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Ronald Pofalla im Portrait : Der Kronprinz

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Der ehemalige CDU-Politiker Ronald Pofalla will ganz an die Spitze der Deutschen Bahn. Bild: dpa

Ronald Pofalla will Chef der Deutschen Bahn sein. Dafür tut der frühere CDU-Politiker alles. Der Abgang von Rüdiger Grube ist seine Chance – oder das Ende eines großen Traums.

          Rüdiger Grube ist ein kleiner Mann, und damit ihn jeder sehen kann, steht er an diesem Abend Mitte Januar auf einem Podest. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn hat zum Neujahrsempfang in Berlin geladen, er will erzählen, wie modern der Staatskonzern unter ihm geworden ist. Grube trägt keine Krawatte, die gilt inzwischen selbst unter älteren Managern als altmodisch. Auch der Ort passt zur Botschaft.

          Die „DB Mindbox“ am S-Bahnhof Jannowitzbrücke ist der "Accelerator" der Bahn. Unter dem roten Backsteingewölbe arbeiten Start-ups an Geschäftsideen, die mit Mobilität und Infrastruktur zu tun haben. Grube könnte der Großvater der meisten Gründer hier sein. Jetzt verkündet der 65-Jährige, dass nicht nur die Bahn an der Spitze des Fortschritts stehe, sondern er selbst als eine Art silberhaariger Captain Future voransaust. „Was mich betrifft, werde ich neben dem Bereich Digitalisierung auch die Federführung von ,Zukunft Bahn' übernehmen“, liest er vom Blatt ab. Das Motto „Zukunft Bahn“ meint alle Maßnahmen, die den Service verbessern, vor allem die Pünktlichkeit.

          Ganz hinten in der Mindbox lauscht Ronald Pofalla den Worten seines Chefs. Der 57-Jährige lässt ein halbvolles Rotweinglas vor seinem Bäuchlein von einer Hand in die andere wandern und verzieht keine Miene, auch nicht, als sein Name fällt. Der frühere CDU-Politiker und bisherige Vorstand für Wirtschaft, Recht und Regulierung leitet seit Jahresbeginn das Ressort Infrastruktur mit knapp 80.000 Mitarbeitern. Das ist, für alle Nicht-Eisenbahner, das Herz des Konzerns. Hier entscheidet sich, ob die Bahn ihren Daseinszweck erfüllen kann, Menschen pünktlich von A nach B zu bringen. Bei jährlich etwa 130 Millionen Fahrten im Fernverkehr bewegt das nicht nur Captain Grube, sondern die halbe Republik.

          Drei denkbare Szenarien nach Grubes Abgang

          Ronald Pofalla bewegt die Frage auch. Der Mann, der an diesem Abend in der letzten Reihe steht, will den Mann auf dem Podest beerben. Das sagt er nicht offen, aber das sagen alle, die ihn kennen. Es wäre eine spektakuläre zweite Karriere. Pofalla war von 2005 bis 2009 Generalsekretär der CDU und danach bis 2013 Kanzleramtschef. 24 Jahre lang saß er für den nordrhein-westfälischen Wahlkreis Kleve im Bundestag. Ein halbes Leben für die Politik. Und nun das. Kann so ein Mann den Riesenkonzern Bahn mit seinen 300.000 Mitarbeitern lenken? Es gibt Leute, die sagen: absolut. Andere sagen: um Gottes Willen, bloß nicht!

          Der Kronprinz selbst stand für ein Gespräch nicht zur Verfügung, weder an diesem Abend noch danach. Die Vorsicht ist nachvollziehbar. Eigentlich sollte der Aufsichtsrat Grubes Vertrag an diesem Montag bis Ende 2020 verlängern – und Pofalla in der Zeit für den Spitzenposten vorbereitet werden. Doch dann kam alles anders: Der Aufsichtsrat wollte Grube dem Vernehmen nach nur bis 2019 beschäftigen. Vor allem die Unternehmerseite soll mit seiner Leistung unzufrieden gewesen sein. Daraufhin trat Grube noch am Montag im Streit zurück. Bis ein Nachfolger gefunden ist, führt Finanzvorstand Richard Lutz den Konzern.

          Kanzlerin Angela Merkel (links) galt als wichtigste Beraterin des CDU-Politikers.

          Damit hatte keiner gerechnet. Auch Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) nannte Grubes Abgang eine „so nicht zu erwartende Wendung“. Was das Machtvakuum für Pofalla bedeutet, will derzeit niemand kommentieren. Drei Szenarien sind denkbar. Entweder entscheidet sich der Aufsichtsrat für einen Übergangskandidaten, der dann in ein paar Jahren Platz macht – aber wer tut sich so etwas an? Oder er findet auf die Schnelle einen echten Ersatz von außen.

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