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Risikoforscher Höppe : „Auch New York ist vor einem Hurrikan nicht sicher“

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Professor Peter Höppe, Leiter der Georisikoforschung des Rückversicherers Munich Re Bild: Müller, Andreas

Die Versicherungsbranche habe aus dem Jahrhundertsturm „Andrew“ viel gelernt, sagt Peter Höppe. Der Leiter der Georisikoforschung des Rückversicherers Munich Re erwartet, dass es weniger Wirbelstürme geben wird, diese aber intensiver ausfallen.

          Herr Professor Höppe, genau vor 20 Jahren sorgte der Hurrikan „Andrew“ im amerikanischen Bundesstaat Florida für dramatische Verwüstungen. Mit Versicherungsschäden von 17 Milliarden Dollar war „Andrew“ die schlimmste Naturkatastrophe des vergangenen Jahrhunderts in Amerika. Meteorologen und Versicherer schienen vom Ausmaß der Schäden überrascht. Warum?

          „Andrew“ war in vielerlei Hinsicht ein einschneidendes Ereignis. Bis dahin hatte es vierzig Jahre lang keinen großen Hurrikan im Süden Floridas mehr gegeben. Man befand sich 1992 am Ende einer jahrzehntelangen Kaltphase natürlicher Klimaschwankungen im Nordatlantik. In einer solchen Periode gibt es nur etwa halb so viele starke Wirbelstürme wie in Phasen mit wärmeren Oberflächentemperaturen. Die aktuelle Warmphase begann erst 1995. Es ist aber erst seit etwa 15 Jahren allgemein anerkannt, dass es diese natürlichen Zyklen gibt. „Andrew“ machte den Bewohnern von Florida schlagartig klar, wie stark sie gefährdet sind. Er war ein Weckruf für die Region und die Versicherungsbranche.

          Eine Spur der Verwüstung durch Hurricane Andrew: Zerstörte Häuser im Süden Floridas Bilderstrecke

          Wie haben die Versicherer darauf reagiert?

          Der Sturm hatte enorme Konsequenzen für die Branche. Elf Versicherer gingen pleite, weil sie nicht geahnt hatten, welch geballte Risiken sie in ihre Bücher genommen hatten. Mittlerweile kontrollieren Versicherer die Anhäufung ihrer Risiken besser. Die Unternehmen berechnen nun, wie groß der Schaden maximal sein könnte, für den sie bei einem Ereignis zahlen müssten, das wahrscheinlich nur einmal in hundert oder sogar tausend Jahren eintritt. Sind Versicherer nicht fähig, für diese potentiellen Schäden aufzukommen, verzichten sie heute lieber auf weiteres Geschäft. Erstversicherer und Rückversicherer, die wie Munich Re die ganz großen Schäden versichern, nutzen für solche Szenarien seit „Andrew“ ausgefeilte Risikomodelle.

          Haben sich diese Modelle bei späteren Hurrikanen wie „Katrina“ bewährt, bei dem Ende August 2005 ein noch größerer Sachschaden entstand als bei „Andrew“?

          Ja. Nach „Katrina“ ist kein Versicherer mehr pleitegegangen. Versicherer können solche Ereignisse nun wesentlich besser managen. Die Modelle werden zudem immer ausgefeilter. Eine neue Erkenntnis nach „Katrina“ war zum Beispiel, dass Reparaturen nach großen Schäden teurer werden, weil sich das Material verknappt. Es kann in den neuesten Modellen auch berücksichtigt werden, dass die Intensität der Hurrikane wegen des Klimawandels zunehmen wird, auch wenn insgesamt wahrscheinlich etwas weniger Wirbelstürme entstehen dürften.

          Warum?

          Der Klimawandel bewirkt, dass Winde in größerer Höhe zunehmen. Das führt dazu, dass Tropenstürme zerrissen werden, bevor sie sich zu einem rotierenden Hurrikan formieren können. Hurrikane, die dennoch entstehen, werden aber intensiver, weil sich die Weltmeere erwärmen und dadurch mehr Wasser verdunstet. Die Kondensationsenergie des Wasserdampfs ist der Treibstoff für Wirbelstürme.

          Müsste das Hurrikanrisiko nicht dazu führen, dass Hausbesitzer in extrem gefährdeten Regionen wie Florida überhaupt keine Versicherungen mehr bekommen?

          Diese Risiken sind versicherbar, solange Versicherer eine adäquate Prämie erhalten. Besonders nach „Katrina“ wurden aber staatliche Versicherer gegründet, die niedrigere Prämien anbieten. Das macht es für nichtstaatliche Versicherer schwer, risikoadäquate Prämien zu erzielen. In Florida zogen sich einige Versicherer deswegen aus dem Markt zurück. Daneben ist auch für Rückversicherer, die ihre Risiken global diversifizieren können, die Grenze der zu deckenden Risiken bei einzelnen Extremszenarien irgendwann erreicht.

          Was könnte getan werden, um die Risiken zu minimieren?

          Man müsste den Leuten klarmachen, dass es gefährlich ist, in Florida an der Küste zu leben, und dass Hurrikanschäden sehr teuer werden können. Das sagt natürlich niemand, weil viele Interesse an weiterem Zuzug haben. Das Wirtschaftswachstum Floridas wurde in den vergangenen Jahren ja vor allem durch die Bauwirtschaft getrieben.

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