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Roter Thunfisch : Das große Fischen

Wie so oft in der Fischereipolitik schiebt man sich den Schwarzen Peter gegenseitig zu. Die Europäische Kommission hat die Mitgliedstaaten inzwischen zu einem grundsätzlichen Überdenken der Fischereipolitik eingeladen, denn die jährliche Quotensetzung ist angesichts der allgemein schwindenden Fischbestände weitgehend gescheitert. Das Bundesumweltministerium setzt sich für ein Handelsverbot ein. Viele Wissenschaftler fordern für Arten wie den Thunfisch ein paar Jahre völligen Fangstopp. Schon für dieses Jahr hatten sie eine Obergrenze im Mittelmeer von 15.000 Tonnen Thunfisch verlangt, doch die Regierungen einigten sich nur auf 22.000 Tonnen. Die wirtschaftlichen Interessen setzen sich weiter gegen die Ökologie durch. Das liegt auch daran, dass die EU bis 2002 durch eine verfehlte Subventionspolitik immer modernere und produktivere Flotten förderte. Durch Hilfen von der EU, den Nationalstaaten und den Regionen wurde der Kauf von modernen Schiffen lange Zeit mit bis zu einem Drittel der Kosten öffentlich bezuschusst. Die Eigentümer der so geschaffenen Überkapazitäten drängen jetzt auf Auslastung.

Klein, aber Fein fischen wäre effektiver und schonender

Besser wäre es dagegen, wenn mehr kleinere Schiffe flexibler je nach Verfügbarkeit verschiedene Arten jagen könnte „Eine Struktur mit Fischern in der Größe von Handwerksbetrieben, deren kleinere Boote weniger Sprit brauchen und nicht nur den roten Thunfisch ins Visier nähmen, könnte auch besser die lokalen Märkte beliefern“, meint der Meeresbiologe Jean-Marc Fromentin vom staatlichen französischen Institut für die Meeresausbeutung (Ifremer) in Sète. In einem grauen Zweckbau nahe dem Strand blickt er auf einen Computerschirm, der auf einer Karte eine rote Linie quer über das Mittelmeer zeigt. „Wir zeichnen den Weg eines Thunfischs nach, an dem wir ein elektronisches Messgerät befestigt haben“, erklärt Fromentin. Außerdem unternehmen die Forscher neuerdings Überflüge mit Flugzeugen, um nach den Beständen Ausschau zu halten. Diese sollen die bisher vorgenommenen Modellberechnungen ergänzen. Völlige Gewissheit über die Größe der Thunfisch-Bestände besteht nämlich nicht. Die Fischer glauben, dass sich die Wissenschaftler täuschen - André Fortassier beispielsweise, der Fromentin spontan in seinem Büro aufgesucht hat. „Der Bestand befindet sich in einem guten Zustand“, behauptet er. Der Wissenschaftler Fromentin beharrt auf dem „Konsens, den alle meine Kollegen teilen: Es gibt keinen Zweifel, dass überfischt wird und die sich reproduzierenden Bestände abnehmen. Die Frage ist, in welcher Geschwindigkeit.“

Ob schneller oder langsamer - über der Zukunft der Thunfisch-Fänger von Sète und anderswo sind dunkle Wolken aufgezogen. Der 20 Jahre alte Gregory Lauret, der von der Insel La Réunion im Indischen Ozean kommt, absolviert gerade eine Ausbildung für diesen Beruf. „Ich würde einmal gerne östlich von Madagaskar Thunfische fischen“, sagt er. Doch seiner jetzigen Ausbildung schließt er vorsichtshalber eine Lehrzeit für die Handelsmarine an. Fabrice Marin indes überlegt, ob er sein Schiff an eine Ölgesellschaft vermieten kann. Das bisher von der EU und den nationalen Regierungen angebotene Ausstiegsprogramm dagegen sei nicht attraktiv genug. Marin bekäme rund eine Million Euro, wenn er sein Schiff verschrottete, bliebe aber auf einem Millionenkredit sitzen. „Ich möchte einfach, dass mir am Ende ein bisschen was bleibt. Vielleicht würde ich dann ein Restaurant aufmachen“, sagt er und zuckt resigniert mit den Schultern.

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