das Doppelte des Erlaubten herausholten. „Es gab in diesem Jahr eine deutlich bessere Überwachung der Flotten aus den EU-Ländern“, sagt François Chartier, Fischereiexperte von Greenpeace in Paris. „Die Quotenüberschreitungen waren wohl weniger schlimm als in den Vorjahren.“ Doch die Türkei hat eine große Flotte von mehr als hundert Thunfisch-Fängern, die immer moderner werden. Auch Länder wie Kroatien rüsten auf. „Hinzu kommt, dass in libyschen Gewässern jede Transparenz fehlt“, sagte Greenpeace-Experte Chartier. Bei anderen nordafrikanischen Ländern wie Tunesien sieht die Lage nicht viel besser aus. Innerhalb der EU werden die Italiener kritisch beäugt, weil sie ihren zahlreichen Booten in diesem Jahr quasi mit der Gießkanne so geringe Quoten zuteilten, dass eine Überschreitung aus wirtschaftlichen Gründen fast schon zwangsläufig erschien.

          Wie so oft in der Fischereipolitik schiebt man sich den Schwarzen Peter gegenseitig zu. Die Europäische Kommission hat die Mitgliedstaaten inzwischen zu einem grundsätzlichen Überdenken der Fischereipolitik eingeladen, denn die jährliche Quotensetzung ist angesichts der allgemein schwindenden Fischbestände weitgehend gescheitert. Das Bundesumweltministerium setzt sich für ein Handelsverbot ein. Viele Wissenschaftler fordern für Arten wie den Thunfisch ein paar Jahre völligen Fangstopp. Schon für dieses Jahr hatten sie eine Obergrenze im Mittelmeer von 15.000 Tonnen Thunfisch verlangt, doch die Regierungen einigten sich nur auf 22.000 Tonnen. Die wirtschaftlichen Interessen setzen sich weiter gegen die Ökologie durch. Das liegt auch daran, dass die EU bis 2002 durch eine verfehlte Subventionspolitik immer modernere und produktivere Flotten förderte. Durch Hilfen von der EU, den Nationalstaaten und den Regionen wurde der Kauf von modernen Schiffen lange Zeit mit bis zu einem Drittel der Kosten öffentlich bezuschusst. Die Eigentümer der so geschaffenen Überkapazitäten drängen jetzt auf Auslastung.

          Klein, aber Fein fischen wäre effektiver und schonender

          Besser wäre es dagegen, wenn mehr kleinere Schiffe flexibler je nach Verfügbarkeit verschiedene Arten jagen könnte „Eine Struktur mit Fischern in der Größe von Handwerksbetrieben, deren kleinere Boote weniger Sprit brauchen und nicht nur den roten Thunfisch ins Visier nähmen, könnte auch besser die lokalen Märkte beliefern“, meint der Meeresbiologe Jean-Marc Fromentin vom staatlichen französischen Institut für die Meeresausbeutung (Ifremer) in Sète. In einem grauen Zweckbau nahe dem Strand blickt er auf einen Computerschirm, der auf einer Karte eine rote Linie quer über das Mittelmeer zeigt. „Wir zeichnen den Weg eines Thunfischs nach, an dem wir ein elektronisches Messgerät befestigt haben“, erklärt Fromentin. Außerdem unternehmen die Forscher neuerdings Überflüge mit Flugzeugen, um nach den Beständen Ausschau zu halten. Diese sollen die bisher vorgenommenen Modellberechnungen ergänzen. Völlige Gewissheit über die Größe der Thunfisch-Bestände besteht nämlich nicht. Die Fischer glauben, dass sich die Wissenschaftler täuschen - André Fortassier beispielsweise, der Fromentin spontan in seinem Büro aufgesucht hat. „Der Bestand befindet sich in einem guten Zustand“, behauptet er. Der Wissenschaftler Fromentin beharrt auf dem „Konsens, den alle meine Kollegen teilen: Es gibt keinen Zweifel, dass überfischt wird und die sich reproduzierenden Bestände abnehmen. Die Frage ist, in welcher Geschwindigkeit.“

          Ob schneller oder langsamer - über der Zukunft der Thunfisch-Fänger von Sète und anderswo sind dunkle Wolken aufgezogen. Der 20 Jahre alte Gregory Lauret, der von der Insel La Réunion im Indischen Ozean kommt, absolviert gerade eine Ausbildung für diesen Beruf. „Ich würde einmal gerne östlich von Madagaskar Thunfische fischen“, sagt er. Doch seiner jetzigen Ausbildung schließt er vorsichtshalber eine Lehrzeit für die Handelsmarine an. Fabrice Marin indes überlegt, ob er sein Schiff an eine Ölgesellschaft vermieten kann. Das bisher von der EU und den nationalen Regierungen angebotene Ausstiegsprogramm dagegen sei nicht attraktiv genug. Marin bekäme rund eine Million Euro, wenn er sein Schiff verschrottete, bliebe aber auf einem Millionenkredit sitzen. „Ich möchte einfach, dass mir am Ende ein bisschen was bleibt. Vielleicht würde ich dann ein Restaurant aufmachen“, sagt er und zuckt resigniert mit den Schultern.

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