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Unternehmerin Roeckl : „Handschuhe haben etwas Magisches“

Annette Roeckl Bild: Jan Roeder

Für Annette Roeckl ist es ein Spiel aus Verhüllen und Zeigen, wenn sie ihre Hände mit Leder bedeckt. Sie glaubt, dass das modische Detail ein „Revival“ erlebt.

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          Es kommt einem Wunder gleich, dass Annette Roeckl locker und leger erscheint, nicht mit Handschuhen, Hut, Seidentuch und Handtasche. Denn darum dreht sich bei ihr – fast – alles. Sie ist in ihrer Begeisterung nicht zu bremsen, wenn sie über ein modisches „Detail“ spricht, dessen Wertschätzung nicht hoch genug einzustufen sei. 28 Jahre im Geschäft, und noch immer packt sie die Faszination. „Der Handschuh hat etwas Magisches“, sagt Roeckl. „Es ist ein Spiel aus Verhüllen und Zeigen.“ Sie rückt so ein Kleidungsstück, das eigentlich nur ein Detail sein kann, in das Zentrum modischer Erscheinungen. „Wir setzen Akzente; Handschuhe werden als letztes Kleidungsstück angezogen, aber sie fallen als erstes auf.“

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Und so ist seit Jahren „Verona“ der Klassiker und Verkaufsschlager unter den nach Städten benannten Damen-Lederhandschuhen von Roeckl. Die Empathie von Annette Roeckl kann selbst Handschuhmuffel in den Bann ziehen. Männer, sagt die Alleingeschäftsführerin der Roeckl Handschuhe & Accessoires, interessierten sich mehr und mehr für die Handbekleidung – und wenn es die Cabrio- oder Oldtimerfahrer sind, die stilgerecht ihre mit Leder bedeckten Hände auffällig auf das Lenkrad legen, oder Biker, die ihre Hände damit schützen. „Der Handschuh erlebt ein Revival“, sagt sie und nennt die Luxusmodehäuser Dior und Chanel, die ein wichtiges Mode-Detail für sich entdeckt haben.

          „Gerade in Krisenzeiten legen die Menschen Wert auf diese Beständigkeit“

          „Der Handschuh ist ein stilbildendes Element und damit ein modisches Statement.“ Heute, in Zeiten der Digitalisierung, fehlender Entschleunigung, der Nüchternheit oder einer hippen, wenn nicht gar verrückten Modekultur, ist das umso wichtiger. Für Roeckl ist die Handverkleidung aus Leder oder Wolle alles andere als ein altmodisches Accessoire, das über Jahrhunderte dem Klerus und der Dame als Status- und Standeszeichen vorbehalten war, um sich vom gemeinen Volk zu distanzieren. Geschichte ist auch, dass die 1839 gegründete Münchner Traditionsfirma „Königlich bayerischer Hoflieferant“ zu Zeiten des „Kini“ König Ludwig II war; oder von „Sissi“, der österreichischen Kaiserin Elisabeth.

          In der Gegenwart beobachtet die Eigentümerin gar wachsendes Interesse in einer ungewöhnlich anmutenden Klientel. „Für jüngere Zielgruppen wie die Generation Z geht der Trend schließlich zu Beständigkeit und langlebigen Accessoires.“ Dafür stünden die Roeckl-Produkte. „Gerade in Krisenzeiten legen die Menschen Wert auf diese Beständigkeit.“ Die Eigentümerin ist von einer zunehmenden Popularität ihrer Produkte überzeugt.

          Als Manufaktur – die Handschuhe werden in eigenen Fabriken in Rumänien aufwendig handgefertigt – wie auch als europäischer Marktführer strahlt das Unternehmen seine Markenkraft aus. Allein vier von insgesamt 15 selbst betriebenen Geschäften befinden sich im Zentrum von München in einem Umkreis von nur 500 Metern. Sie tragen sich, sagt Roeckl; von Kannibalisierung könne keine Rede sein. Jedes hat seinen eigenen Charakter, Schwerpunkt und Käuferstamm. „Unsere Kunden sind standorttreu“, sagt sie. „Sie wissen, wo sie uns finden.“

          Heute, in Corona-Zeiten, kommt das allerdings seltener vor. „Wir kämpfen jeden Tag mit der mangelnden Käuferfrequenz und der ständigen Verunsicherung der Kunden.“ Touristen aus dem In- und Ausland oder ältere Menschen als wichtige Käufergruppe bleiben genauso weg wie junge Leute, die „keinen Bock“ auf Masken haben und daher die Innenstadt meiden. Umsatzrückgänge von 30 Prozent muss sie hinnehmen. Dabei hat Roeckl in den ersten Wochen sogar von der Pandemie profitiert. Der Handschuh bekam auf einmal eine Schutzfunktion, wenn auch nicht im medizinischen Sinne. Aber er sei ein probates Mittel, das Übertragungsrisiko von Viren deutlich zu vermindern; zumal er sich besser und eleganter tragen lasse als hässliche Latex-Einweghandschuhe. Das haben viele erkannt. Handschuhe waren ausverkauft, sie wurden im Online-Portal bestellt. Tücher jedoch waren wegen der Maskenpflicht Ladenhüter.

          Die Corona-Folgen rufen eine nicht lange zurückliegende Vergangenheit in Erinnerung, die für Annette Roeckl abgehakt schien und das Jahr 2019 doch eigentlich neuen, andauernden Elan versprochen hatte. Das Unternehmen musste schon einmal leidvoll erleben, wie labil das Geschäft sein kann. Überangebot, das Vordringen von Textilketten wie Hennes & Mauritz oder Zara, ja sogar von Aldi oder Lidl lösten einen enormen Preisdruck aus. Drei warme Winter in Folge und damit drei verpatzte Hauptverkaufssaisons waren dann zu viel: Im Frühjahr 2017 meldete Roeckl Insolvenz in Eigenverwaltung an. Dabei gab es keine Verbindung zum gleichnamigen Unternehmen Roeckl Sporthandschuhe, das den sportlichen Bereich abdeckt und von Christian Roeckl geführt wird, dem Vetter von Annette Roeckl. Beide gingen 2003 aus einer Teilung der Roeckl-Gruppe hervor, als Annette Roeckl die Führung übernahm.

          Der Gedanke klassische Damenschuhe ins Sortiment zu nehmen

          Nach nur sechs Wochen war der Spuk für die Inhaberin vorbei. Familienmitglieder halfen mit Finanzspritzen. Sie versuchte den Neustart und kam schnell aus dem Gröbsten heraus. Trotz klingt heute an: „Ich bin krisenerprobt; wir haben gelernt zu kämpfen, wir gehen da durch, wir werden diese Krise überstehen“, schallt es stakkatomäßig entgegen. Insolvenz? Die sei überhaupt kein Thema, denn Roeckl stehe auf einem stabilen Fundament, mit dem die aktuelle Krise zu meistern sei. „Wir haben Substanz, wenn auch kein Speck.“ Ein bisschen Hilfe war schon nötig: Sie muss eingestehen, dass es womöglich ohne die Unterstützung durch die staatliche Förderbank KfW eng geworden wäre. Ein ganz hartes Jahr werde 2020 sein, was sich in jedem Fall bis Mitte nächsten Jahres hineinziehen werde.

          Unbeirrt hält sie dennoch an ihrem Kurs fest, die saisonale Abhängigkeit vom Winter, in dem drei Viertel des Umsatzes erzielt werden, zu verringern und das Sortiment auszuweiten. Doch die Umsetzung der Pläne ist ins Stocken geraten. Sondiert hatte sie bereits vergangenes Jahr, den Schritt nach China zu wagen. Dort hofft sie, die Stärke ihrer Marke ausspielen zu können. Es könnte ein wichtiger Kernmarkt werden, neben Deutschland, Österreich, Schweiz und auch Russland. Sogar mit Schulungen im Vertrieb wurde begonnen. Doch in schwierigen Zeiten Neuland zu betreten? Davor schreckt sie zurück und besinnt sich zunächst auf Beständigkeit und Kontinuität, auf Bewährtes und Vertrautes.

          Gezielt geht die Chefin vor, das Geschäft auf eine breitere Basis zu stellen. „Wir müssen sommerliche Leichtigkeit ins Sortiment bringen“, lautet ein Credo. Das bezieht sich nicht allein auf das bestehende Sortiment, das neben Handschuhen auch Tücher, Schals, Hüte, Gürtel, Geldbörsen, Schlüsselanhänger sowie Etuis umfasst. Konkret bereitet sie das Angebot von Schuhen vor; für die Frau im Sommer, wie sie sagt. Flipflops und Ledersandalen hat sie Ende April in das Programm aufgenommen, mitten im Lockdown und zu Beginn einer unsicher werdenden Frühjahr-/Sommer-Saison. Nun überlegt sie, klassische Damenschuhe ins Sortiment zu nehmen; doch es bleiben zunächst Gedankenspiele.

          Warum eigentlich nicht? Schließlich könne Roeckl mit Leder umgehen, verweist die Alleingeschäftsführerin auf die Kernkompetenz. Nicht nur deswegen liegt ein Angebot für Bekleidung von Hand und Fuß eng beieinander. Annette Roeckl betont die Gesetzmäßigkeiten in der Proportion eines menschlichen Körpers. Die besagen, dass die Schuhgröße auf die Handschuhgröße schließen lässt.

          Das Unternehmen

          Das Unternehmen

          Im Jahr verkauft die Roeckl Handschuhe & Accessoires GmbH & Co. KG 80.000 Paare Leder- und 35.000 Strickhandschuhe. Sie werden zum größten Teil in zwei eigenen Manufakturen handgefertigt, im kleinen Umfang auch von einem Partner in Indien. In Deutschland, Österreich und in der Schweiz sieht sich das Unternehmen als Marktführer. Mit 260 Mitarbeitern erzielt Roeckl einen Jahresumsatz von 16 Millionen Euro, der zu drei Viertel in der Wintersaison anfällt. Etwas mehr als die Hälfte steuern die 15 eigenen Filialen bei, den anderen Teil Handelspartner.

          Die Unternehmerin

          Annette Roeckl, 53 Jahre alt, leitet als Alleingeschäftsführerin seit 2003 das Familienunternehmen in sechster Generation. 1992 mit der Ausbildung im elterlichen Betrieb begonnen, hatte sie später ihre Mutter vorübergehend im Vertrieb vertreten. Damit flammte die Begeisterung für diese Aufgabe auf. Sie wuchs in die Nachfolgerolle hinein – als erste Frau an der Spitze. Dank ihrer Entschlossenheit überwand sie 2017 schnell die Insolvenz in Eigenverwaltung. Sie drückte die Kosten konsequent und bekam von Familienmitgliedern finanzielle Rückendeckung.

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